Georg Baselitz 1938-2026

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Der Maler, Bildhauer und Grafiker Georg Baselitz ist tot. Er starb am 30. April 2026 im Alter von 88 Jahren. Mit ihm verliert die Kunstwelt eine der prägenden Figuren der europäischen Nachkriegskunst.

Geboren am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Bruno Kern im sächsischen Deutschbaselitz, wuchs Baselitz in einer von Krieg und Umbruch geprägten Zeit auf. Sein Vater war Dorfschullehrer, die Familie lebte im Schulgebäude. Die frühen Erfahrungen von ideologischer Enge und gesellschaftlicher Neuordnung nach 1945 blieben für sein Werk zentral. Viele seiner Figuren wirken verletzlich, fragmentiert oder aus dem Gleichgewicht geraten, sie kreisen um beschädigte Figuren, um Autorität und deren Verlust.

1956 begann Baselitz ein Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ost-Berlin. Bereits 1957 wurde er wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ exmatrikuliert. Er ging nach West-Berlin und setzte sein Studium an der Hochschule der Künste fort, wo er unter anderem bei Hann Trier studierte. In dieser Zeit entwickelte er gemeinsam mit Eugen Schönebeck erste programmatische Positionen. Die sogenannten „Pandämonischen Manifeste“ von 1961 und 1962 formulierten eine expressive, gegen akademische und gesellschaftliche Normen gerichtete Bildauffassung.

Früh machte Baselitz mit provokanten Arbeiten auf sich aufmerksam. 1963 wurden in seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Werner & Katz in West-Berlin die Gemälde Die große Nacht im Eimer und Der nackte Mann von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Der Vorwurf lautete auf “Erregung öffentlichen Ärgernisses”. Der Skandal machte ihn schlagartig bekannt. Baselitz reagierte nicht mit Rückzug, sondern mit einer weiteren Zuspitzung seiner Bildsprache. Figuren wurden zunehmend deformiert, Körper verzerrt, Proportionen bewusst gebrochen.

1969 begann Baselitz, seine Motive systematisch auf den Kopf zu stellen. Diese Umkehrung wurde zu seinem bekanntesten künstlerischen Verfahren. Sie entzog den Bildern ihre unmittelbare Lesbarkeit und lenkte den Blick auf Malerei als eigenständigen Prozess. Der Blick wurde gezwungen, sich neu zu orientieren. Baselitz selbst verstand dies als Möglichkeit, sich von inhaltlichen Erwartungen zu lösen und die Malerei in ihrer Eigenständigkeit sichtbar zu machen. Die „auf dem Kopf“ gemalten Figuren und Landschaften begründeten seinen internationalen Durchbruch.

In den 1970er Jahren erweiterte Baselitz sein Werk um Druckgrafik und Skulptur. Seine mit der Kettensäge bearbeiteten Holzfiguren wirken roh und direkt und stehen in engem Zusammenhang mit seiner Malerei. 1972 nahm er an der documenta 5 in Kassel teil und etablierte sich im internationalen Kontext.

International setzte sich Baselitz spätestens mit seiner Teilnahme an der documenta 5 durch. Es folgten Einzelausstellungen in Europa und den USA. 1980 vertrat er gemeinsam mit Anselm Kiefer Deutschland auf der Biennale in Venedig. Seine dort gezeigte Skulptur Modell für eine Skulptur löste eine breite Debatte aus und unterstrich seine Position als zentraler Künstler der Zeit. Diese Präsentation markierte die internationale Wahrnehmung einer neuen, selbstbewussten deutschen Malerei nach 1945.

Neben seiner eigenen Arbeit war Baselitz als Lehrer tätig. 1977 wurde er Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, später lehrte er an der Hochschule der Künste in Berlin. Viele jüngere Künstlerinnen und Künstler wurden durch ihn geprägt, auch wenn er selbst nie eine Schule im engeren Sinne formte.

Seit den 1990er Jahren setzte sich Baselitz verstärkt mit seiner eigenen Biografie auseinander. Serien wie die sogenannten „Remix“-Bilder greifen frühere Motive erneut auf und variieren sie. In den letzten Jahren entstanden großformatige, oft zeichnerisch wirkende Bilder, in denen Baselitz sich selbst und seine Frau Elke zeigt. Diese Arbeiten wirken offener, teilweise fragiler, ohne an Direktheit zu verlieren.

Baselitz war auch öffentlich eine streitbare Figur. Seine Äußerungen zu Kunstbetrieb, Politik und Geschlechterfragen wurden vielfach kritisiert. Gleichzeitig hielt er an einer Vorstellung von künstlerischer Unabhängigkeit fest, die sich nicht an Zustimmung orientiert.

Sein Werk umfasst mehrere tausend Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier. Es ist in den großen Museen und Sammlungen weltweit vertreten und hat die Malerei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt.

Georg Baselitz hinterlässt ein Werk, das sich einfachen Einordnungen entzieht. Seine Bilder fordern Aufmerksamkeit und Zeit. Sie bleiben präsent.

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