Nach Jahrzehnten künstlerischer Arbeit macht die Künstlerin Margo Guttmann ihr Werk ab dem 27. März 2026 erstmals umfassend öffentlich zugänglich. In einer konzentrierten Einzelpräsentation in der Miettinen Collection – nach ihrer jüngsten Beteiligung an der Gruppenausstellung Faces of Mind im HausKunstMitte – deutet sich dabei eine bemerkenswerte Entdeckung an: das kraftvolle Werk einer Künstlerin, deren über Jahrzehnte entwickeltes Œuvre nun sichtbar wird und zur weiteren Entdeckung einlädt
Abb. oben: Margot Guttmann; Liberty, 2022; Öl auf Leinwand, 240 x 180 cm © Margo Guttmann; Foto: Ludger Paffrath.
Kämpfer dominieren die großformatigen Bilder Margo Guttmanns. Verletzlichkeit, aber auch Kraft und Entschlossenheit strahlen sie aus. Aggressiv und selbstbewusst trotzen sie ihren Blessuren. Nackte Muskelstränge sind zu sehen. Bandagen und vielleicht auch metallische Applikationen wirken zugleich wie Rüstungen. Beschädigt, doch unbeirrbar schreiten diese Figuren voran. Hybride Wesen, posthuman, wie aus einem Science Fiction- oder Manga-Comic. Halb Mensch, halb Maschine. Dabei ist der Bildaufbau vertraut, geradezu ikonisch.
Im Hintergrund, das leinwandweiße Personal kontrastierend, monochrome Flächen oder surreale Landschaftsanmutungen. Kantige Formen, wie aufbrechende Eisschollen. Abgerundete Flächen wie Blutlachen. Wehende Fahnen. Landschaften als Kulissen, auf denen sich eine sehr reduzierte Handlung entfaltet.
Mensch und Maschine. Deus ex machina. Der Mensch als Gott und Schöpfer. Anleihen an Philosophie und Kunstgeschichte zu Guttmanns Werken gibt es viele, von Leonardo da Vinci bis Masereel.

Der Kampf spricht aus diesen Bildern. Ein existentieller Kampf, wie er in der Kunstgeschichte immer wieder thematisiert wurde – sei es in religiösen Bilderwelten oder in realistisch anmutenden Szenen des 20. Jahrhunderts. In Guttmanns Bildern ist all das als Substrat auf die Leinwand gebannt.
Kleine Motive wie herumsirrende Drohnen oder in gröberen Strichen am Horizont angedeutete Panzersperren deuten an, dass diese Kampf auch in der Gegenwart verortet wird.
Kampf ist nicht immer Krieg. Kampf kann im Falle der aus Polen stammenden Künstlerin auch ganz persönlich verstanden werden. Der Kampf als Teenagerin aus einfachen Verhältnissen auf die Kunstschule gehen zu dürfen. Der Kampf als junge Immigrantin Anfang der Achtziger Jahre ohne einen Pfennig in der Tasche in Westberlin Fuß zu fassen. Und sich später auch in der Wirtschaft behaupten zu müssen. Die Menschen, die ihr in dieser Gesellschaft begegnet sind, erzählt Margo Guttmann, seien „Maschinen und Monster, die kein Mitleid kennen, die ständig das Messer in der Hosentasche tragen und immer bereit sind, zuzuschlagen.“ Als die Künstlerin Anfang der 1980er Jahre nach Westberlin kam, war in der Kunst die Zeit der jungen Wilden. Die Moritzboys aus Kreuzberg 36 waren Tonangeber in der Mauerstadt. Es war auch die Renaissance der figürlichen Malerei. Guttmann war beeindruckt davon, wie „frei und großzügig Maler wie Rainer Fetting und Salomé mit Farbe“ umgingen. Die Kunstkritik schrieb damals von dem Expressiven, der Brutalität und den aggressiven Farben der Bilder. Echos hiervon und davon, wie Figur in Szene gesetzt wurde, finden sich auch in Guttmanns aktuellen Werken.

„Hätte ich nicht gelebt, wie ich gelebt habe, wären meine Bilder nicht so wie sie sind“, sagt Guttmann. Sie beschreibt ihre Bilder, die großen und die kleineren Formate, als abstrakte Tagebücher. Dabei sind die Geschichten, die sie in den Motiven anlegt, nicht als rein autobiografisch zu verstehen, eher als symbolisch. Die abgebildeten Figuren sind kein Selbstporträt. Geschlechtlich als Neutrum gesetzt und ohne ein erkennbares Alter sind die Kämpfenden aufladbare Platzhalter für die Betrachtenden, Projektionsflächen. Für was oder wen hier gekämpft wird, entzieht sich bewusst der Eindeutigkeit.
In ihrem Selbstverständnis will Margo Guttmann die Rollenerwartungen der Gesellschaft an Geschlecht und Alter durchbrechen. Die abgetrennten Gliedmaßen liegen am Wegesrand, die gewürgten Hälse sind Stationen des Weges, nicht der Endpunkt. Guttmanns mit Ölfarben gemalte Bilder wirken auch deshalb so intensiv, weil sie bei aller abgebildeten und inszenierten Brutalität nicht destruktiv und depressiv, sondern aggressiv wirken. Geballte Energie, erstarrte Bewegung. Die Künstlerin interessiert sich nicht so sehr für die Oberfläche, vielmehr schafft sie einen Ausdruck für ihr Inneres. „Ich kann in meinen Bildern nichts anderes als schreien und morden“.
Diese Energie steckt auch in ihren schwarz-weißen Zeichnungen. Man findet hier das gleiche Personal wie in den großformatigen Malereien, ohne die Hintergründe allerdings. Die Figuren stehen für sich. Guttmanns Zeichnungen sind dabei nicht etwa nur Skizzen für Malerei, sondern eine eigenständige Werkgruppe.

Sie selbst hat zwei Leben. Das als toughe Geschäftsfrau hat sie hinter sich gelassen. Und das als Künstlerin, die ihre innere Zerrissenheit, ihre Ängste und Hoffnungen auf die Leinwand zu bannen vermag, lebt sie in einer Intensität, die immer stärker wird. Manchmal verlässt sie ihr Atelier tagelang nicht, gräbt sich in die Arbeit ein. Das Studio ist ihr privater Schutzraum, der sie abschirmt vor der oft als feindlich empfundenen Welt. Sie hat in zwei Ländern gelebt und in zwei Systemen, im Kommunismus und im Kapitalismus, sowie in allen gesellschaftlichen Schichten. Nirgends war sie richtig zu Hause. Diese Ambivalenz steckt in ihren Bildern.
Die Ergebnisse ihres jahrzehntelangen künstlerischen Schaffens teilt sie nun mit der Öffentlichkeit.
WANN?
Ausstellungsdaten: Freitag, 27. März – Samstag, 18. April 2026
Öffnungszeiten: Mittwoch –Samstag, 12 – 18 Uhr
WO?
Miettinen Collection
Erdgeschoss
Marburgerstraße 3
10178 Berlin
KOSTET?
Eintritt frei





