Die anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des ersten Surrealistischen Manifestes von 1924 organisierte Filmreihe in der Sammlung Scharf-Gerstenberg findet ihre Fortsetzung: vom 21. Mai bis 17. Dezember 2025 werden im „Cinema Surreal“ vierzehntäglich, jeweils mittwochs um 18 Uhr, 14 Filme gezeigt. Der Eintritt ist frei.
Abb. oben: Cinema Surreal am 21.5.2025: Alraune, Arthur Maria Rabenalt, D 1952, © bpk / Hanns Hubmann.
„Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität“, schrieb André Breton 1924 im Ersten Manifest des Surrealismus.
Das „Cinema Surreal“ in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zeigt Filme, in denen diese „absolute Realität“ erlebt werden kann: Imagination und Wirklichkeit rücken eng zusammen und sorgen gehörig für Zündstoff, um zu neuen, „überwirklichen“ Wahrnehmungen zu gelangen!
2025 gibt es einen doppelten thematischen Schwerpunkt. Im Nachklang zur Ausstellung „Böse Blumen“ werden „Die Blumen des Schreckens“ gezeigt, ein britischer Thriller der 1960er-Jahre über Pflanzen, die die Menschheit zu vernichten drohen, oder Claude Chabrols süffisantes Gesellschaftsporträt „Die Blume des Bösen“ (2003).

Den Auftakt macht am 21. Mai der Klassiker „Alraune“ aus der BRD der 1950er-Jahre, mit der jungen Hildegard Knef, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte.
Ab August 2025 geht es dann um das Thema „Surrealismus und Psychologie“: Eine amerikanische Stummfilmkomödie erzählt von einem wahnsinnigen Psychologen, in „Being John Malkovich“ findet ein kleiner Angestellter einen Gang, der in das Gehirn eines berühmten Schauspielers führt, und in „Dreams that Money Can Buy“ – der berühmten Zusammenstellung von Experimentalfilmen zum Thema „Traum“, um die Hans Richter mehrere Künstlerfreunde bat – sieht ein Mann seine eigene Seele, wenn er nur in den Spiegel schaut.
Die vierzehn Filme umfassende Reihe endet am 17. Dezember 2025 mit der charmanten Berliner psychologischen Komödie „Cleo“.
Die Filmreihe wird finanziell ermöglicht durch Julietta Scharf. Alle Filme werden eingeführt vom Kurator der Filmreihe Wolfgang Davis.
PROGRAMM
Mittwoch, 21. Mai 2025, 18 – 20 Uhr
Alraune
von Arthur Maria Rabenalt, D 1952, 92 min, s/w; DF, mit Hildegard Knef, Erich von Stroheim, Karlheinz Böhm u.a.
Die Alraune ist eine giftige, berauschende Pflanze, die schon im Altertum von Mythen umrankt war. Man sprach ihr geheimnisvolle Kräfte zu, weil ihre Wurzel menschenähnliche Gestalt haben kann. Wenn man sie aus der Erde zieht, heißt es, dann schreit sie. Und wer ihre Schreie hört, der stirbt auf der Stelle.
Der junge Frank Braun verliebt sich in Alraune, die Tochter von Professor Jakob ten Brinken. Als der von der jungen Liebe hört, offenbart er: Alraune ist kein Mensch. Wie eine Schwester von Frankensteins Monster ist sie aus einem Experiment erwachsen, in dem der wahnsinnige Professor die Gene eines Mörders mit denen einer Prostituierten verband.
Der Film lässt die ganze Enge der Bundesrepublik in den 1950er-Jahren erahnen und ist trotzdem dank der schwebenden nervösen Unruhe von Hildegard Knef ein kleines Wunder. Als Alraune ihre Liebe bekennt, verliert sie ihre Magie und wird Mensch. Aber der Professor kann sein Experiment nicht loslassen und erschießt sie. Später wird er selbst zum Tode verurteilt: ein Versuch, diesen klassischen Femizid zu vertuschen. Hildegard Knef hat immer wieder darauf bestanden, nicht wegen ihrer Weiblichkeit, sondern als Person wahrgenommen zu werden – trotz ihrer denkwürdigen Schönheit. Und es ist Hildegard Knef, die diesen Film zu einem ganz besonderen Ereignis macht.
