Mo Ganji sitzt da, gekleidet in Schwarz, inmitten des Weiß seines minimalistisch eingerichteten Studios in Berlin, und schaut auf das Papier. Eine Hand, ein Stift, eine Linie. Ganjis Zeichnungen erzählen nicht von Überfluss, sondern von Konzentration. Für Ganji ist Reduktion die Hinwendung zum Wesentlichen. So auch in seiner Kunst.
Abb. oben: Mo Ganji, Fish, 2025
Er führt den Stift mit Bedacht über das Papier, ohne ihn abzusetzen, ohne die Linie zu unterbrechen. „Etwas Einfaches zu kreieren ist wesentlich herausfordernder als etwas Komplexes “, so sagt Mo Ganji. Die Linie auf dem Papier nimmt ihren Lauf, erst gerade mit breitem Strich, schlägt Kurven, dann wird sie zart. Und nach und nach wird die Linie zu Form und Gestalt: Ein Bergmassiv. Ein Baum. Ein Wüstenfuchs. Ein küssendes Liebespaar. Immer dargestellt durch eine einzelne, ununterbrochene Linie. Mo Ganjis One-Single-Linie steht für die Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden ist, alles auf einen Ursprung zurückgeht. Ein Baum besteht aus Holz, aber woraus besteht das Holz? Je tiefer man den Baum, das Tier oder den Menschen betrachtet, desto deutlicher stellt man fest, dass allem die gleiche Materie zugrunde liegt. Es tritt lediglich in anderer Ausformung in Erscheinung. Ob wir es Natur nennen, oder Gott, oder Energie, bleibt jedem selbst überlassen. Und wer diese Botschaft darin nicht sieht, für den bleibt es immer noch eine außergewöhnliche Zeichnung.

Der Schritt zur Linie
Geboren im Jahr 1983 im Iran, dann mit den Eltern 1985 nach Berlin ausgereist, aufgewachsen in Berlin-Spandau, das nachmittägliche Spielen nahe der Berliner Mauer – Ganji lernte früh, wie Systeme funktionieren: durch seine Herkunft, sein Aufwachsen und sein Umfeld. Auch durch seinen Job in der Modeindustrie mit ihrer Konsumlogik und der ewigen Suche nach dem coolsten Statement. Irgendwann wurde ihm klar: „Mein früherer Job beruhte auf Werten, an die ich nicht glaube.“ Der Wechsel kam als ein innerer Schritt zurück in ein Leben in reduziertem Rahmen. Ein Leben, in dem die Linie zur Philosophie wurde.

Ganji wählt den Strich als künstlerisches Mittel, weil er überzeugt ist: Wenn Werkzeuge begrenzt sind, steigt die Konzentration. „Jeder kann etwas hinzufügen, hinzufügen und hinzufügen. Es wird erst dann wirklich interessant, wenn man nur über eine begrenzte Auswahl an Werkzeugen verfügt.“ So entstand aus dem Gedanken an Einfachheit seine Kunstform. Eine ununterbrochene Linie, die Figuren wie Tiere, Gesichter, Natur oder abstrakte Formen ins Leben zeichnet, ohne Umwege oder überflüssige Schnörkel. Ganji erläutert: „Diese Linie steht für das, was uns alle verbindet: ein unsichtbares Kontinuum, das Menschen, Tiere, Pflanzen, Wasser, Luft und Erde miteinander verknüpft. Nichts existiert isoliert. Jede Bewegung, jedes Handeln oder Nichthandeln, jedes Verschwinden zieht Spuren im Ganzen.“
In der Zeichnung liegt die innere Haltung
Ganji geht es in seiner Kunst um das, was hinter der Form liegt. Die Linie wird zum Denkraum: Der Stift in der Hand fängt die Essenz ein, das Wesentliche. Gerade in einer Welt, in der Reize überhandnehmen, uns tagtäglich überfluten, steht dieses radikale Sich-Beschränken für eine Rückkehr zum Ursprung. Wenn man ein Blatt mit einer Gestalt in einer einzigen Linie sieht, dann liegt darin auch eine Einladung an die Betrachtenden – zum Nachdenken, zum Innehalten.









Die Haltung, die sich durch sein Werk zieht, lautet: Reduktion – und darin Freiheit erschaffen. So wie Ganji es über Kleidung, Konsum und Alltag sagt. Er kleide sich bewusst in Schwarz, reduziere dadurch seine Wahlmöglichkeiten, um Zeit zu gewinnen. Ein Jahrzehnt lang schlief er auf einem Teppich auf dem Boden. Als Reminiszenz an seinen iranischen Großvater, der dies ein Leben lang getan hatte, und als Selbstversuch, wie wenig man eigentlich benötigt.
Auch heute noch ist sein Studio nur mit dem notwendigsten ausgestattet: „In meinen Kopf herrscht Unordnung. Die Ordnung im Außen hilft mir, mich zu fokussieren.“ So wird die Linie zur Metapher: Eine Entscheidung für das Weglassen, eine Hinwendung zur Essenz, dem Wesentlichen.
Die Linie als Kunstwerk
Kunsthistorisch lässt sich Ganjis Arbeit an die Bildsprachen minimalistischer und konzeptueller Kunst denken – zugleich aber übersetzt und transformiert sie diese in einen eigenen Kontext. Während etwa frühe abstrakte Linienzeichnungen bei Pablo Picasso, Paul Klee oder die seriellen Reduktionen bei Ellsworth Kelly bzw. Agnes Martin den formalen Akt der Linie oder Raster-Struktur zum Thema machten, nutzt Ganji die Linie als Spur des Denkens – nicht nur als visuelles Mittel, sondern als Ausdruck einer Haltung, eines Lebensrahmens. Indem er das Überflüssige weglässt, schafft er keinen bloßen Verweis auf Minimalismus, sondern einen Raum der Reflexion. So erweitert er die Linie – nicht als bloße Fortführung, sondern als zeitgenössische Erweiterung mit eigener Perspektive.
Wenn man den heutigen Blick auf Ganjis Arbeit richtet, erkennt man: Die Linie ist nicht nur Mittel, sondern Botschaft. Ein einzelner Strich auf weißem Grund fasst eine Gestalt in einer zusammenhängenden, ununterbrochenen Linie. Hier liegt Ganjis Methode, die zugleich Botschaft ist: Er konzentriert die Gestaltung, anstatt abzuschweifen; er wählt aus, anstatt zu überfrachten; er fokussiert bis auf den Kern. Wer eine Zeichnung von ihm betrachtet, sieht nicht nur die Form, sondern seine Haltung zur Welt: Ich begrenze mich, um zu erkennen. Ich reduziere, um das Wesentliche freizulegen.

Am Ende steht nicht die Zeichnung, sondern die Linie. Nicht die Gestalt, sondern ihr Kern. Nicht das Opulente, sondern das Eine. In einer Kunstwelt, die oft nach Mehr verlangt – mehr Fläche, mehr Farbe, mehr Effekt – setzt Mo Ganji auf Klarheit. Und mit jeder gezogenen Linie sagt er: Alles ist Eins. Und Eins ist genug.
Text: Stephanie Schneider, M.A.





