THE INTERVIEW IN|DEEDS: WHO IS … René Wirths

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PROLOG | PERSÖNLICHES

René, stelle Dir vor, Du würdest uns in Deinem Atelier oder Zuhause empfangen. Wo sprechen wir zusammen, wo treffen wir Dich?
Ihr trefft mich natürlich in meinem Berliner Atelier. Nach Hause laden wir nur sehr wenige ein; dafür spielt sich hier zu viel alltägliche Familie ab. Im Atelier ist mehr Platz, vor allem nach oben, denn die Halle, in welcher sich mein Atelier befindet, ist über sieben Meter hoch. Ich teile mir diese gut 260 qm große Halle mit zwei anderen Künstlern. Sie ist Teil eines denkmalgeschützten Industrieensembles und wir sind mittlerweile über zwanzig Künstlerinnen und Künstler dort. Die Atmosphäre ist gut, auch dank unseres kunstfreundlichen Vermieters, der uns das alles zu sehr fairen Konditionen zur Verfügung stellt.

Vielleicht sitzen wir an Deinem Lieblingsplatz?
Ich habe viele Lieblingsplätze. Jeder Ort hat seine Zeit, jede Zeit ihren Ort.

DEEDS NEWS-Rene Wirths-Foto Dale Grant
René Wirths, Portrait, Foto: Dale Grant

Du wurdest 1967 in Waldbröl geboren und lebst seit 1970 in Berlin. Hier bist Du aufgewachsen und hast Deine Kindheit und Jugend verbracht – in einer Stadt, die durch ihre Vielschichtigkeit und ihre Geschichte sicherlich früh Deinen Alltag geprägt hat. Nach der Schulzeit hast Du Bildende Kunst ander Hochschule der Künste Berlin (heute Universität der Künste) studiert und dieses Studium von 1992 bis 1998 absolviert; in dieser Zeit warst Du Meisterschüler bei Wolfgang Petrick. Welche Stationen und Menschen haben Dich in Deinem bisherigen Leben besonders geprägt?
Ich habe einen Arbeiterhintergrund. Mein Vater war Rohrleger, meine Mutter Krankenschwester. Meine Eltern sind in den frühen Siebzigern mit meinem Bruder und mir nach West-Berlin gezogen. Sie hatten ein ausgesprochenes Klassenbewusstsein, weswegen Kunst und Kultur jenseits der Popkultur zu Hause eher als bourgeois verschrien und wenig präsent war. Meine Kindheit war sehr schwierig; mein Vater war starker Alkoholiker und starb früh. Da war ich 14 Jahre alt. Ich spürte oft das Bedürfnis, abzutauchen und dafür war das Malen und Zeichnen mein Mittel der Wahl. Meine Mutter war mit dem Totalausfall meines Vaters die prägende Person in meinem frühen Leben. Sie war es, die es schaffte, trotz anstrengender Arbeit im Schichtdienst, zwei jugendliche junge Männer einigermaßen heil durchzubringen und ihnen auch noch intellektuell Türen zu öffnen. Denn sie war, insbesondere nach dem Tod meines Vaters, politisch aktiv, zunächst im Betriebsrat des Krankenhauses, dann bei den Grünen. Sie engagierte sich nach dem Tod meines Vaters für Frieden, Frauen-, Sozial- und Gesundheitspolitik und saß Ende der Achtziger sogar für ein paar Jahre im Abgeordnetenhaus von Berlin. Die Diskussionen mit ihr über Gesellschaft und Weltgeschehen haben meine Blicke geweitet und mir geholfen, meine Herkunft zugunsten einer besseren Zukunft hinter mir zu lassen. Dennoch wurde ich zunächst fünfmal an der Kunsthochschule abgelehnt. Ich hatte wohl noch nicht ausreichend kulturelles Kapital angesammelt. Mein Studium in der sehr diversen Klasse von Wolfgang Petrick war dann geprägt von Aufbruch, viel künstlerischer Arbeit und Reflexion und natürlich auch Party, zumal es in den wilden Berliner Jahren nach der Maueröffnung stattgefunden hat. Bis der Berliner Galerist Michael Haas 2006 auf mich zukam, dauerte es nach dem Kunst-Studium nochmal gut zehn Jahre. Seitdem kann ich von dem Verkauf meiner Bilder leben.

