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HAUT ORGAN HAUT ARCHIV im ZAK der Zitadelle Spandau | 10.02.-07.05.2023

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HAUT – HÜLLE, ORGAN, ARCHIV bringt ab 10. Februar 2023 (Vernissage: 09.02.) Werke von 28 internationalen in Berlin lebenden Künstlerinnen* zusammen. Eine Ausstellung im Zentrum für aktuelle Kunst (ZAK) in der Alten Kaserne der Zitadelle Spandau des Frauenmuseum Berlin e.V. in Kooperation mit alpha nova & galerie futura, kuratiert von Julie August und Katharina Koch.

Abb. oben: csm, Moran Sanderovich, ANASTATICA, Foto Christian Kleioner

Haut ist ein Supermaterial: form- und dehnbar, atmungsaktiv und selbstregenerierend, Schutzhülle von Körpern, gleichzeitig aber auch Angriffsfläche: verletzbar und empfindlich. Vor allem ist Haut jedoch mit Bedeutungen aufgeladen. Sie ist gesellschaftlich und kulturell kodiert, bestimmt Identitäten, ist Gegenstand von Politik, Religion und nicht zuletzt auch ökonomischer Faktor.

Mit Arbeiten von: Tina Bara / Mehtap Baydu / Anguezomo Mba Bikoro / Anna Bromley / Yvon Chabrowski / Alba D`Urbano / Manja Ebert / Yishay Garbasz / Ina Geißler / Andrea Golla / Harriet Groß / Isabel Kerkermeier / Rachel Kohn / Verena Kyselka / Julia Lübbecke / Loredana Nemes / Dorothea Nold / Margherita Pevere / Moran Sanderovich / Franziska Schaum / Zuzanna Schmukalla / Moran Shavit / Zuzanna Skiba / Anja Sonnenburg / Marianne Stoll / Ivonne Thein / Sophie Utikal / Gisela Weimann

Die Künstlerinnen* setzen sich in Video, Audio, Fotografie, Skulptur, Malerei, Zeichnung, Collage, Installation und Performances mit dem Thema Haut auseinander und konfrontieren dieses zugleich mit dem aufgrund seiner Historie patriarchal geprägten Ausstellungsort – der Zitadelle Spandau. Mit der thematischen Vielschichtigkeit von Haut, die die Verwobenheit von Sexismus, Rassismus, Klassismus, Altersdiskriminierung und Ableismus sichtbar werden lässt sowie von individuellen und kollektiven Archivierungspraxen zeugt und gleichzeitig als sinnliches, resistentes und zugleich verwundbares Organ zum Ausgangspunkt künstlerischer Analyse wird, setzt die Ausstellung dem männlich geprägten Ort feministische Gegenerzählungen entgegen.

Loredana Nemes: Aus der Serie “Beautiful”, Zwei Armlehnen mit Mülltonne, 2006

Die Arbeiten gruppieren sich um drei Schwerpunkte, die unter den Begriffen HÜLLE, ORGAN und ARCHIV gebündelt sind. Diese sind jedoch nicht als feste Zuschreibungen zu verstehen, sondern als assoziative, die Ausstellung leicht strukturierende Themenfelder, die durchlässig und miteinander verwoben sind.

HÜLLE: Werke, die sich mit Haut als Schutzmantel, Projektionsfläche sowie mit ihren gesellschaftlichen Implikationen beschäftigen. So zeigt etwa die Bodenskulptur The Distance Between Me And Everything Else (2017) von Mehtap Baydu eine Körperhülle, derer sich die Künstlerin entledigt hat. Baydu thematisiert damit die Entfremdung des Selbst im Zuge normativer Rollenzuschreibungen in verschiedenen politischen und kulturellen Kontexten. Die ebenfalls auf dem Boden liegende und bei jedem Lufthauch gleichsam atmende Rettungsdecke in Harriet Groß’ Beitrag (2022) evoziert hingegen Flucht- und Katastrophenszenarien.

Zuzanna Schmukalla: Installation Lappa, 2022

ORGAN: Arbeiten, in denen es um Haut als Wahrnehmungsorgan im Sinne von Berührung, Erotik, Ekel, Verletzlichkeit und Stigmatisierung sowie ihren Materialitäten geht. So besteht die Installation Doro & Moran (2022) von Moran Shavit und Dorothea Nold aus einer Fotoserie, die Doros Brustkrebsbehandlung und Morans gleichzeitige Schwangerschaft visualisiert – zwei »existentiell« zu nennende Erfahrungen, die physische und psychische Spuren in der Haut hinterlassen haben. In Skin Studies (2018) manifestiert sich die Faszination der Künstlerin Margherita Pevere für mikrobielle Zellulose, deren Materialität an Haut und Fleisch erinnert. Die Serie besteht aus einer Sammlung von Proben, die Pevere aus bakteriellen Kolonien in Nährflüssigkeit kultiviert, getrocknet und auf Japanpapier aufgezogen hat.

