PROLOG | PERSÖNLICHES
Mo, stelle Dir vor, Du würdest uns in Deinem Atelier oder Zuhause empfangen. Wo sprechen wir zusammen, wo treffen wir Dich?
Wahrscheinlich sitzen wir bei mir zu Hause an unserem Esstisch.
Mein Studio ist sehr steril. Dort steht wirklich nur das Nötigste. Es gibt einen Stuhl für Besucher, und sonst ist alles so eingerichtet, dass es praktikabel und effizient ist. Es ist kein gemütlicher Ort, um ein Gespräch zu führen.
Mein Zuhause ist dafür wie gemacht. Viel Holz, lichtdurchflutet und eine warme Atmosphäre. Beide Orte erfüllen ihren Zweck. An dem einen kann ich konzentriert arbeiten, an dem anderen fühle ich mich geborgen.
Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz?
Mein Lieblingsplatz ist wahrscheinlich in meinem Schrebergarten. Dort kann man die Seele baumeln lassen. Ungestört.
Du wurdest 1983 im Iran geboren und bist dann mit Deinen Eltern im Jahr 1985 nach Berlin gekommen. Aufgewachsen bist Du in Spandau. Du sagst, Du kannst Dich daran erinnern, an der Mauer gespielt zu haben. Erzähle uns bitte mehr darüber, und welche Stationen und Menschen Dich in Deinem bisherigen Leben besonders geprägt haben.
Die Kindheit in Spandau hat mich in vielerlei Hinsicht geprägt. Wir sind in eine Hochhaussiedlung am Stadtrand gezogen, die umgeben war von Feldern, Seen und Wäldern. Ich habe also den Großteil meiner Kindheit in der Natur verbracht.
Ich bin in ziemlich einfachen Verhältnissen groß geworden, was meine Kreativität gefördert hat. Wenn man nicht viel besitzt und sich langweilt, lernt man, ohne es zu merken, sich selbst zu beschäftigen, Luftschlösser zu bauen und ganze Fantasiewelten zu erschaffen.
Außerdem habe ich früh gelernt, dass Visionen in Erfüllung gehen können, wenn man Verantwortung übernimmt und vom Träumen ins Schaffen kommt.

Welche Schriftsteller*innen findest Du derzeit spannend und welche Bücher finden sich in Deinem Bücherregal?
Keine. Ich habe vor Jahren alle meine Bücher inklusive Bücherregal verschenkt. Ab und zu bekomme ich ein Buch geschenkt. Wenn ich es lese, was selten vorkommt, lege ich es anschließend in den Hausflur.
Das letzte Buch habe ich gehört: Orion Taraba, The Value of Others.
Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt?
Ich glaube, dass mich Filme mehr geprägt haben als Bücher, weil ich durch und durch ein visueller Mensch bin. Selbst meine Gedanken wandel ich in Bilder um.
Es gibt trotzdem Bücher, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben: Hermann Hesse, Siddhartha Paulo Coelho, Der Alchimist Eckhart Tolle, Jetzt Spinoza, Ethik …
Außerdem Osho, Harari, Hawkins, Viktor Frankl, Ram Dass. Hauptsächlich Philosophie und Lebensweisheiten, bis ich irgendwann für mich erkannt habe, dass die wertvollsten Weisheiten die sind, die ich selbst entdecke und erfahre. Diese vergesse ich nie.
Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit?
Mein Sudokuheft. Vor dem Schlafengehen und nach dem Aufwachen, jeweils ein Rätsel.
Welche Musik hörst Du und wann?
Ich höre alles, immer und durcheinander. Natürlich habe ich verschiedene Playlists für unterschiedliche Anlässe. Die Playlists, die ich am meisten höre, sind aber wie musikalische Tagebücher.
Sie entstehen so. Drei Monate lang sammle ich Lieder, die ich im Alltag aufschnappe. Die kommen alle in eine Playlist. Nach drei Monaten habe ich eine chronologische Sammlung von Musik, die repräsentativ für diesen Zeitraum ist, zum Beispiel Sommer 2025. Wenn ich die Liste später höre, kann ich den ganzen Sommer noch einmal durchleben. So mache ich das schon seit einiger Zeit.

Wenn Du etwas für uns kochen würdest, was wäre es?
