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Freitag, Januar 16, 2026

Mo Ganji: ALMOST LOST | 幾乎遺失 – CSR.ART | 07.12.2025-24.01.2026

Editors’ Choice

Ab dem 7. Dezember 2025 präsentiert der CSR.ART Contemporary Show Room die erste Einzelausstellung des Berliner Künstlers Mo Ganji. Unter dem Titel ALMOST LOST | 幾乎遺失 zeigt CSR.ART eine Auswahl von 70 Arbeiten aus Ganjis Single-Line-Werken zu 250 bedrohten oder bereits ausgestorbenen Lebensformen. Die essentialistischen Arbeiten sind auf handelsüblichen Post-its ausgeführt, ein Medium, das für wichtige Notizen gedacht ist. Es wird bei Ganji zum Reminder für das, was beinahe übersehen oder gar bereits verloren ist. Zugleich stellt Ganji in der maximalen Reduktion auf die einzelne Linie als Ausdrucksmittel die Frage nach der Verbindung allen Seins.
Ganjis Solo-Show in Berlin findet parallel zur Präsentation seiner vollständigen 8. Werkgruppe mit 250 Motiven auf der MOORDN Art Fair in Guangzhou (China) statt. Das beeindruckende gesamte Werk ALMOST LOST | 幾乎遺失 umfasst 250 Motive in 99 Werkgruppen handgezeichneter serieller Unikate. Die Werkgruppen sind Teil des übergeordneten Werkthemas CORE | 核心 | LIFELINE | 生命線.
Begleitend zeigt CSR.ART im Fensterkabinett den Düsseldorfer Maler Xianwe Zhu mit seiner ikonischen Serie Little Gentleman und einer Auswahl seiner inneren Landschaften. Der in China aufgewachsene Künstler schlägt mit seinem daoistischen Ansatz eine Brücke zu Mo Ganji. Die Ausstellung wird bis zum 24. Januar 2026 am Standort des CSR.ART im BIKINI BERLIN gezeigt.

Abb. oben: Mo Ganji, African Forest Elephant | Afrikanischer Waldelefant | Loxodonta cyclotis, 2025, Drawing pen on Post-It paper, 7,5 x 7,5 cm | 2.9 x 2.9 in, certified, dated, signed and numbered on the reverse, serial unique artwork, No. 001/250 (unique variant) from work group 8/99, WV|CR ART 0004251, © 360degrees.art

Die Linie als Essenz

Als Vertreter des Essentialismus arbeitet Mo Ganji seit vielen Jahren mit der reduzierten Form der Single-Line-Zeichnung, bei der jede Figur aus einer einzigen, ununterbrochenen Linie entsteht. Das Werk richtet den Blick auf Entitäten, die stellvertretend für Fragilität, Bedrohtheit und die grundsätzliche Verbundenheit aller Lebensformen stehen. Die Ausstellung ALMOST LOST | 幾乎遺失 im CSR.ART zeigt 70 ausgewählte Motive verschiedener Arten, die auf der Roten Liste der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) zu finden sind. 42.000 Arten weltweit wurden dort mit ihrem jeweiligen Status der Roten Liste klassifiziert, der sich in sechs Stufen unterteilt – von ‘nicht gefährdet’ bis ‘ausgestorben’.

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Mo Ganji, Andean Mountain Cat | Anden-Bergkatze | Leopardus jacobita, 2025, Drawing pen on Post-It paper, 7,5 x 7,5 cm | 2.9 x 2.9 in, certified, dated, signed and numbered on the reverse, serial unique artwork, No. 009/250 (unique variant) from work group 8/99, WV|CR ART 0004259, © 360degrees.art

Ganjis Methode verleiht der Linie eine philosophische Tiefenschicht. In der Werkserie CORE | 核心 | LIFELINE | 生命線 wird die ununterbrochene Linie zur Metapher des Lebens selbst: ein Kontinuum, das Richtungswechsel, Schleifen und Brüche kennt, aber dennoch zusammenhängt. Philosophisch erinnert dies an Heraklits Vorstellung des stetigen Fließens und an Überlegungen, die das Wesen eines Lebewesens im fortlaufenden Ausdruck seiner Lebensbewegung verorten. Die Linie verweist dabei auf eine innere Kontinuität, die trotz Veränderung bestehen bleibt; auf das, was ein Wesen im Kern ausmacht. In buddhistischen Traditionen wiederum erscheint die Linie als Ausdruck des „Interbeing“: als Hinweis darauf, dass kein Wesen isoliert existiert, sondern in ein Netz von Verbundenheiten eingebettet ist.