Mittwoch, 4. Juni 2025, 18 – 19.30 Uhr
Kleiner Laden voller Schrecken (Little Shop of Horrors)
von Roger Corman, USA 1960, 70 min, s/w, DF, mit Jonathan Haze, Jackie Joseph, Jack Nicholson u.a.
Eine typische Komödie der 1960er-Jahre voll schwarzem Humor von einem der berühmtesten Regisseure billiger und effektvoller Filme, die fast alle in die US-amerikanische Filmgeschichte eingegangen sind. Auch dieses B-Movie von Roger Corman wurde in nur fünf, sechs Tagen gedreht. In einer berühmten Szene spielt der spätere Superstar Jack Nicholson einen masochistischen Bestatter, der sich beim Zahnarzt genussvoll ein paar gesunde Zähne ziehen lässt. Eine der ersten Szenen, in denen Jack Nicholson sein berühmtes dämonisches Grinsen zeigt.
Seymour, der Held des Films, arbeitet bei einem heruntergekommenen Floristen. Bei seiner Arbeit findet er eine neue Pflanze, die er Audrey Jr. nennt. Sie entwickelt sich prächtig und kann den Blumenladen vielleicht vor dem Ruin retten. Tatsächlich stehen die Käufer Schlange, als die Blume immer schöner wird. Bis Seymour entdeckt, dass sie zum Wachsen menschliches Blut braucht. Audrey Jr. wird größer und größer, als Seymour sie mit dem Leichnam eines Mannes füttert, den er versehentlich getötet hat. Er ist voller Angst und fürchtet entlarvt zu werden, aber nach und nach werden alle Protagonisten der Geschichte in ihre eigenen kleinen »Morde aus Versehen« verwickelt und all ihre Leichen enden – in Audrey Jr. Der schwarze Humor schlägt Kapriolen, bis Seymour beschließt, dem unwürdigen Schauspiel ein Ende zu setzen, und selbst in die Pflanze hineinspringt.
Mittwoch, 18. Juni 2025, 18 – 20 Uhr
Blumen des Schreckens (Day of the Triffids)
von Steve Sekely, GB 1963, 90 min, Farbe, DF, mit Howard Keel u.a.
Day of the Triffids basiert auf einem der populärsten Science-FictionRomane Englands, verfasst von John Wyndham, und erzählt von einem seltsamen Meteoritenschauer. Jeder, der die Meteoriten beobachtet, erblindet sofort, und das bedeutet – fast die gesamte Menschheit wird erblinden. Gleichzeitig hat die Strahlung aus dem Weltraum eine magische Wirkung auf eine Pflanze, die Triffid. Triffids, die von dem Meteoritenschauer getroffen wurden, wachsen zu riesiger Größe, entwickeln die Fähigkeit, sich fortzubewegen, und versprühen ein Gift, an dem Menschen innerhalb von Sekunden sterben. Die Menschheit scheint der sicheren Vernichtung preisgegeben.
Ein Seemann, der während des Meteoritenschauers wegen einer Augenbehandlung eine Augenbinde trug, ist nicht erblindet. Er ahnt das Schicksal der Menschheit, wenn die Triffids sich weiter ausbreiten. Verzweifelt versucht er, eine Lösung zu finden. Wird die Menschheit untergehen?!
Der Film ist ein klassischer Thriller der 1960er-Jahre, der mit einfachen Mitteln eine erschreckende Atmosphäre der Vernichtung evoziert. Durch Zufall findet man die Lösung, die den Menschen zum Überleben verhelfen könnte. Aber wird das gelingen? Der Roman und der Film sind eine visionäre Sicht auf den Zustand, in dem die Welt sich immer wieder befindet. Ob der Zufall uns wieder aus dem Chaos führt – wir werden sehen.
Mittwoch, 2. Juli 2025, 18 – 20 Uhr
Die Blume des Bösen (La fleur du mal)
von Claude Chabrol, F 2003, 99 min, Farbe, DF, mit Nathalie Baye, Bernard Le Coq, Mélanie Doutey, Benoît Magimel, Suzanne Flon u.a.