DEEDS NEWS - courtesy of ZAK Zitadelle Spandau - Sophie Utikal - foto - Cheongjin Keem
Courtesy of ZAK Zitadelle Spandau, Sophie Utikal: See me through, 2022 Foto: Cheongjin Keem

ARCHIV: Werke, die Haut als Wissensspeicher und als Ort des Einschreibens von Erfahrungen in den Blick nehmen. Mit einer großformatigen Textilarbeit setzt Sophie Utikal ihre Serie There is No Separation (2022) fort. Die Künstlerin widmet sich hier Erfahrungen wie Schmerz, transgenerationalen Traumata sowie der Entfremdung vom eigenen Körper in Bezug zu weißer Normativität. Ihre Textilbilder, die verschiedene Schichten und gestickte »Narben« durch Applikationen vereinen, bieten aber auch poetische Antworten für Möglichkeiten der Heilung. Zuzanna Schmukallas Installation (o.T.), findet mit auf hauchdünner Gaze haftenden Kletten eine überraschende Metapher für (auch ungewollt) sich einschreibende Erlebnisse, während Verena Kyselka Elemente aus ihrem eigenen künstlerischen Archiv (in dem sich z.B. auch von ihr entworfene Kostüme – zweite Haut – finden), collagenhaft mit neu geschaffenen Werkkomponenten verwebt.

Ein alle drei Begriffe vereinendes, emblematisches Werk der Ausstellung ist die Installation Becoming von Yishay Garbasz, bestehend aus 32 analog animierten Bewegtbildern in einem monumentalen Zoetrop, die erstmalig in Europa präsentiert wird. In Becoming setzt sich die Künstlerin in einem öffentlichen Prozedere, indem sie ihren nackten, sich verändernden Körper fotografisch zur Schau stellt, mit ihrer Geschlechtsangleichung und »Frauwerdung« auseinander und greift damit ein hochpolitisches Thema auf: Das Sichtbarmachen von trans*Personen mit ihren Erfahrungen jenseits gesellschaftlicher Ausgrenzung. Aus der Innenperspektive zeigt Garbasz »hautnah«, wie Körperlichkeit und Geschlecht sich in einem stetigen Werden befinden und normative Geschlechterzuschreibungen obsolet werden lassen. Dieses zwischen Performance und Installation oszillierende Werk ist für den Ausstellungskontext wegweisend, da es als Scharnier zwischen Exponat und performativer Inszenierung auch als direkte Interaktion mit dem Publikum fungiert.

Courtesy of ZAK Zitadelle Spandau, Moran Sanderovich: Pregnant-figure Foto: Dina Schweiger

Viele der 28 Künstlerinnen* haben einen transnationalen Hintergrund. Sie leben in Berlin, ihre Erfahrungen, Einflüsse und Verbindungen wurzeln jedoch in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Kontexten. Die Diversität der künstlerischen Positionen fordern auf eine spezielle Weise den regionalgeschichtlich bestimmten Ausstellungsort hinaus und bringen neue Narrative hervor, die die Zitadelle Spandau quasi mit einer neuen »Haut« überziehen.

Yishay Garbasz: Becoming, 2010
Zoetrope
Foto: Busan Biennial and the artist

Zur Ausstellung entsteht eine zweisprachige Ausstellungsdokumentatioin (dt./engl.) mit Werkabbildungen und -texten sowie Essays von interdisziplinär arbeitenden Autorinnen (Edna Bonhomme, Christine Irrgang, Barbara Oettl, Regine Rapp). Außerdem finden begleitende Veranstaltungen mit Katalogpräsentation und Panel Gespräch, Performances, Kuratorinnen- und Künstlerinnenführungen und Filmpräsentation statt.

WANN?

Ausstellungseröffnung:

Donnerstag, 9. Februar 2023, 19:00 Uhr
Begrüßung: Frank Bewig, Bezirksstadtrat und Ralf F. Hartmann, Kulturamtsleiter
Einführung: Julie August und Katharina Koch, Kuratorinnen
Performances von Maria Wollny & Marie Hanna Klemm sowie von Moran Sanderovich

Ausstellungsdaten:

Freitag, 10. Februar – Sonntag, 07. Mai 2023

WO?

Zitadelle Spandau
ZAK – Zentrum für aktuelle Kunst
Alte Kaserne, Obergeschoss
Am Juliusturm 64
13599 Berlin / Spandau

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