Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800 – Kupferstichkabinett | 13.02.–31.05.2026

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Im Kupferstichkabinett im Kulturforum Berlin präsentiert die Ausstellung „Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800“ vom 13. Februar bis 31. Mai 2026 eine facettenreiche Bildgeschichte zwischen Europa und dem Osmanischen Reich. Im Mittelpunkt steht Istanbul, die lebendige Metropole am Bosporus, die seit ihrer Gründung als Byzantion im 7. Jahrhundert v. Chr. und später unter dem Namen Konstantinopel ein kultureller und politischer Knotenpunkt zwischen Kontinenten war. Die Ausstellung versammelt Werke europäischer Künstler vom 15. bis 18. Jahrhundert, die von Begegnungen, Neugier, Faszination, aber auch von Konflikten und Projektionen zeugen. Anhand von Zeichnungen, Druckgrafiken und historischen Bilddokumenten werden Perspektiven auf das Osmanische Reich sichtbar, die zwischen Bewunderung, Stereotypisierung und politischer Propaganda oszillieren. Die Ausstellung lädt dazu ein, diese historischen Bildwelten kritisch zu hinterfragen und über Fragen kollektiver Identität, kultureller Wahrnehmung und des „westlichen Blicks“ neu nachzudenken.

Abb. oben: Melchior Lorck, Süleymaniye Moschee von Nordost gesehen, um 1570, Holzschnitt auf Papier, 19,4 x 53,5 cm Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz

Einführung

Die Sammlung des Kupferstichkabinetts bewahrt auch eine osmanischtürkische Bildwelt in Werken deutscher, französischer, italienischer oder niederländischer Künstler des 15. bis 18. Jahrhunderts. Sie zeugt von Begegnungen, Konflikten, von Neugier und Bewunderung.

Im Zentrum der Ausstellung steht Istanbul, die lebendige Metropole am Bosporus. An einem wichtigen interkontinentalen Knotenpunkt gelegen, ist sie Heimat einer multiethnischen Gesellschaft. Im Jahr 660 vor unserer Zeitrechnung als Byzantion gegründet, wurde die Stadt noch bis ins 20. Jahrhundert als Konstantinopel bezeichnet.

Von ihr gingen stets Impulse für eine künstlerische Auseinandersetzung in Bildern aus, die teils einer persönlichen Anschauung, teils der Fantasie entsprangen. Es verbreiteten sich auch Bilder, die von Unverständnis, Ressentiments oder Unwissenheit geprägt sind.

Die Ausstellung zeigt diese Werke, um gemeinsam Stereotype zu dekonstruieren und Fragen zur kollektiven und individuellen Identität zu stellen.

Perspektive

Der deutsch-französische Künstler Antoine Ignace Melling (1763–1831) kam 1784 mit einer Gesandtschaft an den Bosporus und lebte achtzehn Jahre lang in Istanbul. Dort arbeitete er als Hofarchitekt und Designer für Sultan Selim III. (1761–1808).

Von der Freundschaft zwischen dessen Halbschwester Hatice Sultan (1768–1822) und dem Künstler zeugen Briefe. In Paris veröffentlichte Melling unter dem Titel Voyage pittoresque de Constantinople et des rives du Bosphore 48 Kupferstiche mit Ansichten von Istanbul – eine Auswahl ist hier zu sehen.

Laut Orhan Pamuk, dem Literaturnobelpreisträger von 2006, bietet Melling den wohl schönsten Blick auf Istanbul, weil sich in seinen Ansichten Innen- und Außensicht durchdringen.

Melling stellte seinen Kupferstichen eine topographische Karte voran, auf der er minutiös seine Standpunkte und den jeweiligen Radius seines Sehfelds markierte. Das erlaubt Fragen über das Verhältnis von Perspektive und Wirklichkeit.

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Melchior Lorck, Sultan Süleyman I., um 1574, Holzschnitt auf Papier, 45,6 x 33.4 cm Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz

Erste Berührung

Der sogenannte „Fall“ von Konstantinopel im Jahr 1453 gilt als tiefer Einschnitt in der gemeinsamen Geschichte. Mit der Eroberung der Stadt durch das Osmanische Reich endete das oströmische Reich (auch Byzanz genannt). Gleichzeitig erlebte die neue alte Hauptstadt einen kulturellen Aufschwung.

Sultan Mehmed II., der Eroberer Fatih (1432–1481), holte auch italienische Künstler an seinen Hof, darunter den berühmten Venezianer Gentile Bellini (ca. 1429–1507), der von 1479 bis 1481 in Istanbul lebte.

Mit der Aufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen verschiedener Länder zum Osmanischen Reich entstanden vielfältige Kontakte. In der europäischen Kunst finden sich ab etwa 1470 zahlreiche Figuren, die als osmanisch oder muslimisch angesehen werden können. Sie zeugen von Bewunderung und Ehrfurcht gegenüber den neu wahrgenommenen Nachbarn.

Reisen

Im 16. Jahrhundert reisten viele Europäer an den Bosporus. So verbrachte der Antwerpener Künstler Pieter Coecke van Aelst (1502–1550) ein Jahr in Istanbul. Auch der französische Geograph Nicolas de Nicolay (1517–1583) und der dänische Künstler Melchior Lorck (ca. 1526/27–1583) waren Teilnehmer von Gesandtschaften dorthin.

