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Samstag, Februar 14, 2026

Human and Nature in Times of Loneliness – ein kuratorischer Rückblick von Zuleykha Ibad

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Wie lässt sich Einsamkeit denken in einer Gegenwart permanenter Übertragung? Die Ausstellung Human and Nature in Times of Loneliness brachte im Dezember 2025 in Quedlinburg internationale künstlerische Positionen zusammen, die das Verhältnis von Mensch, Umwelt und Kommunikation unter Bedingungen technologischer Verdichtung und ökologischer Erschöpfung untersuchten. Die Kuratorin Zuleykha Ibad blickt auf das Projekt zurück.

Abb. oben: Kuratorin Zuleykha Ibad © Zuleykha Ibad

Im Dezember 2025 wurde in Quedlinburg die Ausstellung Human and Nature in Times of Loneliness realisiert. Über einen Zeitraum von acht Tagen kamen Arbeiten von Benjamin Claux, Vincent Jondeau, Clara Juan, Ilyas Grunt und Oliver Juan zusammen. Das Projekt wurde von I-opener e.V. getragen, von der Stadt Quedlinburg sowie durch das Bundesprogramm Demokratie leben! unterstützt und durch ein öffentliches Programm mit regionalen Partnern ergänzt.

Die Ausstellung war als konzentriertes Format angelegt, zeitlich begrenzt und bewusst offen zugänglich. Installationen, Videoarbeiten, Zeichnungen und interaktive digitale Werke bildeten den Kern der Präsentation. Parallel dazu wurde ein Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm entwickelt, das Workshops, Gespräche, Führungen und niedrigschwellige Austauschformate umfasste. Der Ausstellungsort in der Carl-Ritter-Straße fungierte dabei nicht nur als Präsentationsraum, sondern als öffentlicher Ort, der Aufenthalt, Gespräch und Wiederkehr zuließ.

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Foto Vincent Jondeau

Ausgangspunkt der Ausstellung war eine Beobachtung, die weniger neu als dringlich ist: Wir leben in einer Gegenwart permanenter Kommunikation. Signale, Daten und Bilder zirkulieren ununterbrochen. Gleichzeitig wird Resonanz zunehmend fragil. Human and Nature in Times of Loneliness näherte sich Einsamkeit daher nicht primär als individuelles Empfinden, sondern als Zustand, der mit technologischen Infrastrukturen, ökologischen Umbrüchen und institutionellen Abläufen verbunden ist.

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Foto Vincent Jondeau

Die einzelnen künstlerischen Arbeiten setzten an unterschiedlichen Punkten dieser Konstellation an. Benjamin Claux untersuchte in Apocalypse Now? und Spatium Fantasma die politischen Dimensionen von Bildern und Übertragungssystemen – von wissenschaftlicher Visualisierung bis zu Störungen in Kommunikationsprotokollen. Vincent Jondeau verfolgte in Pelkė eine Bewegung durch ein litauisches Moor und machte Prozesse sichtbar, die zwischen ökologischer Wiederherstellung und extraktiver Nutzung angesiedelt sind. Clara Juan stellte in Ontologies vier verschiedene Formen des Weltbezugs nebeneinander und legte offen, dass Konzepte von „Natur“ immer an bestimmte Deutungs- und Ordnungssysteme gebunden sind. Ilyas Grunt kartierte in der navigierbaren digitalen Arbeit Ghost of Georgia sowie in der Fotocollage Contrasted Remnants die Nachwirkungen von Infrastruktur, Umweltzerstörung und technischer Intervention. Mit der partizipativen Videoarbeit Human Nature in Times of Loneliness lud Oliver Juan die Besucher:innen ein, selbst Teil eines Wahrnehmungstests zu werden und die Stabilität der Kategorien „natürlich“ und „künstlich“ zu hinterfragen.

Ein verbindendes räumliches Element der Ausstellung waren Biergartenbänke. Als vertraute Objekte des öffentlichen Raums strukturierten sie den Aufenthalt im Ausstellungsraum: sitzen, bleiben, ins Gespräch kommen. Sie waren weniger Ausstattung als Setzung – ein Hinweis darauf, dass Öffentlichkeit nicht vorausgesetzt werden kann, sondern immer wieder hergestellt werden muss.

Vincent Jondeau, Ontologies

Das begleitende öffentliche Programm wurde in deutscher Sprache durchgeführt und gemeinsam mit regionalen Initiativen entwickelt. Workshops, Gespräche zu Umwelt- und Gemeinschaftsfragen, Angebote des UNESCO-Geoparks Harz sowie mehrere kuratorische Rundgänge erweiterten die Ausstellung um lokale Perspektiven und Wissensformen. Die Veranstaltungen waren bewusst begrenzt in der Teilnehmerzahl und auf Austausch ausgerichtet.

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Foto Pauline Juan

Kuratorisch verstand sich Human and Nature in Times of Loneliness nicht als Versuch, Einsamkeit zu beheben oder aufzulösen. Die Ausstellung behandelte Einsamkeit vielmehr als Konsequenz gegenwärtiger Bedingungen – und zugleich als Zustand, in dem Aufmerksamkeit möglich wird. Die Arbeiten verzichteten auf spektakuläre Zuspitzungen und eindeutige Antworten. Stattdessen arbeiteten sie mit Dauer, Wiederholung und Beobachtung.

Die Ausstellung lässt sich als ein Raum beschreiben, in dem Einsamkeit weder pathologisiert noch romantisiert wurde. Sie erschien als etwas Strukturelles – eingebettet in ökologische Prozesse, technische Systeme und gesellschaftliche Routinen – und zugleich als ein Zustand, in dem Zuhören fortgesetzt werden kann, auch dann, wenn keine unmittelbare Antwort erfolgt.

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