Eine Wohnung verrutscht in ihrem architektonischen Gefüge. Nach und nach sackt sie Stockwerk um Stockwerk ab, bis ihr droht, in der Kanalisation zu versinken. Die mysteriöse Veränderung wird von den Bewohner*innen des Hauses kollektiv ignoriert. Die Erzählerin in Ilse Aichingers Kurzgeschichte hofft indes bis zuletzt darauf, dass jemand das Schweigen bricht: „Verzeihen Sie, aber wohnten Sie nicht gestern noch einen Stock höher?“
Abb. oben: Villa Knobloch, heute Haus am Waldsee, Grundriss 1923, Modifizierung durch Richard Venlet, 2026, Courtesy der Künstler
Was für Ordnungen prägen die Orte, in denen wir wohnen? Welche Spuren der Nutzung schreiben sich in sie ein und wirken über sie hinaus fort? Aichingers Wo ich wohne ist nicht nur titelgebend für die Ausstellung, mit der das Haus am Waldsee im Sommer 2026 sein 80-jähriges Bestehen reflektiert, sondern verweist zugleich auf die Verbindungen zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und gebauter Umgebung, die sich im künstlerischen Programm des Hauses in einer fortwährenden Reibung zwischen künstlerischen Interventionen, Institution, Geschichte und Architektur spiegelt.
Wo ich wohne blickt anhand der 1922 für den jüdischen Textilfabrikanten Herrmann Knobloch errichteten Villa auf die Geschichte der Institution, in der nur wenige Wochen nach dem Ende des 2. Weltkriegs das Haus am Waldsee seine Anfänge nahm. Die Sprache des Gebäudes, in dem sowohl Opfer als auch Täter*innen des Nationalsozialismus lebten, wird dabei nicht nur als Rahmen, sondern als Material begriffen, aus dem heraus die Werke in der Ausstellung Spannungen zwischen dem Privaten und dem Politischen offenlegen. Die gewaltvollen Ereignisse und gesellschaftlichen Kämpfe des vergangenen Jahrhunderts hallen in der Architektur, dem Grundstück, seiner Verortung und seiner Nutzung nach. Sie erzählen von einem Versuch bürgerlicher Abgrenzung, der an einer vermeintlichen Normalität festhält, selbst dann, wenn vor den Fenstern alles ins Wanken gerät.
Die internationale Gruppenausstellung setzt sich mit der Architektur und der Geschichte des Ortes auseinander und entfaltet sich entlang einer raumgreifenden Arbeit des Künstlers Richard Venlet. Sie bringt historische wie neue Arbeiten von Nigin Beck, Rhea Dillon, Robert Haas, Alexandre Khondji, Atiéna R. Kilfa, Henry Koerner, Yoora Park, Renée Sintenis, Ian Waelder, Frau von Zinowiew und weiteren zusammen. Arbeiten aus der frühen Ausstellungsgeschichte des Hauses treten in Dialog mit Neu-Interpretationen des Ortes. Zitate aus der Nutzung des Hauses als Ausstellungs- wie als Wohnort beschwören schlaglichtartig vergangene Atmosphären herauf.
Begleitend wird im Café, der ehemaligen Garage der Villa, die Ausstellungsreihe Seit…auf einer von der georgischen Kuratorin und Archivarin Nina Akhvlediani entworfenen Display-Architektur fortgesetzt. Unter dem Titel Green Sanctuary (C.O.T.B) entwickelt Veit Laurent Kurz das zweite Kapitel der Ausstellungsreihe, das sich mit dem Englischen Landschaftsgarten des Hauses auseinandersetzt.
Im Dialog mit den Ausstellungen feiert die Arbeit Fischmond am Waldsee von Ayumi Paul im Garten des Hauses Premiere. In Form eines Hörspiels konzipiert Paul einen Soundwalk, der auf Forschungen zu geologischen Prozessen, Migrationswegen von Pflanzen und Tieren sowie historischen und persönlich-biografischen Erinnerungen des Hauses selbst beruht.
Die Ausstellung wird kuratiert von Anna Gritz und Pia-Marie Remmers.
WANN?
Ausstellungsdaten: Donnerstag, 16. April bis Donnerstag, 3. September 2026
WO?
Haus am Waldsee
Argentinische Allee 30
14163 Berlin