Wie so oft und immer wieder mit neuem Charme zerlegt Claude Chabrol die öffentliche Fassade einer großbürgerlichen Familie. Der Apotheker Gérard Vasseur ist ein Chauvinist alter Schule, der seine Frau Anne betrügt und ihr das Amt der Bürgermeisterin, auf das sie sich bewirbt, nicht zutraut. Dann taucht ein Flugblatt auf, das ungute Ereignisse aus der Vergangenheit der Familie enthüllt. Die gutbürgerliche Fassade beginnt zu bröckeln. Gérard ficht das nicht an. Unbekümmert bedrängt er seine Stieftochter Michèle und wird von ihr mit einer Lampe erschlagen. Tante Line eilt Michèle zu Hilfe und teilt ein Familiengeheimnis: Auch sie selbst hat einst ihren Vater getötet, weil er während des Krieges mit den Deutschen kollaboriert und seinen eigenen Sohn an sie ausgeliefert hatte. Als Anne Charpin-Vasseur die Bürgermeisterwahl gewinnt, feiert die ganze Familie eine Party, als sei nichts geschehen.
Eine surreale Atmosphäre durchdringt das Drama, dessen Erzählung man kaum glauben mag, die man aber doch insgeheim für absolut möglich und real hält.
Mittwoch, 16. Juli 2025, 18 – 20 Uhr
Grey Gardens
Von David und Albert Maysles, USA 1975, 85 min, Farbe, engl. OF, mit Ellen Hovde, Muffie Meyer u.a.
Meist sind es Spielfilme, die in der Seele berühren – Dokumentarfilme zeichnen die Realität nach, die wir täglich erleben. Aber dann gibt es plötzlich einen Dokumentarfilm, der Menschen ganz besonders zu berühren weiß. Grey Gardens gehört dazu, dafür stehen nicht nur seine Auszeichnungen: 2010 wurde er als kulturell, historisch und stilistisch bedeutsam von der Library of Congress in das nationale Filmregister der USA aufgenommen, und 2012 wählte das Publikum ihn zum besten Dokumentarfilm aller Zeiten.

Die Protagonistinnen sind zwei skurrile ältere Damen – die Mutter »Big Edie«und die Tochter »Little Edie«. Sie stammen aus einer besonderen Familie, den Bouviers. Ihre Nichte bzw. Cousine war die Frau des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, Jacqueline Kennedy Onassis, eine superreiche Stilikone des 20. Jahrhunderts. Die beiden Damen sind anders. Wie aus einer fremden, surrealen Welt gefallen wohnen sie im reichen New Yorker Vorort East Hampton über 50 Jahre hinweg in einer heruntergekommenen Villa, in der es von schmutzigen Katzen, Waschbären und Flöhen nur so wimmelt. Big Edie und Little Edie sind völlig verarmt, aber sie haben Stil. Erst als die Gemeinde Anfang der 1970er-Jahre die Villa niederreißen lassen will, schreitet Jacqueline Kennedy ein und finanziert eine Renovierung. 1975 drehten die Brüder David und Albert Maysles diesen einmaligen Dokumentarfilm im Stil des Direct Cinema.
Mittwoch, 20. August 2025, 18 – 20 Uhr
When the Clouds Roll By
von Victor Fleming und Theodore Reed, USA 1919, 75 min, s/w, engl. OF, mit Douglas Fairbanks sen. u.a.
Während in Deutschland 1922 der wahnsinnige Arzt und Psychoanalytiker Dr. Mabuse in düsteren Filmen seine Verbrechen plant, zeigt der amerikanische Stummfilm drei Jahre früher eine leichte Komödie um einen irren Psychoanalytiker in Amerika. Sein Name ist Ulrich Metz. Metz möchte mit seinen psychologischen Fähigkeiten den ehrgeizigen und unbedarften Medizinstudenten Daniel Boone Brown in den Selbstmord treiben. Er inszeniert zahllose scheinbar schicksalhafte Ereignisse, die Daniel Brown widerfahren; eine schwarze Katze, ein zerbrochener Spiegel und allerlei Paraphernalien des mysteriösen Unheils kommen vor. Aber in all dem Chaos begegnet Daniel Brown der schönen Künstlerin Lucette Bancroft, und das Liebesglück nimmt seinen Lauf.