So entsteht aus jeder Zeichnung nicht nur die Kontur eines Wesens, sondern die Spur einer Existenz. Eine sichtbare Verdichtung seines Daseins, seiner Präsenz und seiner lebendigen Zusammenhänge. Sie zeigt ein Lebewesen in seiner Komplexität, ohne mehr als das Notwendigste einzusetzen.

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Mo Ganji, Obey Crayfish | Obey-Flusskrebs | Cambarus obeyensis, 2025, Drawing pen on Post-It paper, 7,5 x 7,5 cm | 2.9 x 2.9 in, certified, dated, signed and numbered on the reverse, serial unique artwork, No. 147/250 (unique variant) from work group 8/99, WV|CR ART 0004259, © 360degrees.art

Die Entscheidung für Post-its als Träger verleiht den Arbeiten eine zusätzliche Ebene. Das Medium, eigentlich für flüchtige Notizen gedacht, wird zu einem Reminder: an das, was nicht vergessen werden darf. An das, was leicht übersehen wird. In dieser Kombination von Lifeline und Post-it entsteht eine eigentümliche Spannung: eine lebendige Linie auf einem Objekt, das traditionell für das Vorläufige steht. Ganjis Werk fragt hier ruhig und ohne Pathos, welche Rolle unsere Wahrnehmung und Aufmerksamkeit im Umgang mit der natürlichen Mitwelt spielen. Und welche Konsequenzen es für uns bedeutet, wenn wir es an Achtsamkeit gegenüber dieser Mitwelt missen lassen.

Themen des Bewahrens und der Verbundenheit

Immer wieder taucht in Mo Ganjis Arbeit die Frage auf, wie viel reduziert werden kann, ohne dass das Wesentliche verloren geht. Diese Reduktion bezieht sich dabei auf weit mehr als auf die Linie als künstlerisches Konzept: Es stellt die Frage nach dem Bewahren und dem Anerkennen von Verbundenheit zwischen allen Lebewesen und allem Sein. Ganjis 7. Werkgruppe ALMOST LOST | 幾乎遺失 führt dieses Motiv fort und verbindet es mit der Idee der gemeinsamen Lebenslinie, die sich durch die Vielfalt der gezeigten Wesenheiten zieht. Dabei wird deutlich: Gerade durch die Reduktion wird es uns möglich, zum Kern des Seins vorzudringen. Nichts lenkt ab, nichts überlagert das Wesentliche. Die Linie ist für Ganji eine Methode, Komplexität zu durchdringen, ohne ihr auszuweichen, und zugleich ein Weg, die Dinge so zu belassen, wie sie sind – ohne Dekoration, ohne Überhöhung.

„Wenn wir das Wesentliche erkannt haben, braucht es nicht mehr viel, um Bedeutung zu finden.“

Mo Ganji

Aus dieser Haltung ergibt sich auch seine Überzeugung, dass die Erkenntnis des Wesentlichen im buchstäblichen Sinne dadurch gelingt, freizulegen, was bereits in einer Wesenheit vorhanden ist und deren Kern bildet – nicht in dem, was wir an äußeren Zuschreibungen und menschlichen Konzepten auf ein Wesen übertragen. Im Interview mit DEEDS formuliert er: „Wenn wir das Wesentliche erkannt haben, braucht es nicht mehr viel, um Bedeutung zu finden.“ Die Reduktion auf das Wesentliche wird hier als ein präzises Werkzeug verstanden: Sie macht sichtbar, was im Überfluss zu verschwinden droht. Die Linie zeigt mehr als Formen, sie portraitiert neben der Persönlichkeit eines jeden Wesens auch dessen Empfindsamkeit und Verletzlichkeit. Schlussendlich erkennen wir, dass die Form, die die Linie umschreibt, nur durch unsere Zuschreibung zu dem wird, was mir meinen, das sie sei. Diese Auffassung kulminiert in der Ausstellung in drei Single-Line-Gemälden, die in ihrer maximalen Reduktion den Kern als Essenz freilegen. Gleichzeitig laden sie alle Betrachtenden ein, in den Linien zu sehen, was die eigene Vorstellung ermöglicht. Denn die Linie ist alles.

