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Freitag, Dezember 2, 2022

Alfred Ehrhardt Stiftung | Kinoprogramm & Filmgala zum 20-jährigen Jubiläum | 18./24. November 2022 und 8./15. Dezember 2022

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Anlässlich ihres 20. Geburtstags am 18. November 2022 präsentiert die Alfred Ehrhardt Stiftung eine Filmgala mit Live-Musik sowie zu weiteren Terminen im November und Dezember drei Jubiläumsprogramme im Babylon mit neudigitalisierten und farbrestaurierten Kurzfilmen von Alfred Ehrhardt.

Abb. oben: Alfred Ehrhardt aus dem Film “Spiel der Spiralen. Von der Architektur der Meeresschnecken”, 1951, 35mm, s/w, Ton, 16 min. © Alfred Ehrhardt Stiftung

Für den am Bauhaus bei Albers, Kandinsky und Schlemmer geschulten Naturfilmer Ehrhardt, einen der bedeutenden Fotografen der Neuen Sachlichkeit, ist der Film primär Bildkunst. Optisches Erzählen mit modernen, elektronischen Musikkompositionen kennzeichnet seine Filme. Seine musikalische Ausbildung und die künstlerische Prägung im Bauhaus schlugen sich in der Beschäftigung mit Abstraktion, Archaik, Urform, Oberflächenstruktur, Materialverhalten, Ornament, Rhythmus, Polyphonie und Serialität nieder.

Filmgala zum 20. Geburtstag der Alfred Ehrhardt Stiftung

Das Münchner Musiker-Duo Nicole Heartseeker (Orgel, Cembalo, Klavier) und Mulo Francel (Saxophon, Klarinette) vertont live u.a. auf der Kinoorchesterorgel, der einzigen noch am Originalstandort verbliebenen Stummfilmorgel Deutschlands, drei Filme: Spiel der Spiralen (1951, 15′), Tanz der Muscheln (1959, Kurzversion 10′), Korallen -Skulpturen der Meere (1964, 12′). Deren Originalvertonungen durch Bach, Keller/ Aign und Sala sind in den Jubiläumsprogrammen 1-111 zu hören. Es folgen die Farbfilme zur documenta II Kunst unserer Zeit I: Skulptur 1945-1959 (1959, 14′) und zu Island Gletscher und ihre Ströme (1962, 10′).

Babylon, Saal 1, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin
Freitag, 18. November 2022, 20.00 Uhr
Einführung: Jens Ehrhardt, Christiane Stahl, Thomas Bakels, Thomas Tode

Der Eintritt zur Filmgala mit anschließendem Empfang ist frei.
Karten können online reserviert werden unter babylonberlin.de .

Die vom Hamburger Filmhistoriker Thomas Tode kuratierten Programme umfassen 12 preisgekrönte Tonfilme, restauriert mit Mitteln der Filmförderungsanstalt in 4K Qualität im Rahmen der Digitalisierung des deutschen Filmerbes. Die Veranstaltungen sind Auftakt einer bundesweiten Filmretrospektive, die in Berlin im Babylon startet, im Metropolis Kino Hamburg vom 10. bis 31. Januar 2023 fortgesetzt und bis Ende 2023 in weiteren Programmkinos laufen wird.

I Bauhaus-Blicke: medial sichtbar gemachte Lebensprozesse

Ehrhardts Kultur- und Dokumentarfilme stehen in der Tradition der Naturbeobachtung des Bauhauses. Wie abstrakte Gemälde zeigt er die von farbigen Wuchsmerkmalen gezeichneten Strukturen sich drehender Schneckengehäuse und Muscheln. Dem Bauhaus ging es um medial sichtbar gemachte Lebensprozesse! Diese enthüllt nur die Film- und Fotokamera. Spiel der Spiralen (D 1951, 15′) verherrlicht die gewundenen Architekturen und reliefierten Naturformen von Schneckengehäusen, auch mithilfe der ziselierten, akkuraten Musik von Johann Sebastian Bach. In Tanz der Muscheln (D 1956, 16′) drehen sich die gemusterten Wunderwerke der Natur zu den modernen elektronischen Klängen Wilhelm Kellers und Bernhard Aigns. Die bizarre Unterwasserwelt in Korallen, Skulpturen der Meere (D 1964, 12′) findet Widerhall in der mit dem Trautonium erzeugten elektroakustischen Musik von Oskar Sala. Seinen allerersten, heute nur in Fragmenten erhaltenen Film Urkräfte am Werk (D 1937 /39, 15′) drehte Ehrhardt im Watt vor Cuxhaven, mit Wind und Wellen als Bildelement, Sand und Wasser als Hauptdarsteller. 13 Jahre später spürt er erneut den Wattstrukturen und Sandformationen nach, prescht vor auf dem Pferdewagen zur Insel Neuwerk: Inselfahrt (D 1950, 12′).

Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin
Donnerstag, 24. November 2022, 20.00 Uhr
Einführung: Thomas Tode#

II. Blicke auf Kunst: Klassiker & Moderne

Filme über Kunst sind immer auch Filme über Wahrnehmung. Kunst unserer Zeit I: Skulptur (D 1959, 14′) zeigt moderne Plastiken der Kasseler documenta II, aufgestellt in den grünen Parklandschaften der Aue und vor den Mauern der im Krieg zertrümmerten Orangerie, angeschaut von Besuchern. Die Kamera weiß Plastizität zu entfalten, fährt in kurzen Travellings um die Skulpturen herum (Henty Moore), dreht sie auf Tellern (Alberto Giacometti) und lässt kinetische Kunst im schwarzen leeren Raum schweben (Alexander Calder). Kunst unserer Zeit II: Malerei (D 1960, 14′) zeigt die moderne Malerei der Documenta II als rauschendes Farbfest. Der Kommentar erklärt den in der NS-Zeit von der internationalen Kunstentwicklung abgeschnittenen Deutschen die abstrakte Kunst. So mahnt er z.B. an Krieg und apokalyptisches Grauen bei Pablo Picasso und präsentiert in einem Crashkurs zeitgenössische Arbeiten von Max Ernst, Hans Hartung, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Wilfredo Lam und Jackson Pollock- stets untermalt mit elektronisch futuristischen Klängen Oskar Salas. Noch zehn Jahre zuvor hatte Ehrhardt die Skulpturen des NS-verfemten Künstlers Ernst Barlach nur im schwarzen leeren Raum gefilmt und mit Klassik vertont: Ernst Barlach I – Der Kämpfer (D 1948, 15′) mit Peter Tschaikowski, und Ernst Barlach II – Der Überwinder (D 1948, 15′) mit Anton Bruckner. In einen Raum von absolutem Charakter wirken sie als ewige und zeitlose Kunstwerke, nicht kontaminiert durch Umfeld (Kirchenraum) oder Geschichte (Abbau der Skulpturen durch die Nazis). Archaisch- religiös wirkt ebenfalls die Darstellung der Passionsgeschichte in Ad Dei Honorem (D 1948, 15′)

über Hans Brüggemanns Bordesholmer Altar im Dom zu Schleswig. Der Stil dieser direkten Nachkriegswerke ist wohl als Dokument der Distanz und Verunsicherung Ehrhardts zu lesen: Nur die zeitlose Kunst hatte sich im Krieg nicht kompromittiert und ist das Einzige, dem man noch vertrauen könne.

Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin Donnerstag, 8. Dezember 2022, 20.00 Uhr Einführung: Thomas Tode

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Alfred Ehrhardt bei Dreharbeiten in Flandern, um 1940 ©Alfred Ehrhardt Stiftung

III. Islands Aggregatzustände: Festes, Flüssiges, Gasförmiges
Aggregatzustände sind fundamentale Erscheinungsformen von Materie, beispielsweise Eis (festes Wasser), Wasser (flüssiges Wasser) und Wasserdampf (gasförmiges Wasser). Auch andere Stoffe wie Lava, Eisformationen und Gerölllandschaften hat Ehrhardt in ihren drei Aggregatzuständen porträtiert. Mithilfe des Films blicken wir zurück in die Erdgeschichte unseres Planeten. In Vulkanisches Antlitz (1961/62, 11′) fließt glühende Lava träge den Hang hinab und rot leuchtendes Magma spritzt in hohen Bögen. In Dampfende Erde (D 1961/62, 10′) zischen heiße Quellen und Geysire. In Gletscher und ihre Ströme (D 1961/62, 10′) legt sich die arktische Welt des ewigen Eises über die vergletscherten Vulkane. In Kochende Erde (D 1962, 11′) blubbern Springquellen vor der starken Farbigkeit der Schwefelvulkane. Eis: Grönländische Skizzen (D 1962/63, 12′) dekliniert den Eisschild der Insel durch: Packeis vor der Küste, mächtiges Inlands- Eis, die vom Zentraleisfeld zu den Fjorden verlaufenden gewaltigen Sehreitgletscher. Metallen klirrende Elektrosounds von Oskar Sala ertönen zu all diesen Filmen – ganz anders als zu seinem erstem, noch in der NS-Zeit entstandenen Island-Film Nordische Urwelt (Island) (D 1941, 17′), in dem zu donnernden Wasserfällen bombastische, auftrumpfende, spätromantische Musik ertönt – im kitschigen NS-Stil.

Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin
Donnerstag, 15. Dezember 2022, 20.00 Uhr
Einführung: Thomas Tode

Kurzbiografie des Filmemachers Alfred Ehrhardt
von Thomas Tode

Für den am Bauhaus geschulten Filmemacher Alfred Ehrhardt, einen bedeutenden Fotografen der Neuen Sachlichkeit, ist Film primär Bildkunst. Ehrhardt (1901-1984) gehört mit seinen über 50 Filmen und seinen über 20 Fotografie-Bildbänden zu den wichtigsten Filmemachern und Fotografen der Bauhaus-Tradition. Für seine Filme erhielt er zahlreiche nationale wie internationale Auszeichnungen, darunter vier Bundesfilmpreise. 1948 wurde er gar als der n bedeutendste deutsche Nachkriegs-Kulturfilmschöpfer” betitelt, heute würden wir eher von einem Altmeister des experimentellen Kultur- und Dokumentarfilms sprechen. Insbesondere in den Filmen Spiel der Spiralen, Tanz der Muscheln und Korallen – Skulpturen der Meere orientierte er sich an der Avantgardefotografie und am absoluten Film der 192oer Jahre – Werke, die noch heute von herausfordernder Modernität sind.

Ehrhardt war zunächst Orgelmusiker, Komponist, Maler und Kunstpädagoge, bevor er seine Interessen auf Fotografie und Film verlagerte. Nachdem er bereits als Kunstlehrer gearbeitet hatte, ließ er sich beurlauben, um am Dessauer Bauhaus 1928/29 zu studieren, vor allem bei Josef Albers. Er hospitierte auch bei Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer. 1930 wurde er an die Landeskunstschule Hamburg (heute: Hochschule für bildende Künste) berufen und leitete den ersten Vorkurs für Materialkunde außerhalb des Bauhauses. 1933 entließen ihn die Nationalsozialisten wegen seiner Bauhaus-Nähe und seiner modernen Kunsteinstellung. Er zog sich aufs Land zurück und nahm 1934 eine Stelle in seinem ersten Beruf als Organist und Chorleiter in Cuxhaven an. Dort erst wandte er sich der Fotografie und ab 1937 dem Film zu. In diese Zeit fallen seine ersten Fotoexkursionen im Elbe-Weser-Wattengebiet. Ehrhardt hatte schnell erkannt, dass „die Kamera das unverfänglich produzierte, was zu malen verboten – entartet- war”. 1937 erschien auch Ehrhardts erster Bildband „Das Watt”, der heute zu den herausragenden Bildleistungen der Avantgarde der 193oer Jahre gezählt wird, etwa in Martin Parrs und Gerry Badgers Standardwerk„ The Photobook. A History” (London 2004, S. 112).

Seine musikalische Ausbildung als auch die künstlerische Prägung im Bauhaus schlugen sich in seinem filmischen Werk deutlich nieder, etwa in der Beschäftigung mit Abstraktion, Archaik, Urform, Oberflächenstruktur, Materialverhalten, Ornament, Rhythmus, Polyphonie und Serialität. Seine bereits in Malerei und Grafik angedeutete romantisch-metaphysische Weltsicht schlägt sich im Film in einer sich zeitlich entfaltenden, meditativen Naturbetrachtung nieder. In meisterhaften Kompositionen nimmt er die „Lichtspiele” der Natur mit der Kamera auf, zeigt ihre Arbeit als „Formmeister” an Watt- und Sandstrukturen oder beim architektonischen Aufbau von Tiergehäusen. Schnecken und Muscheln drehen sich in einem abstrakt schwarzen Raum, legen ihre Baugeheimnisse bloß, zuweilen ‘gezeichnet’ von farbigen Wuchsmerkmalen, die an abstrakte Kandinsky-Gemälde mahnen. Es geht um medial sichtbar gemachte Lebensprozesse, die nur die Film- und Fotokamera enthüllen kann. Unser ‘unbewaffnetes’ Auge ist nicht fähig, sie zu erkennen, daher der Einsatz von genuin filmischen Techniken wie Zeitraffer, Zeitlupe, Mikro- und Makroaufnahmen.

WANN?
Freitag, 18. November 2022,
20 Uhr

Filmgala zum 20. Geburtstag der Alfred Ehrhardt Stiftung

Donnerstag, 24. November 2022, 20 Uhr
I. Bauhaus-Blicke: medial sichtbar gemachte Lebensprozesse

Donnerstag, 08. Dezember 2022, 20 Uhr
II. Blicke auf Kunst: Klassiker & Moderne

Donnerstag, 15. Dezember 2022, 20 Uhr
III. Islands Aggregatzustände: Festes, Flüssiges, Gasformiges

WO?
Babylon  Kino
Rosa-Luxemburg-Str. 30
10178 Berlin

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