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E. R. Nele. Zeitzeugenschaft – Museum Angewandte Kunst | 24.09.2022–01.01.2023

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„Wer nur in Bewegung ist, verliert die Orientierung, wer immer nur das Ganze si eht, geht des Teils verlustig, wer immer nur sucht, verliert sich am Horizont, und wer immer nur findet, überlässt sich dem Zufall“, sagte Jean-Christopher Ammann (1939–2015) bei der Rede zur Einweihung der Skulptur Walking Man von E. R. Nele im Jahr 2001. Der große Kunstkenner, Ausstellungsmacher und Museumsdirektor sagte dies in Anbetracht der eingefrorenen Bewegung des eine Stange tragenden Hochseilartisten auf einem stählernen Seil.

Abb. Oben: Brain / Vernetzung Modell für eine große Skulptur am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, 2001 © E. R. Nele

E. R. Nele, so scheint es, wenn man mit ihr spricht, sie erlebt, war immer in Bewegung, hellwach, und hat immer wieder geistesgegenwärtig innegehalten bei besonderen Momenten im Zeitgeschehen, und dabei nie die Orientierung verloren: Denn nie hat sie sich einem künstlerischen Dogma unterworfen, hat sich stilistisch festgelegt oder dieses intuitive Zusammenspiel von Wahrnehmung der Welt als reflexiver Zeitzeugenschaft, Auge und Hand jemals aufgegeben. Sie gehört einer Künstler:innengeneration an, die noch mit dem Erleben des Krieges und seiner Folgen in ihren Kindheits- und Jugendjahren die Verfasstheit des Menschen, die Conditio humana, im Sinne von Hannah Arendt nicht als etwas Festgelegtes versteht, sondern im Gegenteil, dieses Bedingtsein als die Ermöglichung von Freiheit begreift. Und so verwundert es nicht, wenn sich im Werk der 1932 in Berlin Geborenen sehr vielseitige Begabungen artikulieren und seither von ihr als einer der vielseitigsten Künstler:innen und Gestalter:innen gesprochen wird.

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Kleine Flügelfigur, Bronze, 1965–1968 Foto: Günzel/Rademacher © Museum Angewandte Kunst

Einen Einblick in dieses vielfältige Schaffen können die Besucher:innen in der Studioausstellung E. R. Nele. Zeitzeugenschaft gewinnen, die das Museum Angewandte Kunst E. R. Nele anlässlich ihres 90. Geburtstages ausrichtet. Im Ausstellungsraum wird eine Art Wohnsituation hergestellt, die ihre gestalteten Möbel in Form von einem Sofa sowie einer Sitzgruppe mit Tisch und Stühlen und Leuchten zeigt. Aus diesem Raum im Raum haben die Besuchenden die Möglichkeit, einen Blick auf die umstehenden Skulpturen der Künstlerin zu werfen – wie ein Blick in ihr Atelier. So erinnert nicht zuletzt die gewählte blaue Wandfarbe an ihr Haus und Atelier in Frankfurt. Durch die Raumkonstellation soll nachempfunden werden können, wie eng Leben und Werk bei E. R. Nele miteinander verbunden sind. Sie selbst sagt: „Kunst ist eine Form des Lebens.“

Als Designerin schuf sie in den 1960er Jahren für die Kasseler Firma bodeform moderne Wohnlandschaften, Sofas und Sessel, die in Form und Funktion variabel, weil flexibel um – und aufbaubar sind. Sie entwarf für die Niederlassung der Detmolder Firma Temde in Sevelen, Schweiz, mehr als 80 Lampen – Stehleuchten, Tischleuchten, Deckenleuchten, Wandleuchten –, die sich bewusst von den zuvor starren Formen der zumeist aus Holz gefertigten Leuchten in Material, Eleganz und klarer Linienführung vehement unterschieden.

Sie entwarf und fertigte Tische, Schmuck und selbst Besteckkollektionen und immer scheint es, als ob all diese Objekte, und ein jedes als Teil für sich betrachtet, nur eine weitere skulpturale Möglichkeits-Ausformung darstellt. Was hier erkennbar wird, und sich als Quintessenz des gestalterischen und künstlerischen Schaffens E. R. Neles ausfiltern lässt, ist, dass alles, was sie schafft, aus einem beziehungsreichen Wechselspiel von Boden – und Wandarbeiten und autonomen Objekten im Raum besteht.