Welche Schriftsteller*innen findest Du derzeit spannend und welche Bücher finden sich in Deinem Bücherregal?
Neben meinem Bett liegen gerade Jonathan Lears „Radikale Hoffnung“, Daniel Kehlmanns „Ruhm“, Alois Prinz‘ etwas überalterte Hannah Arendt Biografie und ein Reiseführer für Australien. Ich schwanke ständig zwischen Sachbüchern und Romanen. Man findet aber nur eher wenige Autoren mehrmals in unserem Bücherregal. Das mag auch daran liegen, dass wir es immer mal wieder ausmisten.

Welche Bücher haben Dich beeinflusst oder geprägt?
„Stiller“ von Max Frisch hat mich früh nachhaltig beeindruckt. Schon der Anfang „Ich bin nicht Stiller!“ macht klar worum es geht, nämlich um Identität. Außerdem erinnert der Satz mich an Magrittes „Ceci n‘ est pas une pomme“. Ansonsten half mir Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ auch meine persönliches Tempo wertzuschätzen. Und Dostojewskis „Brüder Karamasow“ behandelt wunderbar alle Perspektiven und Fragen, die man über den und auf den Glauben haben kann. Das geht tief ans Eingemachte.

Was liest Du aktuell und wo liegt das Buch griffbereit?

Welche Musik hörst Du und wann?
Alles und alles zu seiner Zeit. Der Moment bestimmt was ich bestimme.

Wenn Du etwas für uns kochen würdest, was wäre es?
Ich müsste erstmal in ein gutes Kochbuch schauen. Wahrscheinlich wäre das eines von Otto Lenghi oder wie der heißt

Was isst Du am liebsten?
Auch hier kommt es immer auf die Situation an. Wenn es heiß ist, sind meine Bedürfnisse andere als wenn es kalt ist. Wenn ich gerade aufgestanden bin, will ich was anderes als nach dem Sport und diese Differenzierungen könnte ich jetzt ewig weiterspinnen…

Und was hältst Du vom Frühstücken?
Meistens freue ich mich bereits abends auf des nächste Frühstück. Es ist ein schönes Ritual.

Welchen Sport oder Ausgleich zu Deiner künstlerischen Arbeit betreibst Du?
Seit vielen Jahren betreibe ich regelmäßig Kampfkunst, früher Karate, heute Wing Tsun. Das ist selbstverteidigungsorientiert, sehr nahe am Partner und hat viele weiche Elemente. Die Praxis baut Ängste vor physischer und psychischer Nähe ab, die ich früher und in der sozialen Fremde der selbsternannten Kulturelite oft als Bedrohung wahrgenommen habe. Heute bin ich souveräner und muss nicht mehr ständig kämpfen. Aber Selbstbehauptung sehe ich weiterhin als wesentlichen Teil der Überlebensstrategie, auch in der Kunstwelt.

Für welche besonderen Leidenschaften oder Hobbies brennst Du?
Neben dem gerade Geschildertem jogge ich, fahre Fahrrad, höre Musik, Podcasts und Hörbücher, tanze, schreibe, lese, schwimme, gehe spazieren im Wald und durch Ausstellungen, unterhalte mich gerne mit Freunden oder auch mit Leuten, die ich nicht kenne. Noch was? Ach ja: Ich reise ganz gerne.

Welches Persönlichkeitsmerkmal macht Dich besonders aus?
Das ist eine sehr gute Frage.

Hast Du ein Anliegen, das Du mit uns teilen möchtest? Oder eine Antwort auf eine (nicht von uns gestellte) Frage, die Dich aktuell bewegt?
Ich habe ständig unendlich viele unbeantwortete und womöglich unbeantwortbare Fragen. Aber das Denken macht mir Spaß und darum geht es. Auch die Kunst liefert schließlich keine unmittelbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse. Ich freue mich auf das was kommt und ärgere mich nicht über das was nicht kommt…

