Im Mittelpunkt des Ausstellungsprojekts Wir Deutschen stehen Schwarze deutsche Perspektiven und die Frage, wie sich Identität im Spannungsfeld von privatem Alltag, familiärem Umfeld und gesellschaftlichen Bildern formt.
Die fotografischen, installativen und filmischen Arbeiten von Amon Aleme Selassie, Lily Roggemann und Michael Roggemann basieren auf ihren jeweiligen individuellen Biografien und thematisieren Erfahrungen von Zugehörigkeit, Repräsentation und Selbstwahrnehmung aus sehr persönlichen, zugleich gesellschaftlich verankerten Perspektiven.
Abb. oben: Wir Deutschen, roam projects e. V.
Aleme Selassie kreiert in einer szenischen Installation einen Erinnerungsraum seiner Kindheit, der Einblicke in eine Welt gibt, die zunächst von heimischer Gemütlichkeit und den Freuden des Aufwachsens erzählt: ein Röhrenfernseher, Comics und das Versprechen von Game-Boy-Glück. Diese Objekte markieren einen Kristallisationsmoment, der vertraut erscheint, in seiner individuellen Bedeutung jedoch weit über den bloßen Alltagsgegenstand hinausgeht. Sie erzählen von einem scheinbar ganz normalen Leben innerhalb einer Gesellschaft, in der Zugehörigkeit immer wieder in Frage gestellt wird. Alltagserfahrungen, wie die wiederkehrende Nachfrage nach der „eigentlichen Herkunft“ , machen sichtbar, wie sehr Selbstverständlichkeit und Ausgrenzung ineinandergreifen und das Gefühl prägen können, trotz gesellschaftlicher Teilhabe nicht vollständig dazuzugehören. In einer analogen Fotoserie greift Aleme Selassie diese Motive erneut auf. In inszenierten, filmisch nostalgischen Bildern stellt er alltägliche Situationen schwarzer Jugendlicher mit erwachsenen Models nach und wirft so einen retrospektiven Blick auf seine eigene Kindheit, während zugleich stereotype Medienbilder hinterfragt werden.
Ausgangspunkt für den Film Ich wusste gar nicht, dass ich eine andere Hautfarbe hatte. Eine Kindheit in der DDR von Lily Roggemann bildet die Biografie ihrer Mutter, Cornelia Roggemann Heuer, die 1958 als Tochter einer weißen Deutschen und eines nigerianischen Studenten in der DDR geboren wurde. In einem ruhigen, intimen Interview erzählt Roggemann-Heuer von ihrer Kindheit und ihrer Perspektive auf Anderssein, familiären Rückhalt sowie gesellschaftliche Reaktionen. Die Arbeit verbindet persönliche Erinnerungen mit historischen, soziologischen und politischen Kontexten zu Rassismus, Diskriminierung und dem offiziellen Selbstbild der DDR als antifaschistischer Staat.
Fotografien von Michael Roggemann aus dem privaten Familienarchiv ergänzen den Film. Sie begleiten Cornelia Roggemann-Heuer durch verschiedene Lebensphasen und zeigen sie sowohl als junge Frau, die selbstbewusst in die Kamera blickt – im Hintergrund der verhüllte Reichstag von Christo und Jeanne- Claude – als auch gemeinsam mit ihren Zwillingen und Wendekindern Lily und Sascha Roggemann.
Die Bilder verweisen auf eine Biografie, die ähnlich wie bei Aleme Selassie von Fragen nach Herkunft und den sogenannten „Wurzeln“ geprägt ist. Lily Roggemanns Antwort darauf lautete lange Zeit: „Ich bin Berlinerin. “ Ein Selbstverständnis, das sich aus dem gelebten Alltag, der Stadt als Lebensmittelpunkt und dem familiären Umfeld heraus formt.
Die Arbeiten von Amon Aleme Selassie, Lily Roggemann und Michael Roggemann bewegen sich zwischen privater Erinnerung und gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Persönliche Erfahrungen, Familienbezüge und Selbstverortungen werden dabei nicht als rein individuelle Geschichten erzählt, sondern als Teil gesellschaftlicher Realitäten sichtbar gemacht. Der biografische Rückblick wird dabei zur Grundlage einer gegenwärtigen Perspektive, die Identitätsbildung, Selbstermächtigung und die Frage verhandelt, wie wir Zugehörigkeit heute definieren wollen.
Am 21. Februar findet ein Gespräch mit Amon Aleme Selassie, Cornelia Roggemann-Heuer und Patrice Poutrus (Leiter des Bereichs „Arbeit gegen Rassismus“ der Amadeu Antonio Stiftung) statt. Die Ausstellung läuft während des Black History Month.
Kuration & Projektmanagement: Marie Mergler, Helene Bosecker
Öffentlichkeitsarbeit: Kristen Rästas
Assistenz: Maria Kallau
WANN?
Eröffnung: Samstag, 7. Februar 2026, 18–21 Uhr
Laufzeit: Samstag, 7. bis Samstag, 21. Februar 2026
Öffnungszeiten: Do-Sa 16–19 Uhr
Safe Space Storytelling mit Amon Aleme Selassie, Cornelia Roggemann-Heuer und Patrice Poutrus (Leiter des Bereichs „Arbeit gegen Rassismus“ der Amadeu Antonio Stiftung): 21. Februar 2026, 17 Uhr
Finissage: Samstag, 21. Februar 2026, 16–20 Uhr
WO?
roam projects e. V.
Lindenstr. 91
10969 Berlin





