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Freitag, Dezember 2, 2022

Eine Replik des berühmten Sanchi-Tors für das Humboldt Forum

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Auf der Lustgartenseite des Humboldt Forums bereichert künftig die Replik eines altindischen Tores den Außenraum: das berühmte Ost-Tor von Sanchi. Der Torbau in Indien gehört als Teil eines der ältesten und bedeutendsten erhaltenen buddhistischen Heiligtümer zum UNESCO-Welterbe. Ein Gipsabguss des Originaltors war in Berlin ab 1886 im damaligen Königlichen Museum für Völkerkunde zu sehen; eine weitere Kopie aus Kunststein ist seit 1970 in Berlin-Dahlem zu bewundern. Die Fertigstellung der Replik aus Sandstein für das Humboldt Forum, an der auch Steinbildhauer aus Indien beteiligt sind, ist für Ende des Jahres geplant.

abb. oben: Rendering aus der Vorplanung © Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Vor Portal 5 des Humboldt Forums im Berliner Schloss laufen aktuell die Aufbauarbeiten für eine Replik des prächtigen Sanchi-Tors, das künftig an gut sichtbarer Stelle am Schlossplatz gegenüber des Berliner Doms auf die berühmten Sammlungsbestände des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum verweisen wird. Bei der neuen Abformung handelt es sich um eine erstmalig aus Sandstein gefräste Replik des fast 10 Meter hohen und ca. 6 Meter breiten Ost-Tors von Sanchi. Detailfreudige Szenen schmücken die Bildflächen der drei Querbalken und der beiden Pfeiler. Meist sind es Episoden aus dem Leben des Buddha. Buddhistische Symbole, Darstellungen von erotisch anmutenden Glücksgenien, aber auch wunderschöne Tierdarstellungen Elefanten, Löwen oder Pfauen rahmen die Bilderzählungen in festlicher Fülle ein. Ein figürliches Buddha-Bild wird man hier dennoch vergeblich suchen. Denn der Buddha wurde damals durch Symbole im Bild vertreten: z.B. durch einen Thron unter einem Baum, durch Fußabdrücke oder Ähnliches.

Der originale Torbau im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh dient bis heute als einer von vier Eingängen des „Großen Stupa“, eines von drei großen Stupas der Stätte von Sanchi, das als eines der ältesten erhaltenen buddhistischen Heiligtümer seit 1989 auf der Liste des UNESCO-Welterbes geführt wird. Ein Stupa ist ein halbkugelförmiger, gebauter ‚Hügel‘, in dessen Inneren als segensreich betrachtete Reliquien und Reliquiare buddhistischer Heiliger aufbewahrt werden. Der „große Stupa“ von Sanchi geht in seinen ältesten Teilen auf die Zeit König Ashokas zurück. Später wurde er fast zur Gänze neu aufgebaut und dabei vergrößert. Im 1. Jh. n.Chr. folgten die vier steinernen Eingangstore (toranas) mit detailreich ausgeführten Reliefs. Sie sind nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, was den universalen Charakter des Stupas bzw. der buddhistischen Lehre unterstreicht. Jeder der über acht Meter hohen Torbögen besteht aus zwei Pfeilern, die oben mit jeweils drei Querbalken verbunden bzw. verzapft sind. Die Gesamtkonstruktion ist vermutlich von – nicht erhaltenen – hölzernen Vorbildern abgeleitet.

Mit der neuen Replik des antiken Ost-Tors von Sanchi werden die buddhistischen Kunstfertigkeiten in Berlin aber nicht zum ersten Mal bewundert werden können. Ein aus London angekaufter Gipsabguss des Originaltors war bereits ab 1886 im Lichthof des damaligen Königlichen Museums für Völkerkunde zu sehen. Und 1970 wurde auf der Basis des glücklicherweise erhalten gebliebenen Abgusses aus Gips ein Neuabguss aus Kunststein geschaffen und im damals eröffnenden Museum für Indische Kunst im Garten der Museen in Berlin-Dahlem aufgestellt, wo er auch noch heute zu sehen ist.