INTERVIEW | ARTIST + POSITION

Bitte teile mit uns die Stationen Deines künstlerischen Werdegangs.
Mir war ja von meiner Familie, wie gesagt, nicht viel an wirtschaftlichem, kulturellem oder sozialem Kapital in die Wiege gelegt worden. Daher war mir sehr lange nicht bewusst, dass Kunst mein beruflicher Weg werden könnte. Meine Eltern dachten, ich könnte vielleicht Pfarrer werden, obwohl sie beide eher Atheisten waren. Aber ich hatte eben schon früh eine Neigung zu den großen philosophischen Fragen. Und ich habe immer gerne gemalt. Darin lag eine konstruktive Möglichkeit der Realitätsflucht; schließlich war das für mich in meinem krassen aggressiv proletarischen Umfeld überlebensnotwendig. Über „Kunst“ wurde nicht geredet und ich dachte auch nicht drüber nach: eher an Architektur, später an Grafik-Design, so was Anwendbares eben. Die Idee „Kunst als Weg“ entwickelte sich erst gegen Ende meiner Schulzeit, als ich die Gelegenheit bekam, einem emeritierten Professor meine Arbeiten zu zeigen, der mich darauf aufmerksam machte, dass es auch eine Option für mich sein könnte. Naiv wie ich war, hatte ich aber natürlich keine Ahnung, welcher Geschmack für den Diskurs in der Kunsthochschule notwendig war und so musste ich mich eben sechsmal bewerben bis ich zum Kunststudium zugelassen wurde. Die Wartezeit füllte ich mit dem Studium der Philosophie (die ich damals nicht wirklich verstand) und Politologie. Ich war also schon Mitte Zwanzig und sehr gut aufgestellt, als ich endlich anfing, Kunst zu studieren. Das Gefühl, dass ich nicht immer den angesagten kulturbürgerlichen Habitus und Geschmack verstehe, habe ich heute noch hin und wieder. Und noch heute bekomme ich von bestimmten Institutionen immer wieder Ablehnungen, die ich nicht richtig verstehe. Also flüchte ich nach vorn und kommuniziere offen und transparent meine Erkenntnisse. Damit bin ich heute viel souveräner.

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René Wirths, Camera (dark), 2020, Öl auf Leinwand, 110 x 140 cm, by courtesy of the artist, Foto: Eric Tschernow

Wie bist Du zur Kunst gekommen? Oder kurz: Warum Kunst?

Was macht Dich aktuell glücklich?
Die Zeit, die ich mir für meine Leidenschaften nehmen kann, ist mein Luxus. Ich bin glücklich wenn ich das Gefühl habe, in der Welt zu sein. Zur Welt gehört meine Familie im Kleinen und die Gesellschaft in der ich lebe im Großen. Gut zu leben heißt für mich, in Resonanz mit der Welt zu sein, also das Gefühl, wirken zu können. Den Maßstab setze ich dabei selbst.

Und was macht Dir aktuell Angst?
Ich weiche mal ein bisschen aus: Alles und nichts macht mir Angst. Ich kann mir ein Leben ohne Angst gar nicht vorstellen. Es kommt drauf an, wie man mit seinen Ängsten umgeht. Ich hätte den Weg der Kunst niemals wählen können, wenn ich Angst vor der Angst hätte. Ich muss mein Leben trennen von den kleinen und großen aktuellen Katastrophen. Freiheit heißt immer auch Ungewissheit. Die Bedrohung durch Auslöschung ist ja immer präsent. Wir nehmen nichts mit außer die Zeit, die wir hier hatten.

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René Wirths, Bulb, 2023, Öl auf Leinwand, 110 x 70 cm, by courtesy of the artist, Foto: Eric Tschernow

Glaubst Du, dass Kunst eine gesellschaftliche Verantwortung trägt? Und was denkst Du, was sie bewirken kann?
Kunst muss gar nichts und kann das auch gar nicht. Das Wesen der Kunst liegt doch genau in dieser Freiheit, nichts zu müssen und genau daher fast alles zu können. Die Kunst trägt einzig eine Verantwortung für ihre Freiheit. Das ist ganz schön viel. Alles andere wäre Ideologie. Als Künstlerinnen, also als Personen der Öffentlichkeit, tragen wir natürlich auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Das mit der eindeutigen politischen Haltung ist ein Balanceakt und nur selten finde ich sie innerhalb der Kunst angemessen. Wir Künstlerinnen dürfen alles sein, natürlich auch politisch, aber die Kunst darf sich nicht von unserer politischen Haltung vereinnahmen lassen.