Der Film wird zu einer liebenswerten Stummfilmklamotte. Gerade als der junge Mediziner Selbstmord begehen will, findet man heraus, dass der Psychiater selbst wahnsinnig ist. Daniel ist gerettet. Mit seiner neuen Freundin macht er sich im Zug auf den Weg aus dem irrwitzigen New York in den friedlichen amerikanischen Westen. Und gerade als alles gut werden könnte, reißt eine gigantische Flutwelle den Zug mit sich. Alles scheint verloren! Aber der Held wäre kein Held, wenn er nicht seine Geliebte Lucette und sich selbst in Sicherheit brächte.
Mittwoch, 10. September 2025, 18 – 20.15 Uhr
Ich kämpfe um Dich (Spellbound)
von Alfred Hitchcock, USA 1945, 111 min, s/w, DF, mit Ingrid Bergman, Gregory Peck, Leo G. Carroll u.a.
Alfred Hitchcock ist ein Meister des psychologischen Thrillers. Ich kämpfe um dich ein Meisterwerk des Regisseurs. Hitchcock hatte sich intensiv mit Sigmunds Freuds Psychologie des Unbewussten beschäftigt. Und Träume, denen Freud besondere Bedeutung zumisst, wurden ein zentrales Moment in diesem Film. In den Hauptrollen sind Ingrid Bergman und Gregory Peck zu sehen. Eine Traumsequenz, die zur Aufklärung eines mysteriösen Mordfalles führt, ließ Hitchcock von Salvador Dalí gestalten. Dieser hatte 1929 mit Luis Buñuel einen der wichtigsten surrealistischen Filme gedreht: Ein andalusischer Hund.
Ich kämpfe um dich erzählt die Geschichte um eine Psychoanalytikerin, die sich in den neuen Leiter eines psychiatrischen Krankenhauses in Vermont verliebt, bis sie herausfindet, dass er ein Hochstapler ist, der an dissoziativer Amnesie leidet und möglicherweise … ein Mörder ist! Und wie in jedem echten Hitchcock-Thriller erreicht die Spannung immer neue Höhepunkte, bis der Mörder entlarvt ist. Ist es Gregory Peck? Ist die Liebe von Ingrid Bergman wie so oft in ihren Filmen vergeblich?
Mittwoch, 24. September 2025, 18 – 20 Uhr
Träume zu verkaufen (Dreams that Money Can Buy)
von Hans Richter, Max Ernst, Marcel Duchamp, Man Ray, Fernand Leger, Alexander Calder, USA 1944–47, 84 min, Farbe, engl. OF
Hans Richter ist seit seinem Film Vormittagsspuk von 1929 einer der bekanntesten surrealistischen Filmemacher der frühen Jahre. 1928 und 1929 waren seine produktivsten Jahre, aber nach dem Zweiten Weltkrieg machte er sich noch einmal auf, einen langen Film zu drehen. Es sollte ein Konzeptfilm werden: Fünf Künstler produzieren als Regisseure ihre Version eines modernen kinematographisch-kinetischen Experiments in einer gemeinsamen Rahmenerzählung.
Joe hat einen Mietvertrag für seine Wohnung unterzeichnet, aber er weiß nicht recht, wie er die Miete finanzieren soll. Da entdeckt er, dass er in seine Seele schauen kann, wenn er seine Augen in einem Spiegel betrachtet. Daraus lässt sich doch ein Geschäft machen! Joe eröffnet ein Büro für Träume frustrierter und neurotischer Kunden. Und dann folgen fünf maßgeschneiderte Traumfilme der Ko-Regisseure Hans Richter, Max Ernst, Marcel Duchamp, Man Ray, Fernand Leger und Alexander Calder. »Dreams That Money Can Buy ist ein sehr ungewöhnlicher Film und ein erfolgreiches Filmexperiment in ‚Heimarbeit‘. Vielleicht werden andere Künstler, nachdem sie sich dieses Glanzstück unabhängigen Filmemachens angesehen haben, auf dieser Grundlage das Kino weiterentwickeln und die Möglichkeiten weiter ausreizen. Und jeder, der mit ausreichendem Halbwissen über Familie Freud ausgestattet ist, wird sich an Richters Film erfreuen«, schreibt George A. Lelper 1948 im Harvard Crimson.