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Berliner Schwestern, Bronze, 1959 Foto: Günzel/Rademacher © Museum Angewandte Kunst

Lampen und Wohninterieur zu entwerfen, hat etwas, jedenfalls bei E. R. Nele, mit dem Schaffen von Emotionen zu tun, nicht minder emotionsgeladen ist, wie sie immer wieder aufs Neue die menschliche Figur als zentrales Thema ihres Schaffens zur Ansicht bringt. Denn bei weitem nimmt das figürliche Motiv in ihrem Lebenswerk den größten Part ein, zumeist in metallener Ausführung, immer aber mit Blick auf die psychische und physische Verletzbarkeit des Menschen. Neles Figuren entstehen auf dem Skizzenblock und entwickeln sich erst nach und nach zu haptischen Wesen, die mal zeichenhaft und erstaunlich zweidimensional bleiben oder zu Gestalten werden, die aus gewickeltem, gefaltetem oder gehämmerten Stahl bestehen. Viele bleiben unbehandelt, einige werden bunt.

Viele der Themen, denen sie sich zugewandt hat und noch immer zuwendet, haben an Aktualität nichts verloren. Denn noch immer werden Künstler:innen, Dichter:innen und Journalist:innen bedroht, inhaftiert und getötet, existieren Antisemitismus und Rassismus und noch immer geht neben dem menschengemachten Klimawandel von den Atomwaffenarsenalen verschiedenster Staaten die größte Bedrohung für die Menschheit aus.

Biografie
Die am 17. März 1932 in Berlin gebürtige Eva Renée Nele Bode wuchs während des Zweiten Weltkrieges in Kassel auf und nähte bereits in ihrer Kindheit Puppen aus Stofffetzen und baute ihnen Häuser aus Papier. 1951 zog sie nach London, um an der Central School of Arts and Crafts in London unter dem Fotografen Richard Hamilton zu studieren und bereits erste Kontakte mit zeitgenössischen Künstler:innen und Gestalter:innen zu knüpfen. Anschließend setze sie ihre Ausbildung am Studio Lacourière in Paris fort, wo sie das Kupfer-TiefdruckVerfahren erlernte. Danach studierte sie bei Hans Uhlmann an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin und verbrachte währenddessen viel Zeit in verschiedenen Werkstätten, wo sie zusätzlich zu ihrem Bildhauer:innen-Studium den Umgang mit Stahl und Eisen lernte. Da Frauen damals nicht in Metallwerkstätten arbeiten durften, besuchte E. R. Nele eine Goldschmiede-Klasse.

955 eröffnete ihr Vater Arnold Bode die erste documenta Ausstellung in Kassel und sie stand ihm als helfende Kraft und als angehende Künstlerin zur Seite. Bei der documenta II 1959 und der documenta III 1964 wurden bereits plastische Arbeiten von E. R. Nele ausgestellt und sie hat sich seitdem als feststehende Künstlerin und Gestalterin etabliert. Seit den sechziger Jahren nahm sie an vielen Gruppen- sowie Einzelausstellungen teil und ist mit ihrem bunten Oeuvre in den Sammlungen renommierter Museen ebenso vertreten wie im Öffentlichen Raum. 1956 stellte sie zum Beispiel im Stedelijk Mueum in Amsterdam aus.

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Ausstellungsansicht “E. R. Nele. Zeitzeugenschaft” Foto: Günzel/Rademacher © Museum Angewandte Kunst

E. R. Nele ist mit ihren Werken Teil von bedeutenden Sammlungen wie der Neuen Pinakothek in München, dem MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, dem Victoria and Albert Museum in London und der Peggy Guggenheim Collection in Venedig. Zusätzlich fertigte sie Bühnenbilder für Theater in Kassel sowie Darmstadt und ergänzte sowohl das Kasseler als auch das Frankfurter Stadtbild durch große stählerne oder bronzene Skulpturen im Öffentlichen Raum

Nach Abschluss ihres Studiums lebte E. R. Nele zunächst in München und zog danach mit ihrem Mann Klaus Riehle nach Zürich und im Anschluss nach Frankfurt, da dieser am Schauspiel Frankfurt engagiert wurde. Obwohl sie damals noch niemanden in Frankfurt kannte, hat Nele sich in der Großstadt am Main niedergelassen und sich schnell zu einem wichtigen Bestandteil der kulturellen Szene entwickelt. 2008 wurde ihr von der Stadt Frankfurt die Goetheplakette verliehen und sie ist Trägerin des Hessischen Kulturpreises. Zusätzlich war sie bereits als Dozentin mit Lehraufträgen für Metallskulptur in Frankfurt am Main, Gießen und Salzburg tätig

Kurator: Prof. Matthias Wagner K

WO?

Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt am Main

WANN?

Samstag, 24. September 2022 bis Sonntag, 1. Januar 2023

KOSTET?

9 Euro, ermäßigt 4,50 Euro Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Studierende der Goethe-Universität Frankfurt, der Städelschule und der HfG Offenbach frei

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