Das Olaf-Gulbransson-Museum präsentiert vom 1. März bis 6. September 2026 die Ausstellung „ZERO. Eine internationale Künstlerbewegung. 1957–1966“, eine Gruppenausstellung mit Werken des Künstlers Heinz Mack.
Abb. oben: Foto: Regine Hackenberg
ZERO – Neubeginn bei Null
In den späten 1950er-Jahren suchten junge Künstler in Düsseldorf und anderen europäischen Städten nach einem radikalen Neubeginn der Kunst. Nach Krieg und Diktatur wollten sie sich von Pathos, Ideologie und der subjektiv aufgeladenen Nachkriegsmalerei lösen und Kunst „bei Null“, bei „Zero“, neu denken. Eine offene Zone, in der Struktur statt Komposition, Licht statt erzählerischem Motiv und Bewegung statt starrer Form entscheidend wurden. ZERO war dabei nie ein geschlossenes Kollektiv, sondern ein loses Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern, die durch Ausstellungen, Magazine und persönliche Kontakte verbunden waren.
Düsseldorf brennt für das Licht: Die Geburtsstunde von ZERO
In Düsseldorf fanden die ZERO-Ideen einen konkreten Ort: die Ateliers von Heinz Mack und Otto Piene in der Gladbacher Straße. Sie organisieren dort die sogenannten Abendausstellungen, kurze, dichte Präsentationen, die nur am Eröffnungsabend zugänglich waren. Dafür räumten die Künstler ihre Ateliers aus, um am nächsten Tag schon wieder alles einzuräumen und weiterzuarbeiten. Bald schloss sich Günther Uecker an, und es entstand ein lebendiger Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler, die nach neuen Ausdrucksformen suchten. Parallel dazu gaben Mack und Piene das Magazin „ZERO“ heraus (1958–1961), mit dem der Name für die Bewegung geprägt und international verbreitet wurde.

Licht, Bewegung und Immaterialität
Viele Arbeiten lösen sich von der traditionellen Malerei und setzen stattdessen auf Licht, Spiegelungen, Schatten, Bewegung und Zufall. Ein zentrales Motiv von ZERO ist die Frage: Wie lässt sich Licht selbst zur Kunst machen?
Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker entwickelten Lichtreliefs, Rotoren, Nägelreliefs, Spiegelobjekte und Lichtballette, in denen Licht als immaterielles, ständig wechselndes Phänomen erfahrbar wird. Die Bewegung liegt dabei oft weniger im Objekt als in der Wahrnehmung: Wenn sich Betrachterinnen und Betrachter vor den Werken bewegen, entstehen optische Schwingungen und virtuelle Bewegungen.
Heinz Mack – Der Biograf des Lichts
Heinz Mack schafft die Poesie der Immaterialität. Für ihn ist Licht nicht nur Thema, sondern lebenslange künstlerische Obsession. Geprägt durch frühe Lichterlebnisse im Krieg – Bombennächte über Krefeld, ein schmaler Lichtstrahl im verdunkelten Flur, tanzende Staubpartikel in der Luft – entwickelte er ein starkes Bewusstsein für Immaterialität und die Magie minimaler Lichtquellen. Später vertiefte eine Reise in die Sahara dieses Interesse: die blendenden Fata-Morgana- Spiegelungen, der kaum fassbare Horizont und die Stille der Wüste wurden für ihn zu Schlüsselerfahrungen. In seinem Werk versucht er, diese schwer greifbaren Phänomene in abstrakte, autonome Licht- und Raumkonstellationen zu übersetzen – mit Aluminium, Edelstahl, Glas, Acrylglas, Marmor und reflektierenden Oberflächen. Besonders Silber spielt eine Hauptrolle, weil es Licht intensiv reflektiert und für Mack symbolisch mit Innerlichkeit, Nacht und Bewusstsein verbunden ist.

Europa im Netzwerkmodus: ZERO und seine funkelnden Satelliten
ZERO war von Anfang an international gedacht. In Mailand, Paris, Brüssel, Amsterdam und anderen Städten arbeiteten Künstlerinnen und Künstler an ähnlichen Fragen: Wie lässt sich Kunst von Gegenstand, Erzählung und Ideologie lösen und auf Licht, Raum, Zeit und Wahrnehmung konzentrieren?
In Italien formierte sich das Umfeld von Azimut(h), in den Niederlanden die Gruppe NUL, in Belgien das ZERO-Netzwerk um Jef Verheyen; darüber hinaus entstanden eng verbundene Positionen in Frankreich, der Schweiz und Kroatien. Zu den wichtigen Namen im ZERO-Umfeld gehören u.a.. Dadamaino, Lucio Fontana, Yves Klein, Yayoi Kusama, Piero Manzoni, Jef Verheyen und Nanda Vigo. Durch Publikationen, gemeinsame Ausstellungen und gegenseitige Atelierbesuche entstand ein dichtes, europäisches Netzwerk, das die Kunst des Informationszeitalters vorbereitete.
Frauen im ZERO-Kosmos, viel Schatten, auch Licht
Lange Zeit standen im ZERO-Diskurs vor allem die männlichen Protagonisten im Vordergrund, doch Künstlerinnen spielten eine zentrale Rolle. Hal Busse, Hanne Brenken und Herta Junghanns-Grulich waren bereits bei den frühen Abendausstellungen in Düsseldorf präsent und experimentierten mit neuen Materialien wie Nägeln auf monochromen Farbflächen.
In Italien gehörte Dadamaino früh zum Kreis um Piero Manzoni und Enrico Castellani; sie entwickelte radikale Loch- und Volumenbilder, die Raum und Bewegung ins Spiel brachten. Nanda Vigo schuf mit ihren „Cronotopi“ lichtdurchflutete Objekte an der Schnittstelle von Architektur und Kunst. Yayoi Kusama brachte mit ihren Punktnetzen und Rauminstallationen eine stark körper- und psychobezogene Dimension in den ZERO-Kontext, die zugleich thematische Nähe zu den Fragen von Wiederholung, Unendlichkeit und Raum aufweist.

Warum ZERO bis heute nachleuchtet
1966 löste sich das ZERO-Netzwerk offiziell auf, doch die Ideen der Bewegung wirkten weit über diese Dekade hinaus. In den 1960er-Jahren wurde ZERO – insbesondere in den USA – als erste deutsche Nachkriegsbewegung von internationalem Rang nach „Brücke“ und „Bauhaus“ wahrgenommen. Heute gilt ZERO als Schlüsselbewegung für die Entwicklung von Lichtkunst, Kinetik, Minimalismus, Konzeptkunst und raumbezogenen Installationen. Große Retrospektiven im Guggenheim Museum New York, im Stedelijk Museum Amsterdam und im Gropius Bau Berlin haben in den letzten Jahren die internationale Bedeutung von ZERO erneut unterstrichen. Die Ausstellung im Olaf Gulbransson Museum knüpft daran an und stellt ZERO in einen aktuellen Kontext als Bewegung, die unser Verständnis von Wahrnehmung, Material und Raum nachhaltig geprägt hat.
WANN?
Ausstellungsdaten: Sonntag, 1. März bis Sonntag, 6. September 2026
WO?
Olaf Gulbransson Museum
Kurgarten 5
83684 Tegernsee