Mittwoch, 8. Oktober 2025, 18 – 20 Uhr
Der Trip (The Trip. A Lovely Sort of Death)
von Roger Corman, USA 1967, 85 min, Farbe, DF, Buch: Jack Nicholson, mit Peter Fonda, Dennis Hopper, Susan Strasberg u.a.
Fast jeder Kinogänger kennt den Filmklassiker Easy Rider, der das Lebensgefühl der wilden 1960er-Jahre in Amerika zeigt. Kaum einer kennt The Trip, der kurz zuvor mit demselben Hauptdarsteller produziert wurde und das Thema vielleicht ehrlicher, jedenfalls realistischer zeigt. Das Drehbuch stammt von Jack Nicholson, der in Easy Rider als Schauspieler reüssiert.
Paul Groves, ein Werbefilmregisseur, ist in einer persönlichen Krise. Seine Frau Sally will sich von ihm scheiden lassen, und nun möchte er sich selbst erkennen und mit sich ins Reine kommen. Sein Freund John schickt ihn daraufhin auf einen LSD-Trip. Extreme Wahrnehmungen, Halluzinationen und Pauls reale Geschichte lösen einander ab. Psychedelische Bilder, sexuelle Vorstellungen, Ängste und Träume – alle Klischees unserer Vorstellung von den 1960er-Jahren in Amerika manifestieren sich im Film Der Trip. Am Anfang ist Paul euphorisch, dann wird sein Bewusstsein zunehmend verwirrt und unlogisch. Er zieht umher, noch immer high, und trifft eine alte Bekannte mit einer Vorliebe für Männer, die LSD nehmen. Sie fragt ihn, ob er die ersehnte Erkenntnis gefunden habe. Paul meint, er werde morgen darüber nachdenken. Sein Gesicht friert ein und zerbricht wie Glas. Ende.
Mittwoch, 22. Oktober 2025, 18 – 20.15 Uhr
Naked Lunch
von David Cronenberg, Can, UK 1991, 110 min, Farbe, DF, mit Peter Weller, Judy Davis, Roy Scheider u.a.
Naked Lunch ist ein Kultfilm des Horrorfilmregisseurs David Cronenberg. Tief im Surrealismus wurzelnd, beruht er auf dem gleichnamigen Roman von William S. Burroughs. Da, wo sich Splatter von Professionalität trennt, betrachtet er Horror nicht mit Schrecken, sondern aus amüsierter Distanz, die zwischen Realem und Surrealem flaniert.
Im Drogenrausch spielt der Kammerjäger Lee gemeinsam mit seiner Frau Wilhelm Tell. Aus dem Spiel wird blutiger Ernst, als Lee nicht das Wasserglas auf ihrem Kopf trifft, sondern sie selbst. Entsetzt flieht er nach Tanger, wo er unter obskuren Menschen, Junkies, Lebenskünstlern und surrealen Kreaturen – da-runter eine sprechende insektoide Schreibmaschine – sein Leben fristet. Lee stolpert in einen surrealen Albtraum, in dem er als Geheimagent durch das internationale Tanger voller gigantischer Insekten streift, während er gleichzeitig einen Roman über diese Erlebnisse schreibt – mit dem Titel »Naked Lunch«.
Der Film basiert auf dem Roman Naked Lunch von William S. Burroughs, einem Schriftsteller der Beat Generation, die in den 1950er-Jahren gegen das überkommene Amerika rebellierte. On the Road von Jack Kerouac, The Howl von Allen Ginsberg und Naked Lunch gelten als die wichtigsten Werke der Beat Generation, die ziellos durch das Land zieht und einen Sinn im Leben sucht. Der Name Beat Generation bezeichnet die Protagonisten als die vom Schicksal geschlagene Generation – nicht, wie man denken mag, als Anhänger der Beat-Musik der 1960er Jahre.
