Ein Jahr nach dem plötzlichen Tod von Friedhelm Hütte am 26. November 2024 in Berlin erinnert DEEDS-Chefredakteurin und Ausstellungsmacherin Stephanie Schneider an den studierten Kunsthistoriker, Senior Art Advisor der Deutschen Bank, leidenschaftlichen Möglichmacher in Sachen Kunst – und an einen Freund.
Abb. oben: Friedhelm Hütte während einer privaten Führung auf der Biennale di Venezia, Foto © Annà Rieke, www.docupoetry.com
Friedhelm Hütte sprach lieber über Kunst als über sich selbst. Wenn er von der Kunst im Allgemeinen und seinen Erlebnissen mit ihr im Besonderen erzählte, von Ausstellungen, Künstlerinnen und Künstlern, von Bildern, die noch nicht gekauft, aber in seinem Kopf bereits an Wänden hingen, dann mit einem Funkeln in den Augen. Am 26. November 2024 ist Friedhelm Hütte in Berlin mit nur 67 Jahren völlig unerwartet gestorben. Ein Jahr später prägt sein Blick auf Kunst weiterhin die Menschen, die mit ihr arbeiten, und die Friedhelm Hütte kennen lernen durften.
Von 3.000 auf etwa 55.000 Werke
Als Friedhelm Hütte 1986 die Tätigkeit bei der Deutschen Bank aufnahm, gab es nach seinen eigenen Worten „rund 3.000 Werke“ in der hauseigenen Kunstsammlung. Damals war das eine respektable, aber noch überschaubare Unternehmenskollektion. Aus dieser Ausgangslage baute Friedhelm Hütte in mehr als drei Jahrzehnten das auf, was heute zu den größten Corporate Collections der Welt zählt: rund 55.000 Werke, mit einem Schwerpunkt auf Papierarbeiten und Fotografie der Gegenwart.
Über 30 Jahre als Global Head of Art und später als Senior Art Advisor der Deutsche Bank Collection, war Friedhelm Hütte die Konstante im Hintergrund, die Entscheidungen vorbereitete, Ankäufe verantwortete, Ausstellungen kuratierte und Kooperationen verhandelte – von Frankfurt über Berlin bis nach Doha. Wichtig war ihm dabei weniger das Prestige einer „großen Sammlung“ als deren Funktion: Die Kunst sollte in Büros, Fluren und Meetingräumen hängen, sichtbar für Mitarbeiter:innen und Besucher:innen. „Jedes Stockwerk eine kleine Einzelausstellung“, beschrieb er einmal das Konzept der Zwillingstürme in Frankfurt.
Kunstmarkt ohne Romantik
Friedhelm Hütte war kein Romantiker in Kunstmarktfragen. In einem Podiumsgespräch für DEEDS Spotlight mit mir im Januar 2023 formulierte er trocken und mit einem Augenzwinkern:
“Neben dem Waffenhandel und dem Drogenhandel ist der Kunsthandel einer der de-reguliertesten Märkte überhaupt.”
Friedhelm Hütte, 2023
Das war nicht kulturpolitisches Pathos, sondern eine präzise, leicht sarkastische Diagnose: Der Kunstmarkt sei oft intransparent, ungleich, und die Machtverhältnisse seien selten zu Gunsten der Künstler:innen verteilt. Aber jeder Protagonist des Kunstmarktes sein von Relevanz – die Kunstschaffenden ebenso wie die Galerien und Museen. Der eine könne ohne den anderen nicht bestehen. Seine Antwort darauf war pragmatisch: sowohl bei den Kunstschaffenden UND den Galerien solle man kaufen. Viele seiner Ankäufe für die Sammlung der Deutschen Bank entstanden in Ateliers, in Galerien, in Gesprächen, angebahnt in langfristigen Beziehungen.
Für ihn war das eine Frage der Verantwortung: Wer institutionell sammelt, trägt auch Verantwortung für die Entwicklung künstlerischer Biografien. Förderung hieß für ihn nicht nur „zeigen“, sondern auch kaufen, verlässlich sein, dranbleiben, fördern. Ein weiterer Leitsatz: Kunst muss zirkulieren. Sie bleibt unterwegs, findet neue Orte, Menschen und Kontexte.
„MACHT KUNST“ – die Schlange vor der KunstHalle
Öffentlich sichtbar wurde Friedhelm Hüttes Einstellung gegenüber der Kunst und den Künstler:innen vielleicht am deutlichsten 2013, als die Deutsche Bank KunstHalle in Berlin eröffnete. Kurz vor der Eröffnung kam die Idee zur Aktion „MACHT KUNST“: Alle Kunstschaffenden der Stadt konnten ein Werk einreichen, das für 24 Stunden in den Räumen Unter den Linden gezeigt werden sollte. Am 8. April 2013 standen die Menschen in Berlin Schlange, um ihre Arbeiten abzugeben, von Künstler:innen über Studierende bis hin zu Autodidakt:innen. Die Aktion wurde weit über alle Erwartungen hinaus angenommen, ja geradezu überrannt. So wurde kurzerhand neben der neuen KunstHalle auch die Alte Münze als Ausstellungsort dazu genommen. Insgesamt wurden über 2.000 Arbeiten eingereicht. In 48 Stunden kamen mehr als 12.000 Besucher:innen.
Es war eine der Situationen, in denen man Friedhelm Hütte gut beobachten konnte: Er stand nicht im Rampenlicht, sondern aufmerksam am Rand, stets zugewandt und neugierig auf das, was da passierte. Die hierarchischen Linien des Kunstbetriebs waren für einen Moment durchbrochen. Und genau das interessierte ihn.