Was macht Deine Kunst aus? Worum geht es in Deinem Werk – was sind die zentralen Themen?
Es geht mir eigentlich immer um die großen Fragen unseres Daseins in der Welt und unseres Erlebens der Wirklichkeit als Erscheinung und als Ort der Wandlung. Ich suche nach formaler Einfachheit und in dieser nach Komplexität. Kompliziertheit schreckt mich, insbesondere in der Kunst, ab. Das schafft unnötige Hierarchisierungen. Komplexität und Weltverwobenheit findet man aber in jedem noch so kleinen Ding. Meine Bilder sollen Kinder genau so ansprechen wie Philosophieprofessoren. Das klappt leider nicht immer.

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René Wirths, Skull, 2023, Öl auf Leinwand, 180 x 210 cm, by courtesy of the artist, Foto: Eric Tschernow
THE DEED | DAS WERK: René Wirths

Bitte beschreibe das Kernthema und die zentrale Botschaft Deines künstlerischen Werks.

Ich habe keine eindeutige Kernbotschaft und ich will auch keine. Wir brauchen das Bekenntnis zur Vieldeutigkeit; alles andere fördert die Dummheit. Es geht immer ums Ganze, um Alles und Nichts, Gott und die Welt. Schließlich liegt doch das Wesen der Malerei im Unbenennbaren, Unbegreiflichen, also dessen, was sich außerhalb der Grenzen der Sprache befindet. Mit der Sprache können wir Wirklichkeit beschreiben. Die Töne, die Formen, die Farben, die Melodien und Rhythmen lösen aber innere Zustände aus. Das IST Wirklichkeit. Was mich beim Malen und in meinen Bildern interessiert, ist nicht aber die Wirklichkeit, sondern ihre Erscheinung und Wirkung. Das Wesen der Malerei liegt nicht hinter dieser Erscheinung, es ist die Erscheinung selbst. Hinter dieser Erscheinung erscheint dann wieder die Wirklichkeit, als Abwesende und ohne Wahrheitsanspruch. Keine Botschaft ohne Botschaft.

Stelle uns die Arbeit vor, die exemplarisch für die Botschaft Deines Werks steht, oder diese aus Deiner Sicht am besten verkörpert.

Ich werde mich davor hüten, eine einzelne Arbeit exemplarisch zu beschreiben. Erstens, weil ich das den Wissenschaftlern überlassen möchte. Schließlich bin ich ein Vogel und kein Ornitologe. Zweitens arbeite ich meist parallel an mehreren Strängen. Jede einzelne Arbeit darf natürlich für sich gesehen werden, aber sie ist doch immer Teil eines größeren Ganzen. Man kann alles und nichts darin erkennen, Gott und die Welt. Mein Werk wächst und entwickelt sich bis zum Ende und es sollte daher noch nicht einmal ausschließlich mit der Malerei verbunden werden, weil ich zum Beispiel auch meine aufgeschriebenen Gedanken und Interviews wie dieses dazu zähle. Das Werk ist eine große Performance.

Erzähle uns dann doch etwas über die Entwicklung in deiner Kunst in den letzten Jahren? Es scheint ja wesentlich darum zu gehen, dass sich Deine Perspektiven auf das was Du machst, ständig verändern, oder?

Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit in recht strenger Manier Objekte quasi hyperrealistisch zu Bild gebracht hatte, stellte sich mir die Frage, ob ich mich mit diesem doch recht engen Korsett auf Dauer identifizieren lassen möchte. Es lief ja nicht schlecht: Kunsthistoriker haben meinen konzeptuellen Ansatz gelobt und der Kunstmarkt hatte meine Bilder als Marke erkannt und weitergereicht. Ich hatte Sammler und Galeristen, die diese Bilder erwarteten. Realistisch wäre es womöglich klug gewesen, dieses „Lebenskonzept“ weiterzuführen. Nur: Ich war nie ein Realist. Ich habe meine Bilder immer als eher illusionistisch bezeichnet, weil ich das philosophisch viel spannender finde. Auch habe ich nie besonders narrativ gearbeitet sondern meinen Blick auf die Welt und das Leben eher strukturalistisch verstanden. Daher habe ich es oft als Missverständnis wahrgenommen, wenn sich Leute meine Objektbilder mit einfachen Begrifflichkeiten erklärten oder mir einen gewissen materiellen Fetischismus vorhalten wollten, mit dem sie sich möglicherweise selbst identifizierten. Ich wollte auch raus aus dem Image der konzeptuellen Strenge. Zuviel Konzept verhindert Intuition. Ich wünschte mir aber eben genau mehr Intuition in meinen Prozessen, mehr Raum für Improvisation, wollte auch weg von dem starken Fokus auf die Dinge in der Welt. Ich hatte ja auch in den Jahrzehnten vorher viel ausprobiert und wusste um die Vielfalt meiner Möglichkeiten. Ich suchte also, ohne zu wissen wie genau, einen logischen transformatorischen Prozess, um möglichst viele Beobachter meiner Kunst mitzunehmen. Das ging los mit der profanen Entscheidung für farbige Hintergründe. Diese führten zu der mittlerweile über 30 Teile umfassenden Serie LIQUIDS, Bildern von Gläsern, die mit verschiedenen Flüssigkeiten gefüllt sind, in welchen sich die Formen der Reflektionen innerhalb der Architektur über die Jahre stark verselbstständigten. Dem gewachsenen Bedürfnis, diese freieren Prozesse in die anderen Motive zu überführen, habe ich schließlich nachgegeben, was letztendlich meinen nunmehr alten, auch etwas dogmatischen, Ansatz, keine Fotografien oder Projektionen zu verwenden, obsolet gemacht hat. Ich vergleiche meine Malprozesse heute gerne mit dem Jazz: Es gibt einen Score, aber innerhalb dessen viel Raum für Interpretation. Wenn ich heute ein Bild beginne, weiß ich nicht, zu welchem Ergebnis es mich führen wird. Ich bin breiter aufgestellt als vor ein paar Jahren und ich habe auch viel mehr Möglichkeiten, mich selbst und andere zu überraschen.

Kannst Du uns was über die Maltechnik verraten? Unterscheidet die, die du heute anwendest, sich von der, die du früher angewendet hast?

Mein Ansatz ist erstmal eher intuitiv, aber durchaus phänomenologisch-analytisch. Das heißt: Ich gehe von einer Idee aus und durchdringe diese beim Arbeiten mit bestimmten Themen oder Formen über längere Zeiträume konzeptuell. Ich verstehe mich beim Malen als jemand, der in eine Beziehung tritt zu seiner Umwelt und diese in seinen Bildern verarbeitet, man kann auch sagen: verdaut. Daher ist die (visuell) erlebbare Welt immer der Ausgangspunkt für meine Bilder und in der Regel (auch hinter deren neuerlichen Abstraktionen) gut sichtbar. Für die Auswahl der Dinge für meine Objektbilder, die ich fast 20 Jahre lang gemalt habe, habe ich oft einfach nur die Augen offen halten müssen für meine alltägliche Umwelt. Unsere materielle Welt besteht ja schließlich aus unendlich vielen Dingen. Mal reizte mich die Symbolik, mal die Einfachheit oder der Verwendungszweck dieser Objekte, Heidegger würde sagen, deren Zuhandenheit. So wird man zum Beispiel einige Werkzeuge aus meinem Atelier unter meinen Motiven finden. Aber es gab immer mehrere, auch rein ästhetische, Gründe die bei der Wahl eine Rolle spielen: das mag die grafische Form, die Farbigkeit der Objekte sein, deren Oberflächenstruktur, die ich natürlich immer im Bild gleich mitdenke. Im besten Fall vereinigten sich alle diese Eigenschaften in einem Bildmotiv. Wenn ich ein solches gefunden habe, dann gehe ich mit der Ölfarbe auf der Leinwand ähnlich vor wie ein Bildhauer mit seinem Stein (nur eben additiv und nicht subtraktiv), nämlich, indem ich das Bild grob anlege und mich Schicht für Schicht vorarbeite und dabei immer feiner werde. Ich habe für die Objektbilder niemals nach Fotografien gearbeitet, sondern immer direkt über die Beobachtung am Objekt. Jeder Pinselstrich ist bei mir somit ein beobachtender, der entweder dem Objekt oder dem Bild gilt. So wird die Dichte des Farbauftrages eines mir der Summe meiner Beobachtungen. Ich habe mich allerdings in den letzten Jahren ziemlich neu erfunden und male gerade kaum mehr hyperrealistische Objektbilder sondern Abstraktionen von Schriften und Bildikonen der Malereigeschichte. Ich habe meine vormalige Regel, keine Vorlagen zu verwenden, hinter mir gelassen, weil sich die Prozesse sehr schnell verselbstständigen. Anders als früher gelten meine Beobachtungen heute viel mehr dem was im Bild passiert. Die Bilder haben sich also verändert: die akademische Präzision, mit der ich vorgehe, ist geblieben. Es ist mir weiterhin ein Anliegen, dass Bildinhalte und formale Mittel logisch ineinander greifen.