Mittwoch, 5. November 2025, 18 – 20.15 Uhr
Being John Malkovich
von Spike Jonze, USA 1999, 108 min, Farbe, DF, mit John Malkovich, John Cusack, Cameron Diaz u.a.
Eine überbordende, surreale Komödie von Spike Jonze, der zuvor zahllose Musikvideos produziert hatte.
Der erfolglose Puppenspieler Craig findet Arbeit im 7,5. Stock eines Bürogebäudes, zu dem man nur über den Notstopp des Fahrstuhls gelangt. Hinter einem Aktenschrank entdeckt er einen Gang, der ihn direkt in das Gehirn des Schauspielers John Malkovich führt. Mit einer Freundin gründet er die »J. M. Incorporated«, die 15-Minuten-Besuche im Hirn des Schauspielers verkauft. Sogar John Malkovich selbst taucht in sein eigenes Gehirn ein und sieht sich einer unendlichen Zahl seiner selbst gegenüber. Ein wahnwitziges Gemenge von Realem und Surrealem entsteht, das bis in den Kinosaal reicht: Die Filmfigur John Malkovich wird von dem realen Schauspieler John Malkovich dargestellt.
Craig etabliert sich mehr und mehr im Gehirn seines menschlichen Firmenkapitals und manipuliert Malkovich zum Puppenspieler, durch den er endlich auch in seinem eigentlichen Beruf Erfolg findet. Später verliebt sich seine Kollegin in seine Ehefrau und zeugt mit ihr, während sie in John Malkovichs Gehirn sitzt, ein Kind. Das Leben könnte in seiner komplizierten Schönheit immer weiterlaufen, wenn sich nicht herausstellte, dass der Inhaber der Firma im 7,5. Stock der tatsächliche Urheber des Gehirnganges ist. Und dieser ältere Herr plant, für sich und einige Freunde ewiges Leben im Hirn von John Malkovich zu erreichen. Wird er seinen Plan durchsetzen?
Mittwoch, 19. November 2025, 18 – 20 Uhr
Citizen Dog (Ma Nakhon)
Von Wisit Sasanatieng, Thailand 2004, 100 min, Farbe, OmenglU
Citizen Dog ist eine absurde Komödie aus Thailand, voller überdrehter Einfälle, die in einem surrealen Umweltfilm kulminieren.
Als der junge Pod aus seinem langweiligen Landleben ausbricht, ruft ihm seine Großmutter den Fluch hinterher, ihm werde in Bangkok ein Schwanz wachsen. Pod findet Arbeit in einer Sardellenfabrik, wo ihm von einer Maschine ein Finger abgeschnitten wird. Pod durchsucht tausende Sardellenbüchsen, bis er eine findet, in der ein Finger steckt. Er passt ihm … nicht ganz.

Wenig später verliebt er sich in die junge Jin, die ein weißes Buch liest, dessen Sprache sie nicht versteht. Als Jin einen Mann sieht, der das gleiche weiße Buch liest, glaubt sie, er sei ein Umweltschützer, der auf einer Demonstration in Washington erschossen wurde. Sie beginnt tausende Plastikflaschen zu sammeln, die sie vor der Stadt aufhäuft. Pod wird Taxifahrer, weil Jin ihm gesteht, dass sie eine Busfahrphobie hat. Im Taxi trifft er ein kettenrauchendes Kleinkind mit einem pöbelnden Plüschbären und einen Gecko, der eine Reinkarnation seiner Großmutter ist. Und irgendwann stellt sich heraus, dass das weiße Buch ein italienischer homoerotischer Liebesroman ist. Enttäuscht wirft Jin ihn fort und heiratet Pod. Der Plastikflaschenberg hat inzwischen riesige Dimensionen angenommen und ist zum Treffpunkt romantischer Liebespaare geworden. Jin und Pod erwarten ein Kind. Pod ist überzeugt, dass das Kind eine Reinkarnation seiner Großmutter sein wird. Die Welt dreht sich im Kreis…
Mittwoch, 3. Dezember 2025, 18 – 20 Uhr
Buñuel – Filmemacher des Surrealismus (Buñuel, un cineasta surrealista)
von Javier Espada, ESP 2024, 87 min, OmU
Die taz zitiert schon vor 30 Jahren den Theologen Eugen Drewermann, der meinte, Luis Buñuel und der Surrealismus seien »angewandte Psychoanalyse« (taz, 15. 3. 1994).