Auch die neue Kopie – aus massivem Mainsandstein aus Röttbach in mit leicht rötlicher Färbung dem Original nun noch ähnlicher – wurde dank der alten, im Depot der Staatlichen Museen zu Berlin noch erhaltenen Gipsformen möglich. Diese wurden mittels moderner fotografischer Verfahren zunächst in einem 3D-Scan abgetastet und anschließend mit Hilfe von CAD-Technik und modernen 5-Achs-Steinfräsen übertragen. Die eigentliche bildhauerische Bearbeitung hingegen erfolgt nach wie vor von Hand. Die Arbeiten wurden im Bamberger Natursteinwerk Hermann Graser mit Unterstützung indischer Handwerker ausgeführt. Ein individueller Duktus der handwerklichen Ausführung – analog zum originalen Tor in Indien – war ausdrücklich gewünscht. Einen ersten Eindruck von den kunstfertigen, filigranen Arbeiten werden sich Passant*innen und Besucher*innen Ende des Jahres bilden können, wenn die Arbeiten abgeschlossen sein werden.

Begleitend zum rekonstruierten Tor wird ein bronzenes Modell der „großen Stupa“ von Sanchi aufgestellt werden, das die Rekonstruktion erklärt, die Gesamtanlage verständlich macht und auch als Tastmodell für seheingeschränkte Personen dient.

Hartmut Dorgerloh, Generalintendant: „Ich freue mich sehr auf den Nachbau des Ost-Tores des Heiligtums von Sanchi vor dem Humboldt Forum. Als spannender Gegenpol zu den barocken Fassaden wird nun auch vor den Portalen des Humboldt Forums sichtbar, worauf sich Besucherinnen und Besucher im Inneren des Hauses freuen können: Die Vielfalt der Welt in der Mitte Berlins.“

Hans-Dieter Hegner, Vorstand Technik der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schoss: „Die Planung und Errichtung des Sanchi-Tores ist ein beispielhaftes Ergebnis der guten Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, Restauratoren, Architekten und Ingenieuren sowie Steinbildhauern in einem einzigartigen Projekt.  Auch aus städtebaulicher Sicht stellt das Sanchi-Tor neue Verbindungen zwischen der Straße Unter den Linden mit dem Brandenburger Tor auf der einen und dem Humboldt Forum und der Museumsinsel auf der anderen Seite her. Mein Dank gilt allen Projektbeteiligten sowie Unterstützer*innen aus Indien für die wohlwollende Begleitung des Projekts.“

S.E. Harish Parvathaneni, Botschafter der Republik Indien: “Die Initiative des Humboldt Forums, die Nachbildung des Sanchi-Tors im Herzen Berlins aufzustellen, verdient hohe Anerkennung, denn das Tor ist eine einzigartige architektonische Besonderheit der buddhistischen Monumente in Sanchi, einer UNESCO-Welterbestätte von herausragendem universellem Wert, die auf das 2. Jahrhundert v. Chr. zurückgeht. Es verkörpert Buddhas Botschaft des Friedens, des Mitgefühls und der Liebe für alle Lebewesen. Buddha und seine Lehren sind universell und symbolisieren das indische zivilisatorische Ethos der friedlichen Koexistenz von Mensch und Natur sowie verschiedener Glaubensrichtungen und Kulturen. Das Humboldt Forum hat sich entscheiden, die Replik in einer vielgestaltigen und multikulturellen Stadt mit einer ereignisreichen Geschichte und einem reichen Erbe auszustellen. Die Botschaft der Republik Indien in Berlin würdigt die Bemühungen all jener, die sich für die Aufstellung der Nachbildung des Sanchi-Tors eingesetzt haben: Sie steht für die enge Beziehung zwischen Indien und Deutschland und die langjährigen, starken Verbindungen zwischen den Menschen unserer Länder.”

Lars-Christian Koch, Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin: “Dass das Ost-Tor des ‚großen Stupa‘ von Sanchi jetzt als neue Replik auch vor dem Humboldt Forum auf die nun hier befindlichen Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst verweisen wird, ist für mich eine ganz besondere Freude. Bereits in Dahlem war das Tor ein Wahrzeichen für viele Besucherinnen und Besucher und das wird es erst recht in der Mitte Berlins sein.“

Hermann Graser, Bamberger Natursteinwerk Hermann Graser: „Wir freuen uns sehr, dass wir unseren Beitrag an diesem wunderbaren Projekt leisten durften. Die Replik des Sanchi-Tors war aufgrund der indischen filigranen Bildhauerarbeit und dem Austausch mit unseren indischen Gästen etwas ganz Besonderes. Ein Projekt wahrlich über Kulturen und Ländergrenzen hinweg.“

Die Vielstimmigkeit, die das Programm des Humboldt Forums ausmacht, spiegelt sich auch im Zusammenspiel der Akteur*innen: Im Humboldt Forum kooperieren die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Humboldt Labor sowie das Stadtmuseum Berlin mit der Berlin Ausstellung.

WO?
Humboldt Forum
Schloßpl. 1
10178 Berlin


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