Ich koche nicht, ich bereite Essen zu. Wahrscheinlich würde ich euch Huhn mit Brokkoli und Süßkartoffeln machen. Das deckt vieles von dem ab, was wir an Nährstoffen brauchen.
Was isst Du am liebsten?
Schokolade. Natürlich nur wegen des Magnesiums.
Und was hältst Du vom Frühstücken?
Die beste Mahlzeit des Tages.
Vier Eier oder Quark mit Beeren.
Welchen Sport oder Ausgleich zu Deiner künstlerischen Arbeit betreibst Du?
Ich mache seit meinem fünfzehnten Lebensjahr regelmäßig Sport. Ich habe acht Jahre lang American Football gespielt, bin mehrfacher deutscher Meister geworden und habe nach der Zeit beim Football aus Gewohnheit immer weiter trainiert.
Heute geht es mir vor allem darum, dass mein Körper funktionsfähig und gesund bleibt. Ich habe zu Hause ein eigenes Studio und trainiere fünf bis sechsmal die Woche. Das ist ein bisschen wie Zähneputzen. Es gehört einfach dazu, und man macht es, ohne groß darüber nachzudenken.
Für welche besonderen Leidenschaften oder Hobbies brennst Du?
Ich habe das Gärtnern für mich entdeckt. Die Arbeit im Garten hat etwas Meditatives, und während ich in der Erde wühle, denke ich nicht so viel nach.
Neben dem Buddeln liebe ich das analoge Fotografieren. Es zwingt mich dazu, mir Zeit zu nehmen, genau hinzuschauen und den Auslöser mit Achtsamkeit zu drücken. So sind unendlich viele Bilder entstanden, die mich glücklich machen, wenn ich sie mir anschaue. Eine Anmerkung.
Ich habe keine Ahnung vom Fotografieren und vom Gärtnern, was beides spielerisch und aufregend macht.
Welches Persönlichkeitsmerkmal macht Dich besonders aus?
Ich bin sehr ehrlich, manchmal zu ehrlich.
Hast Du ein Anliegen, das Du mit uns teilen möchtest? Oder eine Antwort auf eine (nicht von uns gestellte) Frage, die Dich aktuell bewegt?
Nein.
INTERVIEW | KÜNSTLER + POSITION
Bitte teile mit uns die Stationen Deines künstlerischen Werdegangs.
Als Teenager habe ich, um mir Geld zu verdienen, Wandbilder gemalt, in Restaurants, Büros, Clubs und Bars. Später habe ich angefangen, Zinnsoldaten zu bemalen und an Malwettbewerben teilzunehmen, die ich auch auf nationaler Ebene gewonnen habe. So konnte ich mir meine ganze Jugend lang vieles finanzieren.
Eine Ausbildung im Kunstbereich habe ich nicht. Ich glaube, Kreativität ist etwas, das man in sich trägt und das sich irgendwann seinen Weg an die Oberfläche bahnt.
Wie bist Du zur Kunst gekommen? Oder kurz: Warum Kunst?
Eines meiner größten Prinzipien im Leben ist Freiheit, die Freiheit, zu tun und zu lassen, was man möchte.
Kunst ist der ideale Raum für Freiheit. Sie kennt keine Grenzen und gibt mir, wonach ich mich schon immer gesehnt habe, eine Möglichkeit, mich auszudrücken, ohne mich an Regeln halten zu müssen.

Was macht Dich aktuell glücklich?
Sowohl im Kunstkontext als auch im Leben, für mich gibt es da keinen großen Unterschied, macht mich Authentizität am glücklichsten. Künstler und Menschen, die echt sind.
Was macht Dir aktuell Angst?
Im Moment bin ich ziemlich angstfrei. Ich hoffe das bleibt so.
Das liegt wahrscheinlich daran, dass das überwiegende Gefühl Vertrauen ist. Ich glaube, dass es keinen Zufall gibt und dass am Ende alles gut wird. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.
Dieses Vertrauen nimmt so viel Raum ein, dass für Angst kaum Platz bleibt.
Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann?
Vielleicht ist Verantwortung nicht das richtige Wort. Ich glaube, Kunst ist das Einzige, was im Leben wirklich Sinn macht. Ohne Kunst wäre das Leben ein sich ständig wiederholender, monotoner Kreislauf.
Eine Welt ohne Musik, Bilder, Filme, Lyrik usw. wäre eine ziemlich triste Welt. Wenn das Ganze dann noch von der Frequenz der Liebe getragen ist, gibt es wahrscheinlich nichts Sinnvolleres.

Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinem Werk – was sind die zentralen Themen?
Was sich immer mehr herauskristallisiert. Alles, was ich tue und erschaffe, ist im Grunde ein Spiegel meiner Persönlichkeit und meiner Werte.
Ich versuche, Dinge zu vereinfachen und zu reduzieren, um das Wesentliche sichtbar zu machen. Es ist einerseits das Praktische und andererseits das Philosophische, dass meine Arbeit prägt.
Eine Linie, um alles zu erzählen, nicht mehr und nicht weniger. Im Kern sehr einfach und dadurch hochkomplex. Wie das Leben selbst.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?
Ich muss mich gar nicht so sehr schützen. Die größte Inspiration in meinem Leben ist die Natur. Der Rest ist mehr Ablenkung als Inspiration.
Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?
Ich habe eigentlich immer eine Vision und plane dementsprechend viele Schritte im Voraus, um diese umzusetzen.
Das erlaubt mir dann, im Prozess intuitiv zu sein, ohne mir großartig Gedanken machen zu müssen.
Was sind Deine (nächsten) Ziele?
Ich würde gern mehr Menschen mit meiner Arbeit erreichen und sie zum Nachdenken bringen.
Das Thema Skulpturen beschäftigt mich. Dem möchte ich mich in Zukunft widmen, denn die Frage der Perspektive fasziniert mich. Was passiert mit einem Objekt, wenn wir unseren Standpunkt wechseln? Verändert der Standpunkt die Erfahrung? Verändert die Erfahrung das Gefühl? Und wenn sich beides verändert, haben wir dann nicht auch immer die Wahl unsere Realität zu verändern, indem wir uns einfach bewegen, ohne dass sich was im Außen bewegt?
Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?
Prinzipiell glaube ich, dass man ohne Glauben verloren ist. Denn im Grunde wissen wir nichts. Eine Erkenntnis, die ich mit sechs Jahren hatte:
“- Mama, was passiert, wenn wir sterben?
– Wir kommen in den Himmel.
– Mama, warst du schon mal im Himmel?
– Nein.
– Woher weißt du das dann?
– Ich weiß es nicht. Ich glaube es.
– Mama, heißt glauben dann nicht wissen?”
Woran wir glauben, ist im Grunde egal, solange es uns Mut, Hoffnung, Kraft und Motivation gibt, um unsere Visionen zu erfüllen.
Religion spielt für mich persönlich in diesem Zusammenhang keine große Rolle, solange man sie im eigenen Herzen ausübt und nicht auf die Straße trägt.

Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?
Ich würde gerne Tiere aus Metall bauen und an unterschiedlichen Orten auf der Welt aufstellen, damit sie die Energie der Umgebung aufnehmen. Ein lebensgroßes Kamel vor den Pyramiden. Einen Silberrücken in den Bergen von Uganda, ein Nashorn in der Savanne etc.
Diese Skulpturen würde ich dann gerne in Naturkundemuseen auf der ganzen Welt zeigen.
Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?
Für mich ist Kunst dann gut, wenn ich stehen bleibe, wenn ich mich darin verlieren kann, wenn ich etwas fühle. Das ist völlig subjektiv.
Als ich jünger war, habe ich Kunst oft danach bewertet, ob ich den Schaffensprozess nachvollziehen kann. Wenn das der Fall war, war die Kunst für mich uninteressant, sie verlor etwas von ihrem Zauber.
Heute sehe ich das nicht mehr so streng und versuche tendenziell, nichts mehr zu werten, sondern es nur noch wahrzunehmen.

Wird man als Künstler*in geboren? Oder ist ein Kunststudium Pflicht?
Sowohl die Bezeichnung Künstler als auch das Kunststudium sind Konzepte. Und wenn Kunst etwas nicht ist, dann ein Konzept. Konzepte haben die Tendenz auszugrenzen. Das ist nach meinem Verständnis nicht das, was Kunst tun sollte.
Ich halte nicht viel von Titeln und Schubladen. Wir werden alle mit Potenzial geboren, und manche von uns sind so privilegiert, dass sie die Zeit und die Ressourcen haben, dieses Potenzial zu entdecken und zu vertiefen.
Ich würde mich als sehr kreativen Menschen bezeichnen. So bin ich geboren, aber nicht als Künstler.
