PROLOG | PERSÖNLICHES
Margarete, stelle Dir vor, Du würdest uns in Deinem Atelier oder Zuhause empfangen. Wo sprechen wir zusammen, wo treffen wir Dich?
Mein Atelier ist Teil meiner Wohnung in Berlin Mitte wo ich seit über 25 Jahren wohne. Mit 4.60 Raumhöhe habe ich darin eine zweite Ebene auf der sich noch mein Computerarbeitsplatz befindet. Von hier aus schaue ich in den Garten und den Hinterhof. Es sieht nach Arbeit aus, jedoch organisiert, da ich Chaos in meiner Umgebung nicht mag.
Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz?
Mein Balkon schaut ins Grüne, doch wenn ich Arbeitsbesuch habe, sitze ich meistens im Atelier und arbeite weiter.
Welche Stationen und Menschen haben Dich in Deinem bisherigen Leben besonders geprägt?
Meine Kinder, da ich von Ihnen am meisten lernen konnte. Jede Dekade in meinem Leben war eine Station: DDR Kindheit und Jugend, Wende, Reisen und Studium, Kinder und eigene Firma, Lehrtätigkeit, Künstlerdasein.
Welche Schriftsteller*innen findest Du derzeit spannend und welche Bücher finden sich in Deinem Bücherregal?
Leigh Bardugo mit der Alex Stern Reihe, Becky Chambers Wayfahrer, Joshua Tree, D. Preston & L. Child, C.K. Mc Donald Stranger Times, Anne Perry, Jane Austen…,
Im Bücherregal stehen allerdings auch viele Nachschlagewerke und Bildbände, da ich sie zum Arbeiten benötige.

Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt?
Die Abenteuerbücher meiner Kindheit. Tschingis Aitmatov in meiner Jugend.
Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit?
Die verlorene Zukunft von Pepperharrow von Natasha Pulley liegt auf dem Nachttisch.
Welche Musik hörst Du und wann?
Soundtracks beim Autofahren. Beim Arbeiten höre ich Hörbücher.
Wenn Du etwas für uns kochen würdest, was wäre es?
Ich koche sehr ungern, doch wenn ich gezwungen bin, dann habe ich ein Rezeptbuch für die beste Hausfrau von allen. Wünsch dir was.
Was isst Du am liebsten?
Kartoffeln
Und was hältst Du vom Frühstücken?
Wichtigste Mahlzeit, zelebriere ich jeden Tag.
Welchen Sport oder Ausgleich zu Deiner künstlerischen Arbeit betreibst Du?
Yoga zu Hause, zur Substanzerhaltung.

Für welche besonderen Leidenschaften oder Hobbies brennst Du?
Ich arbeite immer und wenn nicht aktiv, dann im Kopf. Zur Entspannung stricke ich oder repariere Dinge.
Welches Persönlichkeitsmerkmal macht Dich besonders aus?
Ich halte mich für preußisch diszipliniert, sehr zuverlässig und auch direkt. Meine Galeristin würde noch liebevoll ergänzen: ‘Margarete erklärt die Welt – inklusive Quantenphysik und allem dazwischen.
Hast Du ein Anliegen, das Du mit uns teilen möchtest? Oder eine Antwort auf eine (nicht von uns gestellte) Frage, die Dich aktuell bewegt?
Liebe Mitmenschen: Sucht, was Euch verbindet – und das Glas ist immer halb voll! Liebe Künstlerkollegen: Nehmt Euer Publikum ernst, es ist nicht blind. ‘Ist das Kunst oder kann das weg?’ sollte kein Leitspruch sein.
INTERVIEW | KÜNSTLER + POSITION
Margarete, Du wurdest 1967 in Greifswald geboren. Von 1992 bis 1998 studiertest Du Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und schlossest Dein Studium mit einem Diplom in Malerei und Grafik ab. Studienaufenthalte in Indien, Nepal und New York haben Deine künstlerische Entwicklung früh mitgeprägt. Du arbeitest vor allem als Bildhauerin. Deine Werke wurden national und international ausgestellt und befinden sich in privaten und institutionellen Sammlungen. 2020 warst Du Finalistin des Yasha Young Sculpture Award des Beautiful Bizarre Art Prize. Neben Deiner eigenen künstlerischen Praxis warst Du auch als Dozentin tätig, unter anderem an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig sowie an verschiedenen Design- und Medienhochschulen. Fehlt etwas Wichtiges?
Meine Arbeit in der Filmausstattung, seit 1992 arbeite ich parallel in der Filmausstattung, in der ich auch skulptural arbeite und mir hier auch viele handwerkliche Fähigkeiten angeeignet habe.