Ein Flugzeugflügel im Ausstellungsraum
Schon vor der KunstHalle hatte Friedhelm Hütte unter dem Label Deutsche Guggenheim in Berlin Ausstellungen mitgeprägt, die eigens für diesen Ort entwickelt wurden. 2012 etwa realisierte der slowakische Künstler Roman Ondák dort die Ausstellung „Do not walk outside this area“. Das zentrale Werk, auf das der Künstler bestand: ein echter Flugzeugflügel, über den die Besucher:innen den Ausstellungsraum betreten konnten – und den Friedhelm Hütte für den Künstler und die Ausstellung beschafft hat. Ein organisatorisches und logistisches Meisterwerk. Es war exemplarisch für viele Projekte, die Hütte unterstützte: Kunst, die den Alltag verschiebt, unsere Routinen sichtbar macht und unser inneres Auge öffnet.
Kirchmöser: eine alte Schule als Zukunftsprojekt
Kirchmöser bei Brandenburg an der Havel gilt seit ein paar Jahren als ein Außenposten der Berliner Kunstszene. Im Rahmen der Sommerausstellung Am Seegarten, initiiert durch Patrick Ebensperger, präsentierten dort auch im Jahr 2023 neun Berliner Galerien, unter ihnen Sprüth Magers und Esther Schipper, zeitgenössische Kunst in der ehemaligen Pulverfabrik. Friedhelm Hütte plante bereits seinen (Un-)Ruhestand und hatte eine Lagerfläche in der ehemaligen Schule in Kirchmöser angemietet. Der Plan war, in diesen Räumen seine kleine private Sammlung an Kunstwerken und Kuriositäten, wie ausgefallene Plattencover, Plastiktüten und antike Blechdosen oder schräge Ikonen der Pop-Kultur und Memorabilia rund um den VW Bulli, zugänglich zu machen. Die Idee eines geselligen Ortes am Plauer See, an dem persönliche Begegnungen, Gespräche und Events ermöglicht werden könnten. Das Projekt kam nicht mehr zur Realisierung.
Ernsthaftigkeit und Leberwurst
Wer Friedhelm Hütte nur aus Podiumsdiskussionen oder von Führungen im Berliner PalaisPopulaire kannte, wo er als künstlerischer Leiter und Kurator mitverantwortlich für die Konzeption und Eröffnung des Hauses im Jahr 2018 war, erlebte einen konzentrierten, präzisen, aber auch zurückhaltenden Gesprächspartner. Im privaten Rahmen gab es daneben eine andere Seite: er war ein Freund, dem angeregte Gespräche über Musik, vor allem der 1960er und 70er Jahre, gutes Essen und Trinken wichtig waren. Seine westfälische Herkunft aus Lippstadt klang gelegentlich durch, wenn er mit sichtlichem Vergnügen von Leberwurst schwärmen könnte. Er verband das mit einem trockenen Kommentar zu „Kindheitsgeschmack“ oder „westfälischem Erbe“. Wer Friedhelm Hütte mit seiner Lebensliebe und langjährigen Partnerin auf Partys ausgelassen tanzen sah, der hätte seine Herkunft allerdings wohl eher in lateinamerikanischen Gefilden als im zuweilen spröden Ostwestfalen verortet.
Diese einzigartige Mischung aus analytischem Blick und völlig unprätentiösem Alltagsgenuss war typisch für ihn: Kunst durfte anspruchsvoll, komplex, widersprüchlich sein – das Leben dazu aber bitte nicht unnötig kompliziert.
Ein Jahr danach
Ein Jahr nach seinem Tod kann ich es immer noch nicht glauben. Wenn ich Ausstellungen besuche, scheint es mir, als könne Friedhelm im nächsten Moment durch die Tür spazieren – in einem seiner unnachahmlichen T-Shirts mit Aufschriften wie “Irgendwas ist immer”. Auf der Suche nach dem nächsten spannenden Kunstwerk und nach Gesprächen mit Menschen, die sich ebenso für Kunst begeistern wie er.
Es wird mir immer deutlicher, mit wieviel Leidenschaft Friedhelm Hütte Netze geknüpft hat: zwischen Künstler:innen und Institutionen, zwischen Banktürmen und Ateliers, zwischen Berlin, Frankfurt und vielen anderen Orten. Die Sammlung, die er federführend für die Deutsche Bank aufgebaut hat, hängt heute weltweit in Büros, Filialen und Ausstellungsräumen. Sie erzählt von Kunstgeschichte und von seinem Beharren darauf, dass Kunst gesehen werden soll – vor allem aber gekauft, damit Kunstschaffende weiter Kunst produzieren können.

Sein kritischer Satz über den Kunsthandel, seine Praxis, auch in Ateliers zu kaufen, sein Vertrauen in junge Positionen – das ergibt zusammen das Bild eines Menschen, der die Kunst ernst nahm, ohne sie zu mystifizieren.
Friedhelm Hütte hat nicht nur Kunst gesammelt. Er hat Beziehungen gesammelt, Situationen ermöglicht und Räume geöffnet. Dass sein Blick auf die Kunst uns Vorbild bleibt – präzise im Sehen und offen im Denken, wach für das Neue und aufmerksam gegenüber dem Unscheinbaren – ist vielleicht das größte Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat. Und dass wir nicht vergessen, das Leben mit all seinen kleinen Momenten tanzend zu genießen. Und uns von vermeintlich wichtigeren Dingen nicht davon abhalten lassen. Denn: Irgendwas ist immer.