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Mo Ganji, Skull, 2025, ink on paper, 59 x 42 cm, signed

In all diesen Perspektiven wird ALMOST LOST | 幾乎遺失 auch zu einem Nachdenken über das Gemeinsame: über das, was alles Leben miteinander verbindet und was in unserem Selbstverständnis als Mensch, die wir uns fälschlicherweise außerhalb der Natur wähnen, oft übersehen wird. Ganji beschreibt es als eine Suche nach dem Punkt, an dem Unterschiede an Bedeutung verlieren. Nicht, weil sie nicht existieren, sondern weil sie im Kern, in ihrer Essenz, auf dasselbe zurückweisen, was alles miteinander verbindet.

Mo Ganji

1983 im Iran geboren, lebt Mo Ganji seit 1985 in Berlin. Ohne klassische künstlerische Ausbildung entwickelte er seine Praxis autodidaktisch, zunächst in Wand- und figurativer Malerei. Seit Mitte der 2010er-Jahre konzentriert er sich vollständig auf die Single-Line-Zeichnung, die zu seinem zentralen Ausdrucksmittel geworden ist. Seine Zeichnungen erarbeitet der Künstler nicht nur auf Papier, sondern auch auf Haut in Form von Tattoos – der Schauspieler Brad Pitt trägt auf diese Weise gleich drei Kunstwerke Mo Ganjis mit sich. Heute zählt Ganji zu den bekanntesten Positionen, die mit radikaler zeichnerischer Reduktion arbeiten.

DEEDS.NEWS - Artist Mo Ganji mit Brad Pitt
Brad Pitt und Mo Ganji, Foto: privat

Ganjis Werke entstehen aus einer einzigen, ununterbrochenen Linie. Seine Arbeiten kreisen um Fragen von Essenz, Verbundenheit, Verantwortung und Wahrnehmung. Wiederkehrende Themen sind Mensch–Natur-Beziehungen, ökologische Fragilität, das Motiv des „Wir sind eins“ sowie die Suche nach einem visuellen Kern menschlicher und nicht-menschlicher Existenz. Arbeiten von Mo Ganji wurden in internationalen Medien vorgestellt und werden häufig in gestalterischen und kunstbezogenen Kontexten als Referenz für zeitgenössische Minimal- und Single-Line-Kunst herangezogen. Zu seinen bekanntesten und wohl ungewöhnlichsten Arbeiten zählt „The World Piece“, ein internationales Kunstprojekt, bei dem 61 Menschen aus 61 Ländern jeweils ein zusammenhängendes Linien-Kunstwerk auf ihre Körper tätowiert erhielten, entworfen von Mo Ganji. Das Projekt setzte ein eindrucksvolles Zeichen für globale Verbundenheit, Verständnis und Gemeinschaft über Grenzen hinweg.

Im Kabinett: Xianwei Zhu – Little Gentleman + Inner Landscapes

Begleitend zur Hauptausstellung präsentiert CSR.ART im Kabinett Arbeiten des Künstlers Xianwei Zhu. Dessen Serie „Little Gentleman“ beschäftigt sich mit dem Thema Kindheit. Im Zentrum steht ein junger Mensch, dessen Suche nach Orientierung und Nähe sich in der Beziehung zu Tieren, Büchern, Spielzeug oder Blumen ausdrückt. Die Figuren wirken beobachtend, manchmal still zurückgezogen. In ihnen spiegelt sich die Suche nach einem Ort in der Welt, der sie von den Konformitäten und Zwängen der Gesellschaft befreit und der Seele Raum gibt, sich zu entfalten. Dagegen verweisen Zhus Landschaften auf einen Ort im Inneren. Inspiriert durch die Malerei der deutschen Romantik, u.a. Caspar David Friedrich, platziert er einen winzigen Menschen in einer landschaftlichen Kulisse, die sich nie auf einen realen Ort bezieht, und somit universell ist.