Was ist das Ziel Deiner Kunst, Deines künstlerischen Werks? Was soll es beim Betrachtenden bewirken?

Wir sind alle Betrachtende. Ich gehe also erstmal von mir selber als Betrachtendem aus und hoffe, dass ich mich als Teil der Gesellschaft in ihr genauso spiegeln kann wie sie sich in meinen Bildern. Meine Kunst ist ein Vehikel für mich. Ich will mich nicht hinter meinen Bildern verstecken, sondern mich über meine Kunst in die Gesellschaft hinein vermitteln. Es ist etwas was ich geben kann. Erst einmal sollten meine Bilder sich möglichst barrierefrei den Betrachtenden öffnen. In der Regel fängt das ganz profan an: mit „Gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“. Da steckt schon eine gewisse emotionale Ebene und Bewertung drin. Bei „gefällt mir nicht“ ist es für viele auch schon wieder vorbei. Ich wünsche mir, dass dieser Punkt erstmal überwunden wird, damit tiefer eingetaucht werden kann in das kleine große Universum meiner Bilder - und letztlich auch meiner Person. Gerne dürfen dann Ebene um Ebene erschlossen werden. Und sehr gerne beteilige ich mich an diesen Prozessen, weil ich sie doch selber nie vollends verstehe. Das Ziel meiner Kunst besteht also für mich darin, mich mit dem Leben zu verbinden, mit der Gesellschaft und den anderen Betrachtenden in einer Resonanzbeziehung zu sein.

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Die Frage nach THE DEED | DAS WERK ist ein ergänzender und separat präsentierter Teil des THE INTERVIEW IN|DEEDS mit René Wirths.

Wie schützt Du Dich in der heutigen Zeit vor zu viel Inspiration?
Zu viel Inspiration kann es nicht geben. Jede Inspiration ist gut. Die wahnsinnige Fülle an Impressionen und Informationen verhindert allerdings eher die Inspiration.

Wie viel in Deinen Arbeiten ist vorher geplant – wie viel entsteht intuitiv?
Fifty-fifty vielleicht? Ich weiß es wirklich nicht. Es kommt drauf an wie man was bewertet. Im besten Fall sind Idee, Konzept und Arbeitsprozess eins. Mein Bildkonzept ist auch mein Arbeitskonzept und das beinhaltet heute, anders als früher, ein hohes Maß an Improvisationsmöglichkeiten. Aber auch das ordnet sich der Vision eines bestimmten Bildtypen unter. Intuitiv Handeln können nur diejenigen, die sich eine gewisse, auch handwerkliche, Kompetenz angeeignet haben; Improvisieren ohne die Mittel dazu ist nicht möglich. Und entsteht nicht auch eine Idee und ein Arbeitskonzept bereits aus einer Intuition heraus?

Was sind Deine (nächsten) Ziele?
Das Bild an der Wand muss zu Ende gemalt werden, die bevorstehenden Ausstellungen müssen bespielt werden, die übernächsten Ausstellungen müssen geplant und ermöglicht werden. So geht es immer weiter. Im Moment gibt es aber noch ein Herzensprojekt: Ich habe im letzten Herbst einen 70seitigen Dialog mit dem Künstler Manfred Peckl geführt. Den wollen wir dieses Jahr noch als Buch veröffentlichen.

Wie stehst Du zum Thema Glauben? Hast Du Glaubensgrundsätze oder gibt es einen Leitspruch?
Wir alle glauben, wenn wir vielleicht auch nicht unbedingt „gläubig“ sind. Ich würde mich als Agnostiker bezeichnen. Alles kann sein, auch so etwas wie Gott. Ich bin aber kein Freund von Wahrheitsansprüchen. Wer Glauben mit Wissen verwechselt und die Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, folgt einer Ideologie und somit weder frei noch verantwortungsbewusst im Sinne der Aufklärung. Aber ja, ich glaube an die unantastbare Würde des Menschen und an die Freiheit der Kunst. Und ich habe viele Leitsprüche für viele Situationen. Für die Kölner gelten ja immer deren zwei: „Et kütt wie et kütt“ und „Et is‘ no‘ immer joht jejange“. Amor Fati: Liebe Dein Schicksal!

