Das Kunstgewerbemuseum präsentiert vom 15. Mai bis 11. Oktober 2026 erstmals im deutschsprachigen Raum das Werk der französischen Modedesignerin Madame Grès (1903–1993), einer der bedeutendsten Wegbereiterinnen der Haute Couture des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum der Ausstellung steht die 25 Modelle umfassende Grès-Kollektion des Museums, eine der größten Sammlungen außerhalb von Paris, ergänzt durch davon inspirierte Entwürfe von Studierenden. In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich „School of Culture and Design“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlineröffnet die Präsentation vielfältige Perspektiven auf das Schaffen der außergewöhnlichen Couturière und ihren nachhaltigen Einfluss auf die Modegeschichte.
Abb. oben: Vanessa Hoffmann, Zweifarbiges Strickkleid, Merinowolle, Sommersemester 2024. Foto: Laura Wolf / Ivo Hänisch
Ihre Karriere begann Germaine Émilie Krebs in den 1930er-Jahren, als sie – nun als Mademoiselle Alix – zusammen mit Julie Barton das Modehaus „Alix Barton“ gründete. Aus dieser Zeit stammt eines der bedeutendsten Objekte aus dem Besitz des Kunstgewerbemuseums, eine glitzernde Abendbluse aus einem Netzgewebe mit facettierten Schmucksteinen. Nach 1937 nannte sie sich Alix Grès, in die Modegeschichte ging sie schließlich als „Madame Grès“ ein.
Berühmt wurde sie durch ihre bodenlangen, plissierten Kleider, für die sich Grès, die – so wird es kolportiert – eigentlich Bildhauerin werden wollte, von antiken Skulpturen inspirieren ließ. Die große, bis heute andauernde Relevanz von Madame Grès, die Kleider unter anderem für Grace Kelly, Greta Garbo und Marlene Dietrich entwarf, offenbart sich in der zeitlosen Eleganz dieser auf die klassische Antike bezogenen Modelle. In unmittelbarer Gegenüberstellung mit Exponaten aus dem Antikenmuseum, dem Museum für Byzantinische Kunst und der Gemäldegalerie wird diesem wichtigen Aspekt in der Ausstellung Rechnung getragen.

Unvergleichlich ist Grès‘ Umgang mit Stoff: Mehrere Meter werden auf wenige Zentimeter gerafft, gefaltet und drapiert und entfalten auf diese Weise ein beeindruckendes Volumen. Madame Grès, von der nur wenige Selbstäußerungen überliefert sind, ließ die Presse einmal wissen, sie würde am Modell, nicht auf dem Tisch entwerfen, ihre Schere sei ihr wichtigstes Instrument. Besonders faszinierend ist daher die Raffinesse, mit der sie einen im Grunde schlichten Schnitt zu einer hochkomplexen Skulptur am Körper entwickelt.
Es sind genau diese Aspekte, die die Studierenden der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin begeisterten und mit denen sie sich intensiv beschäftigt haben. Ihre Entwürfe sind aktuelle Interpretationen ausgewählter Stücke von Grès, die sich im KGM befinden und die rund sechzig Jahre ihres Schaffens abbilden. Die eingehende Beschäftigung mit den originalen Kleidern in Workshops unter der Leitung von Katrin Lindemann und Christian Mau führte nicht nur zu einem tiefen Verständnis für die Technik, Stofflichkeit und das spezifische Material der historischen Vorbilder, sondern vor allem zu beeindruckenden eigenständigen Kreationen aus den Bereichen Modedesign, Bekleidungstechnik, Strick, Fotografie, Kommunikationsdesign, Museologie und Visuelle Künste (3D).
In neun Sektionen werden um die 150 unterschiedlichste Exponate gezeigt, die sich als Querverweise auf die 25 Modelle von Madame Grès lesen lassen, die buchstäblich im Mittelpunkt der Ausstellung stehen. Es werden unter anderem Kleidungsstücke auf Büsten und Figurinen, Accessoires, Grafiken, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen, Textilobjekte sowie Multi-Media-Installationen (Filme, Projektionen) gezeigt. Sie werden ergänzt um studentische Positionen sowie kontextualisierende Werke – darunter Plastiken, Gemälde, Fotografien, Grafiken, Filme und virtuelle Elemente.

Der Fotokünstler Henrik Spohler setzte sich mit der Lagerung der historischen Kleidung von Madame Grès auseinander: Entstanden sind acht einzigartige Aufnahmen, die auf subtile Weise den musealen Aspekt des Umgangs mit den fragilen Textilien verdeutlichen. Zusätzliche KI-Fotografien von Studierenden der Fotoklasse von Henrik Spohler spielen mit der Frage, was Fakt und was Fiktion ist, denn nur wenige belastbare Fakten sind über das Leben von Madame Grès, die sehr viel Wert auf ihr Privatleben legte, bekannt.
Der skulpturalen Gestaltungsfindung von Madame Grès widmet sich ein Ausstellungsbereich, der tiefergehende Analysen von sowohl Grès-Modellen als auch Studierendenarbeiten aus den Studiengängen Modedesign, Bekleidungstechnik und digitales Modedesign umfasst. Die Künstlerin Maija Schultz beschäftigt sich in ihren Installationen mit der Schnitttechnik von Grès und übersetzt diese in digitale Modelle. Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist die Gradierung eines Grès-Kleids auf eine Konfektionsgröße 48 – und damit die Hinterfragung des klassischen Schönheitsideals.
Volumen ist das zentrale Thema in einer der umfangreichsten Sektionen der Schau. Bislang noch nie gezeigte Objekte von Madame Grès, Mäntel, Capes und Pluderhosen, belegen eindrücklich ihre Haltung zur Schnittund Plissiertechnik. Die Studierendenarbeiten übersetzen diese Techniken in eine neue Formensprache und neue Materialien, wie Strick und Funktionstextilien.
Ein virtueller Raum lädt dazu ein, die im Digitalen entstandenen Entwürfe der Studierenden kennenzulernen und durch diesen Raum zu navigieren, der aus einer Kooperation des digitalen Modedesigns (Maija Schultz) mit Gamedesigner*innen der HTW entstanden ist.

Welche gestalterischen Auswirkungen hat eine Schichtung von Stoffen? Das Spiel mit Transparenz und Lagen steht im Mittelpunkt dieser Sektion. Grès‘Auswahl von delikaten Stoffen, wie Mousseline oder Crêpe de Chine, bildet der Ausgangspunkt für die studentischen Interpretationen aus den Bereichen Modedesign und Schnittkonstruktion.
Ein in der Forschung bislang nur marginal behandeltes Thema ist die Oberflächengestaltung. Das Kunstgewerbemuseum bewahrt besonders delikate Stücke, die Grès‘ Auseinandersetzung mit außereuropäischen Inspirationen, Stickereien und Materialkombinationen zeigen, die bislang kaum rezipiert wurden. In Ergänzung zur bekannten Grès-Falte erweitern diese bislang unbekannten Modelle den Facettenreichtum dieser herausragenden Modedesignerin.
Die Studiengänge Museologie, Produktmanagement und Markendesign der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin präsentieren abschließend die museale Auseinandersetzung mit den Objekten und den heutigen Blick auf die Marke Grès.
WANN?
Eröffnung: Donnerstag, 14. Mai 2026, 19 Uhr
Ausstellungdaten: 15. Mai – 11.Oktober 2026
WO?
Kulturforum Berlin, Kunstgewerbemuseum
Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz / Matthäikirchplatz
10785 Berlin