Wie siehst Du die Zukunft von Kunst im Zeitalter von KI?
Über KI denke ich nicht mehr viel nach. Ich gehe davon aus, dass sie nicht in der Lage ist, dieselben Fehler zu machen wie wir.
Aber genau diese Fehler sind es, die ein Werk am Ende sichtbar und einzigartig machen.
Wie stehst Du zum Thema NFT?
Ein Thema, mit dem ich mich noch etwas intensiver beschäftigen müsste, um eine wirklich fundierte Antwort zu geben.
Mein Bruder kennt sich da deutlich besser aus als ich. 😉
Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst?
Meiner Frau.
Sie ist mein bester Freund und mein Lieblingsmensch.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?
Ein Sudoku-Rätsel, ein Glas Wasser mit Zitrone, Stretching, Sport, duschen.
Jeden Morgen, ohne Ausnahme. Disziplin ist eine Tugend, die gerade am Morgen unverzichtbar ist, denn der Morgen bestimmt oft den Verlauf des gesamten Tages.
Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?
Ob sie notwendig sind, weiß ich nicht. Aber sie sind definitiv ein Teil der Kunstwelt, und ohne sie würde etwas fehlen. Sie haben sicherlich ihre Berechtigung, aber wie alle Institutionen sollten sie sich auch der Zeit anpassen.
Social-Media – Segen oder Fluch?
Einerseits ist es ein zeitgemäßes Tool, um mit der Welt in Kontakt zu treten und die eigene Arbeit und Haltung zu teilen.
Andererseits lädt es dazu ein, eine Version von sich zu erschaffen, die künstlich und unauthentisch wirkt.
Am Ende ist Social Media weder gut noch schlecht. Wie jedes Werkzeug ist es ein Mittel, und ob es Segen oder Fluch ist, hängt nur davon ab, wie man es benutzt.
Lies mehr über die künstlerische Botschaft von Mo Ganji in THE DEED | DAS WERK:
THE DEED | DAS WERK: Mo Ganji
Der 1983 im Iran geborene und seit 1985 in Berlin lebende Künstler Mo Ganji spricht über die zentrale Botschaft seines künstlerischen Werks.
Mo, bitte beschreibe das Kernthema und die zentrale Botschaft Deines Werks.
Wie viel lässt sich reduzieren, ohne die Essenz zu verlieren?
Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass es im Kern keinen Unterschied gibt, dass alles gleich ist. Alles kommt aus derselben Quelle.
Stelle uns die Arbeit vor, die exemplarisch für die Botschaft Deines Werks steht, oder diese aus Deiner Sicht am besten verkörpert.
Ich würde einfach nur einen Strich zeigen, eine einfache Linie, die sinnbildlich für alles steht.
Was ist das Ziel Deiner Kunst, Deines künstlerischen Werks? Was soll es beim Betrachtenden bewirken?
Sie soll zum Nachdenken anregen, zum Hinterfragen, zum Dialog mit sich selbst und mit der Außenwelt. Sie darf provozieren und gleichzeitig verbinden.
Sie soll Bewusstsein schaffen und Fragen aufwerfen. Was ist wichtig? Was ist wirklich wesentlich?
--------------------------------------------------------------
Die Frage nach THE DEED | DAS WERK ist ein ergänzender und separat präsentierter Teil des THE INTERVIEW IN|DEEDS mit Mo Ganji.
EPILOG | AKTUELLES
Der neue Werkzyklus 1 – CORE | KERN | 核心 – mit 250 Single Line Werken auf Post-Its aus der Serie Lifeline | Lebensader| 生命線 von Mo Ganji wird von Donnerstag, 18. Dezember bis Sonntag, 21. Dezember 2025 auf der Kunstmesse MOORDN Art Fair im Haizhu International Convention & Exhibition Center in Guangzhou, China, präsentiert.
DEEDS-Interviews werden von unserer Redaktion nicht redigiert oder gekürzt und stets im O-Ton wiedergegeben. Daher nehmen wir auch keine Übersetzung des Interviews in Englische bzw. Deutsche vor, es sei denn, diese wird seitens des/der Interviewten eingereicht, oder wir werden mit der Übersetzung betraut. Hier wurde die deutsche Version des Interviews vom Künstler eingereicht. Die Übersetzung ins Englische wurde auf Bitten des Künstlers von unserer Redaktion vorgenommen.