Welches Projekt würdest Du gerne noch realisieren, wenn fehlende Zeit, mangelnder Mut oder finanzielle Ressourcen keine Rolle spielen würden?
Ich bin es gewohnt, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu denken und zu handeln. Wenn sich dieser Rahmen ändern sollte, dann wird mir was einfallen. Nun, ich würde irgendwann einmal gerne ein Aphorismenbuch schreiben, aber nur, wenn ich das Gefühl hätte, dass es auch jemanden interessiert.

Was sind aus Deiner Sicht Attribute für gute Kunst?
Gute Kunst wird erkannt oder nicht. Das ist so individuell wie das mit dem Glauben. Wer definiert denn was gute Kunst ist? Du, ich, die Berlinische Galerie, das MomA? Ich kann nur sagen was ich gut finde – und das wandelt sich ständig. Ich könnte jetzt behaupten was zu wissen aber mein Wissen ist ebenso kontingent wie ich. Vielleicht sollte sich hinter guter Kunst immer ein gewisser geistig-emotionaler Tiefgang verbergen. Aber den muss ich spüren und ich kann ihn leider auch übersehen. Es gibt auf jeden Fall viele gute Künstlerinnen, auch außerhalb der Kunst.

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René Wirths, Sthul (Diptychon, links), 2007, 135 x 100 cm, by courtesy of the artist, Foto: Eric Tschernow

Wird man als Künstler*in geboren? Oder ist ein Kunststudium Pflicht?
Nichts von beidem. Wenn man Künstlerin werden will und kann in einer Gesellschaft, mit oder ohne Studium, dann ist das nicht gottgegeben sondern ein riesiges Privileg. Darüber sollten wir uns immer bewusst sein.

Wie siehst Du die Zukunft von Kunst im Zeitalter von KI?
Wir leben ja schon eine Weile mit KI. Ich persönlich nutze sie für meine Prozesse im Atelier bewusst nicht, so wie ich seit jeher möglichst auf andere Medien verzichte, wenn es um meine Bilder geht. Als Maler sehe ich mich ja durchaus auch als Bewahrer einer Tradition. Das mag man anachronistisch nennen, aber wenn dann Spazierengehen, Klavierspielen und das Wohnen in Altbauten ebenso Anachronismen sind, dann habe ich auch nichts dagegen. Insofern hoffe ich, dass diese Bedürfnisse nach handfester „Realität“ bleiben. Doch ich habe durchaus auch eine gewisse Sorge vor großen gesellschaftlichen Verwerfungen die in den nächsten Jahren entstehen könnten, wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, die KI im Zaume zu halten. Sie hat durchaus das Potenzial zu einem Monster zu mutieren das außer Kontrolle gerät. Ich zweifle da manchmal an der Intelligenz von uns Menschen. Auch die Kunst muss sich in Acht nehmen, dass nicht zu viele ihrer Vertreter aufhören selbst zu denken und ihre Ästhetik zu sehr von Algorithmen gestalten lassen. Das mag ja gut aussehen, wird aber schnell komplett austauschbar. Schon heute werden die meisten Bewerbungen für Stipendien und sonstige Ausschreibungen, auch für Kunstpreise und Stipendien kaum mehr selbst geschrieben sondern gepromptet. Wo soll das alles enden? Also, meine Interviews schreibe ich hoffentlich auch weiterhin noch selber. Ich hoffe, dass dieser „Luxus“ uns als Gesellschaft nicht irgendwann „zu teuer“ wird. Dann könnte ich einpacken. Gut, dass ich nicht mehr zwanzig bin.

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René Wirths, Brotkorb, 2013, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm, by courtesy of the artist, Foto: Eric Tschernow

Wie stehst Du zum Thema NFT?
NFTs interessieren mich nur am Rande und ich habe auch das Gefühl, dass sie ihren Höhepunkt auch schon wieder eine Weile hinter sich haben. Aber ich kann mich natürlich auch täuschen und sie erleben irgendwann ein Revival. Mit der Zeit gehen heißt aber nicht, alles mitmachen, sondern im Bewusstsein über das, was passiert, zu handeln. Ich beobachte das weiterhin aus der Distanz.