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Oder kurz: Warum Kunst?
Ich habe früh angefangen zu zeichnen, doch in der Berufswahl lag der Fokus auf Unabhängigkeit, Freiheit. Da schien Kunst die einzige Nische zu sein.
Was macht Dich aktuell glücklich?
Ich beende zeitnah einige Skulpturen für meine Soloausstellung bei AOA;87 die im Juni startet, an denen ich seit einem Jahr arbeite. Da bin ich wirklich froh, wenn ich damit fertig bin.
Frühling in Berlin ist die beste Zeit.
Kinder, Familie, Freunde machen mich immer glücklich.
Und was macht Dir aktuell Angst?
Die Erosion der Demokratie, die Beschneidung der Meinungsfreiheit auch in der Kunst finde ich bedrohlich.
Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann?
Ja, Kunst kann eine gesellschaftliche Verantwortung tragen. Kann, nicht muss.
In der Geschichte, im Kontext des von Diktaturen geprägten 20. Jahrhunderts, ist die Wirkung politischer Kunst gut dokumentiert. Im individuellen Bereich kann Kunst starke Emotionen hervorrufen positiv wie negativ. Daher obliegt es dem Künstler, ob und wie er sich positioniert, falls das politische Umfeld dies zulässt. (Zensur)
Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinem Werk – was sind die zentralen Themen?
Ich moduliere alle meine veristischen Skulpturen per Hand nach Modell.
Die zentralen Themen sind das Individuum im sozialen Gefüge (z.B. Serie „Mutterliebe“) und allgemein Menschen in gesellschaftlichen und sozialen Zwängen – in meiner kommenden Ausstellung 104,5° bei AOA;87 geht es insbesondere um holistische Abhängigkeiten, sie beschreibt die Auffassung, dass Systeme und Phänomene als zusammenhängende Einheiten betrachtet werden müssen, anstatt sie auf ihre einzelnen Bestandteile zu reduzieren.

INTERVIEW | ZENTRALES WERK
THE DEED | DAS WERK: Margarete Adler Bitte beschreibe das Kernthema und die zentrale Botschaft Deines künstlerischen Werks. Meine Kernthemen sind zwischenmenschliche Beziehungen und Konflikte. Ich möchte Allgemeingültigkeit darstellen, unabhängig von der Zeit, der Epoche, dem Ort. Mich interessieren zeitlose, wiederkehrende und fundamental menschliche Geschichten, die losgelöst von Epoche, Zeitgeist, Nationalität, Kontinent oder sogar Geschlecht erzählt und vom Betrachter verstanden werden. Das Äußere meiner Skulpturen ist geprägt von Schönheit, die in meinen Augen liegt und nicht objektiv sein muss. Es ist die Liebe des Künstlers zu seinem Modell. Stelle uns die Arbeit vor, die exemplarisch für die Botschaft Deines Werks steht, oder diese aus Deiner Sicht am besten verkörpert. Die Skulptur „Medusa“, die ich erstmals in der Ausstellung 104,5° bei AOA;87 im Juni zeigen werde, zeigt eine stolze junge Frau lebensgroß, ihre langen Haare schweben unter Wasser, auf dem ruhigen Gesicht und den geschlossenen Lidern reflektieren die Wellen. Sie ist eins mit sich und in ihrem Element. Im altgriechischen heißt Medusa bewahren, beschützen. Als sterbliche Tochter von Meeresgottheiten wird sie von Poseidon vergewaltigt, von Athene mit Hässlichkeit und Schlangenhaupt verflucht, von Perseus umgebracht. Medusas Geschichte erzählt von Macht und Ohnmacht, Täterinnen und Opfern, Männern und Frauen, Schönheit und Hässlichkeit. Ist es nicht interessant, dass eine wütende Frau mächtig und unbezwingbar scheint? Dass sich von ihr viele Menschen bedroht fühlen? Und dass sich eine Frau an der anderen rächt für etwas, was diese gar nicht zu verantworten hat? Medusa ist nicht nur wunderschön oder abgrundtief hässlich. Sie ist kein Opfer und keine Täterin. Sie ist mächtig und trotzdem machtlos. Was ist das Ziel Deiner Kunst, Deines künstlerischen Werks? Was soll es beim Betrachtenden bewirken? In all meine Skulpturen gibt es neben dem offensichtlich dargestellten auch immer weitere Bedeutungsebenen. Die Gestaltung, der Titel oder weitere hinzugefügte Objekte werfen beim Betrachter Fragen auf und fordern ihn auf, tiefer zu gehen. Ich möchte nicht Antworten oder vorgefertigte Statements abgeben, sondern beim Betrachter eine emotionale und intellektuelle Zwiesprache auslösen und Tiefgründigkeit hervorbringen. -------------------------------------------------------------- Die Frage nach THE DEED | DAS WERK ist ein ergänzender und separat präsentierter Teil des THE INTERVIEW IN|DEEDS mit Margarete Adler
Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?
Zu viel Inspiration gibt es nicht.
Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?
Ich plane 90%, da das technisch notwendig ist. Skulpturen kann man im Nachhinein schließlich nicht übermalen. Ich reagiere beim Arbeiten in der Umsetzung von Details oder bei Pech, Pannen und Pleiten und plane dann erneut.
Was sind Deine (nächsten) Ziele?
Ich freue mich nach der Ausstellung auf eine ganz neue Porträt-Serie mit neuen Materialien. Da ich mir immer eine technische und künstlerische Herausforderung suche und etwas Neues ausprobiere, bin ich voller Vorfreude.

Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?
Ich bin bekennend nicht religiös. Der Leitspruch klingt wie ein mieser Kalenderspruch, doch ich glaube an ihn: Das Universum hat kein Limit für Glück, mach‘ das Beste aus deinem Tag.
Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?
Ich würde gern lebensgroße Skulpturen in Bronze gieße, auch und insbesondere für den öffentlichen Raum. Das reizt mich sehr, dann auch gerne überlebensgroß. An mangelndem Mut leide ich nie.
Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?
Gute Kunst sollte eine emotionale und/oder intellektuelle Wirkung auf die Betrachter haben.
Wird man als Künstler*in geboren? Oder ist ein Kunststudium Pflicht?
Menschen werde kreativ geboren. Dann wird Ihnen die Kreativität aberzogen.
Der Beruf des Künstlers hat jedoch nur in kleinen Teilen mit Kreativität zu tun und ist viel komplexer.
Ein Kunststudium ist keine Pflicht. Sie bereitet niemanden auf die Herausforderungen vor. Falls man Glück hat, gibt es in den Kunsthochschulen Selbsterkenntnisse durch kontinuierliches Arbeiten und handwerkliche Unterstützung seitens der Hochschule.
Wie siehst Du die Zukunft von Kunst im Zeitalter von KI?
Der Begriff „Handgemacht“ wird eine neue Wertigkeit erfahren.
Die KI ist nicht der Feind der Kunst, nur ein neues Werkzeug, erstmal neutral. Wie Menschen dieses Werkzeug verwenden und mit welcher Intention in der Kunstbranche macht den Unterschied aus. Zu viel Sorgen würde ich mir nicht machen. Erstmals viel Hype, dann viel heiße Luft um nichts – siehe NFT.
Wie stehst Du zum Thema NFT?
Sinnlos.
Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst?
Meiner Galeristin und meinen Kindern.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?
Frühstücken, Tag planen, Yoga.
Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?
Galerien sind die Mittler zwischen dem Künstler und dem Publikum und Sammlern. Ohne eine engagierte Galerie ist der Verkauf der Kunst noch schwieriger als ohnehin schon. Eine gute Galerie fördert ihre Künstler und finanziert viel vor. (Galerieräume, Messen, Ausstellungsspots, Medienpräsenz, Presse, Atelierbesichtigungen etc.)
Social-Media – Segen oder Fluch?
Fluch und Segen. Das Thema Sichtbarkeit wird viel beschworen und u.a. Instagram ist nahezu unverzichtbar geworden. Fluch, weil es viel Arbeit macht sich ständig zu präsentieren. Segen, da es im Gespräch leichter ist, zu zeigen, woran man gerade arbeitet. Kontinuierliche, ernsthafte Verkäufe für eine größere Schnittmenge an Künstlern gibt es jedoch eher nicht, soweit ich das beurteilen kann.
EPILOG | AKTUELLES
Findet aktuell eine Einzelausstellung mit Deinen Arbeiten statt oder ist zeitnah eine solche geplant?
Am 25. Juni 2026 eröffnet meine Soloausstellung „104,5°“ bei AOA;87 contemporary in der Sophienstr. 5 in 10178 Berlin-Mitte.
www.instagram.com/margarete.adler
DEEDS-Interviews werden von unserer Redaktion nicht redigiert oder gekürzt und stets im O-Ton wiedergegeben. Daher nehmen wir auch keine Übersetzung des Interviews in Englische bzw. Deutsche vor, es sei denn, diese wird seitens des/der Interviewten eingereicht, oder wir werden mit der Übersetzung betraut. Hier wurde die deutsche und die englische Version des Interviews durch die Künstlerin eingereicht.