Cinema Surreal zeigt eine Dokumentation über den vielleicht wichtigsten surrealistischen Filmregisseur: Luis Buñuel. Ein andalusischer Hund, den er gemeinsam mit Salvador Dalí drehte, wird immer wieder als erster und wichtigster surrealistischer Film genannt, zumeist wegen der unauslöschlichen Szene, in der ein Liebhaber seiner Geliebten mit einem Rasiermesser das Auge durchschneidet wie eine Wolke, die vor dem romantischen Mond über den Himmel zieht. Aber das Werk von Buñuel ist größer!
Mit Meisterwerken wie Die Vergessenen und Der diskrete Charme der Bourgeoisie hat sich der spanische Regisseur in die Filmgeschichte eingeschrieben. Der Dokumentarfilmer Javier Espada gibt einen »tiefen und einzigartigen Einblick in den Werdegang eines der wichtigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts, seine Vergangenheit, seine Entwicklung und sein Werk, das nicht nur das Kino, sondern die gesamte Kunstwelt maßgeblich beeinflusst und für immer verändert hat«, so schreibt der Verleih dieses Films. Und Javier Espada erzählt nicht nur über Luis Buñuel. In einer dramatischen Komposition zeigt er Ausschnitte aus allen unvergesslichen Filmen des großen Surrealisten. Vielleicht ein Ausblick auf das, was Sie in Cinema Surreal 2026 erwartet.
Mittwoch, 17. Dezember 2025, 18 – 20 Uhr
Cleo
von Eric Schmitt, D 2019, 99 min, DF, Farbe
Kann man den Gegensatz von Traum und Wirklichkeit tatsächlich in eine Surrealität auflösen, die dann unsere gewohnte Realität wird? Cleo ist ein fröhlicher, charmanter Film, der das tut. Einfach so! Der Regisseur bietet alle Mittel auf – Trickfilmsequenzen, rücklaufende Zeit, Geschwindigkeit, Dunkelheit, Licht und Träume –, um dem Surrealen das Gewand einer ganz gewöhnlichen Realität zu geben. Und man will es ihm einfach glauben. Manchmal ähnelt Eric Schmitts Film denen seiner großen Vorgänger, der ersten surrealistischen Filmemacher aus den 1920er- und 30erJahren, Luis Buñuel, Man Ray oder Jean Cocteau. Cum grano salis – und einer Spur von Melancholie.

Cleo arbeitet für ein Touristenbüro in Berlin und lebt ein einsames Leben, seit ihr Vater starb, als sie zehn Jahre alt war. Ihre Mutter war schon bei ihrer Geburt gestorben. Cleo hofft seit ihrer Kindheit, dass eine magische Uhr ihr helfen wird, die Zeit zurückzudrehen und ihre Eltern zu retten. Schon immer kann sie Menschen aus der Vergangenheit sehen und mit ihnen sprechen. Einstein hat ihr von der Relativität der Zeit erzählt. Das passt. Und dann erhält sie eine Schatzkarte zweier berühmter Berliner Einbrecher, der Brüder Sass. Die hatten die magische Uhr in den 20erJahren gestohlen. Für Cleo beginnt eine Reise durch Berlins Geschichte, bis zum Anfang der Zeit und zurück in ein Happy End.
Ein würdiger und vergnüglicher Spaß zum Ende der Filmreihe Cinema Surreal 2025 in der Sammlung Scharf-Gerstenberg.
WANN?
Von Mittwoch, 21. Mai bis Mittwoch 17. Dezember
WO?
Sammlung Scharf-Gerstenberg
Schloßstraße 70
14059 Berlin-Charlottenburg
KOSTET?
Eintritt frei