Wem zeigst Du ein neues Werk zuerst?
Diejenigen, die meine Bilder naturgemäß bereits beim Entstehen sehen, sind meine Atelierkollegen und meine Frau (die auch eine Ateliernachbarin ist). Bevor sie meine Galeristinnen zu sehen bekommen, kennen sie also schon einige – und das ist gut so.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?
In der Woche stehe ich meist um halbsieben auf und mache Kaffee und das Frühstück für meinen noch schulpflichtigen Sohn und mich. Danach wird eben gefrühstückt und nachdem Valentin losgegangen ist, dehne ich mich oft ein bisschen, putze mir die Zähne und fahre mit dem Fahrrad die 11 Kilometer ins Atelier. Alles sehr pragmatisch und durchritualisiert.

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René Wirths, Sneaker, 2023, Öl auf Leinwand, 110 x 250 cm, by courtesy of the artist, Foto: Eric Tschernow

Sind im Zeitalter des Internets der Dinge Galerien noch notwendig? Wenn ja, warum und wofür?
Ich betrachte Galerien erstmal als natürliche Verbündete für uns Künstlerinnen. Sie sind im besten Fall gut vernetzt und können uns Türen öffnen. Ich arbeite mit einigen Galerien zusammen und bin froh darum. Vielleicht habe ich auch ein bisschen Glück gehabt, dass mir mit denen noch nichts ganz Blödes passiert ist. Es ist ansonsten immer gut, wenn man nicht ganz alleine ist im kalten Kapitalismus. Ohne den Kunstmarkt kommen doch ansonsten nur diejenigen aus, die noch ein paar Immobilien im Hintergrund haben oder diejenigen, die sich dann eben von öffentlichen Förderungen abhängig machen. Die müssen andere Diskurse bedienen aber es gibt dort durchaus auch gewisse Marktmechanismen und Hierarchien. Es gilt, sich persönlich die besten Rahmenbedingungen zu schaffen. Das ist nicht unbedingt ein leichter Weg, auch, weil sich Wünsche nicht automatisch mit den Bedürfnissen vertragen. Der Wunsch, reich und berühmt zu werden zum Beispiel, verträgt sich nicht automatisch mit dem Bedürfnis, ein gesundes Leben zu führen. Arbeitet man lange mit Galerien zusammen, kann eine beinahe familiäre Beziehung wachsen. Das gibt dann auch emotionalen Halt und ein Stück Sicherheit. Wie in allen Beziehungen sollte der Deckel aber zum Topf passen und umgekehrt.

Social-Media – Segen oder Fluch?
Eindeutig beides! Vor- und Nachteile liegen auf der Hand. Ich hoffe, wir lernen als Gesellschaft langsam aber sicher einen konstruktiven Umgang damit. Unsere Kinder sollten besser später als früher damit zu tun haben. Mein Tipp: am besten zwischendurch mal ein Bild malen! Das richtige Leben im falschen?

EPILOG | AKTUELLES

Findet aktuell eine Einzelausstellung mit Deinen Arbeiten statt oder ist zeitnah eine solche geplant? Wann und wo?
Na, bei CSR in Berlin steigt ab 23.4.2026 eine Show mit vielen Bildern, einen Tag später wird in der Galerie Hartwich auf Rügen eine Dreierausstellung (mit Jay Gard und Frank Nitsche) eröffnet, die bis zum 28.6 laufen wird und ab 1.5. wird eine Gruppenausstellung zu Manet in der Galerie Michael Haas in Berlin starten. Und am 12.6. wird eine Ausstellung im Schau Fenster Berlin eröffnet, die ich gemeinsam mit dem Künstler Tim Trantenroth kuratieren werde.

www.renewirths.de
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DEEDS-Interviews werden von unserer Redaktion nicht redigiert oder gekürzt und stets im O-Ton wiedergegeben. Daher nehmen wir auch keine Übersetzung des Interviews in Englische bzw. Deutsche vor, es sei denn, diese wird seitens des/der Interviewten eingereicht, oder wir werden mit der Übersetzung betraut. Hier wurde die deutsche Version des Interviews vom Künstler eingereicht.

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