Im Rahmen diplomatischer Reisen war es üblich, dass Künstler Zeichnungen auf der Grundlage persönlicher Anschauung oder unmittelbar Gehörtem anfertigten. Dabei waren ihnen die Welt oder die Gesellschaft der Frauen verschlossen; ihre Darstellungen sind vermutlich teilweise hinzuerfunden.

Die so entstandenen Bilder sind nicht frei von Stereotypen. Gleichwohl lassen sie sich in vielen Fällen als wertvolle Quellen für das Leben, Architektur und Mode in Istanbul und im Umland betrachten.

Krieg

Die Ausdehnung des Osmanischen Reiches ging mit über Jahrhunderte andauernden Konflikten einher. Zentrale Ereignisse sind bis zur Gegenwart als feste Begriffe bekannt. Die „Erste Belagerung von Wien 1529“, die „Belagerung von Ofen 1541“ und die „Schlacht von Lepanto 1571“ wurden nicht nur künstlerisch dokumentiert und verarbeitet.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen führten auch zu Neuerungen in der künstlerischen Praxis und damit zu veränderten Sehgewohnheiten. So wird angenommen, dass die Entwicklung der graphischen Technik der Radierung mit der Ausbreitung von Kanonenwaffen zusammenhing, da die dafür notwendige ätzende Säure als Nebenprodukt der Schießpulverherstellung gewonnen werden konnte.

Auffällig ist zudem die im Zusammenhang mit Schlachtendarstellungen wirksame Vogelperspektive: Sie stellt Krieg als Ordnungssystem dar und zeigt das Kampfgeschehen von oben in geradezu ornamental anmutenden Ansichten.

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Melchior Lorck, Riesenhafte Giraffe, 1559, Wasserfarben auf Papier, 31,5 x 20,6 cm Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz

Propaganda

Seit Mitte des 15. Jahrhunderts gab es erste deutschsprachige politisch-religiöse Propagandaschriften und Flugblätter gegen das sich ausbreitende Osmanische Reich. In diesem Zusammenhang wurden auch verunglimpfende Bilder verbreitet.

Der hier gezeigte Holzstock wurde ursprünglich zusammen mit einem Vers über die Untaten im Krieg gedruckt. Der Textblock für den Ausschnitt oben rechts ist verloren; der Titel „Türkengreuel“ blieb in Anlehnung an die Schrift des Rechtsgelehrten Sebastian Brant (1457/58–1521) „Thurcorum terror…“ (1498) bestehen, ohne dass dieser tatsächlich auf dem Blatt zu lesen gewesen wäre.

Wir zeigen hier bewusst keinen Abdruck des Motivs, weil wir Bilder von Hass und Hetze nicht reproduzieren wollen.

Orientalismus

Ab dem 17. Jahrhundert wurden orientalisierende Bilder in Europa populär. Rembrandt van Rijn (1606–1669) fügte in zahlreichen biblischen Darstellungen allgemein „orientalisch“ wirkende Figuren oder Accessoires ein, um die Welt des Alten Testaments anschaulich zu machen. Gleichzeitig dokumentierte er damit sein Wissen um andere Kulturen und seine Weltgewandtheit.

Auch die besonders ausgeprägte „Türkenmode“ („Turquerie“) in Frankreich im 18. Jahrhundert zeigte sich kosmopolitisch. Umgekehrt wurden in dieser Zeit auch französische Gebräuche in Istanbul übernommen.

Die Aufnahme oder Aneignung türkischer Elemente durch die westeuropäische Kunst beförderte Klischees und Stereotype in den Gesellschaften und befeuerte, was heute beim Orientalismus in der Kritik steht: der „westliche Blick“ auf den Nahen Osten, der letztlich auch koloniale Machtstrukturen widerspiegelt.

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Albrecht Dürer, Knoten mit herzförmigem Schild, nach 1507, Holzschnitt auf Papier, 28 x 21,9 cm Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz

Die erste osmanische Gesandtschaft in Berlin

Im November 1763 besuchte die erste osmanische diplomatische Gesandtschaft von Sultan Mustafa III. (1717–1774) den Preußischen Hof von König Friedrich II. in Berlin. Sie wurde vom Staatsbeamten Ahmed İbrahim Resmî Efendi (ca. 1700–1783) geleitet.

Die Mitglieder der Delegation verweilten ein halbes Jahr in Berlin und traten mit bis dahin ungesehenen Gewändern und Gebräuchen in Erscheinung. Der damals von Friedrich Nicolai herausgegebene, ins Deutsche übersetzte Gesandtschaftsbericht notierte:

„Die Preußen, die zeitlebens noch keinen Moslem gesehen und von solcher Pracht und solchem Pomp eines Gesandten auch nie dem Namen nach gehört hatten, ein Seltsamkeit liebendes Volk, kamen mit ihren Familien drei bis fünf Tagesreisen herbei (…).“

WANN?

Ausstellung: Freitag, 13. Februar – Sonntag, 31. Mai 2026

Eröffnung: Donnerstag, 12. Februar 2026, 18 Uhr

WO?

Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz
Matthäikirchplatz
10785 Berlín

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