Xianwei Zhu, in a landscape No. 7, 2021, Acryl auf Leinwand, 180 x 150 cm

Zwischen beiden Positionen – Mo Ganji und Xianwei Zhu – lässt sich eine stille Verbindung erkennen. Sie betrifft den Umgang mit Verletzlichkeit, das Bewusstsein für das Zarte und gleichzeitig Wesentliche im Leben. Wo Ganji die Linie nutzt, um auf die Essenz und den Kern zu verweisen, zeigt Zhu die Versuche eines Menschen, diese Welt überhaupt zu verstehen und in ihr einen Platz zu finden. Beide Arbeiten betonen auf unterschiedliche Weise, was es bedeutet, eingebunden zu sein – in Natur, in Beziehungen, in die eigene Zeit.

Xianwei Zhu

Xianwei Zhu wurde 1971 in Qingdao (China) geboren. Nach dem Studium der Kunstpädagogik an der Shandong University / Shandong College (1989–1993) und der Malerei an der China Academy of Art in Hangzhou (1993–1996) war er mehrere Jahre als Dozent an der Qingdao University tätig. 2001 zog er nach Deutschland, um an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Freie Malerei bei Prof. Cordula Güdemann zu studieren; 2008 schloss er das Studium mit Diplom / MFA ab. Es folgten Lehraufträge und Professuren, u. a. an der Merz Akademie in Stuttgart, der Beijing Film Academy, der Yunnan Art Academy sowie der Technischen Universität Dortmund.
Zhu lebt und arbeitet in Stuttgart, Düsseldorf und Krefeld. Seine Malerei verbindet traditionelle chinesische Tusch- und Landschaftsmalerei mit Elementen deutscher Landschaftsmalerei der Romantik. Charakteristisch für sein Werk ist eine Verbindung von chinesisch-daoistischer Landschaftstradition und moderner, teils abstrakter Malweise. Zhu thematisiert dabei Leere, Erinnerung und das Unterwegssein zwischen Kulturen. Die dargestellte Landschaft wird bei Xianwei Zhu in ihrer Abstraktheit zu einer inneren Landschaft.

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Xianwei Zhu während einer Malerei-Performance, Foto: privat

Zhus Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, China, USA, Österreich, Rumänien und Liechtenstein gezeigt. Zudem ist Zhu in mehreren öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten, u.a. in der Staatsgalerie Stuttgart, der Sammlung des Landes Baden-Württemberg und weiteren institutionellen Sammlungen.

CSR.ART im Bikini Berlin

CSR.ART Contemporary Show Room zeigt seit 2022 Positionen der Gegenwartskunst, unabhängig von Herkunft, Alter oder Geschlecht der Kunstschaffenden, an wechselnden Orten. Die Ausstellungen sind häufig thematisch oder dialogisch angelegt und entwickeln im Zusammenspiel eigene Resonanzen. Seit 2022 wurden im CSR.ART bisher 25 Ausstellungen mit weit über 250 Künstlerinnen und Künstlern aus 37 Ländern gezeigt.

WANN?

Ausstellungsbeginn

Sonntag, 7. Dezember 2025, 13-18 Uhr (verkaufsoffener Sonntag)

Ausstellungsdaten:

Sonntag, 7. Dezember 2025 – Samstag, 24. Januar 2026

geöffnet Di bis Sa 10 – 19 Uhr und nach Vereinbarung

WO?

CSR.ART Contemporary Show Room
@BIKINI BERLIN im EG links, Eingang Richtung Zoo Palast Kino
Budapester Str. 38-50
10787 Berlin

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