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Mittwoch, Dezember 7, 2022

Erste Retrospektive: Louise Stomps. Natur Gestalten Skulpturen 1928–1988 | Berlinische Galerie – 15.10.2021-17.01.2022

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Foto: Anonym, Louise Stomps und „Die Scheue“, Berlin 1946 © Nachlass Louise Stomps.

DAS VERBORGENE MUSEUM ist zu Gast in der Berlinischen Galerie und zeigt die erste Retrospektive der Bildhauerin Louise Stomps (1900-1988). Mit ca. 90 Skulpturen gibt die Ausstellung Einblick in das Lebenswerk dieser außergewöhnlichen Künstlerin. Dabei sind erstmals auch ihre über drei Meter hohen Bronze-Figuren „Pilger“, „Einsamer“ und „Gilgamesch“, eine Schenkung der Erben von Louise Stomps an die Berlinische Galerie, in der Treppenhalle zu sehen.

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Louise Stomps und ihre Skulptur „Der Ruf“, 1977, Birnholz, H-430 cm, © Nachlass Louise Stomps. Die Skulptur „Der Ruf“ wurde 1994 beim Brand der Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen vollständig zerstört.

Louise Stomps hat ein imposantes Werk hinterlassen, das nach ihrem Tod jedoch nur selten ausgestellt wurde. Menschliches Leid und die schutzlose Kreatur sind für die Berliner Bildhauerin ein Leben lang Inspiration. Sie stehen im Mittelpunkt ihres bildnerischen Schaffens, das zwischen den ausklingenden 1920er und den späten 1980er Jahren entstand.

„Seid offen dem Neuen gegenüber und nehmt die moderne Kunst in ihrer unbeschreiblichen Frische und Losgelöstheit als Kompass für eine neue Zeit.“

Louise Stomps

Erste Erfolge verzeichnet Stomps zu Beginn der 1930er Jahre. Zu einer Zeit, bevor die völkische Kulturpolitik des Nationalsozialismus ab 1933 das konstruktiv experimentelle Klima der Weimarer Jahre zerstörte. Unter ihrem Motto „seid offen dem Neuen gegenüber und nehmt die moderne Kunst in ihrer unbeschreiblichen Frische und Losgelöstheit als Kompass für eine neue Zeit“ setzt sie ihre bildhauerische Tätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Ihre abstrakten Figurationen bleiben immer auf den Menschen bezogen.

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Gerda Schimpf, Louise Stomps im Atelier Schillerstraße 21, Berlin 1948, Berlinische Galerie, Foto: Anja Elisabeth Witte, © Gerda Schimpf Fotoarchiv

Bis weit in die 1980er Jahre entwickelt Louise Stomps konsequent ihre künstlerische Handschrift. Es ist das Anliegen der Ausstellung, diese nahezu vergessene Position als eigenständigen Beitrag in der Kunstwissenschaft zu etablieren.

Das Werk

Das menschliche Leid und die schutzlose Kreatur sind für die Berliner Bildhauerin Louise Stomps ein Leben lang Inspiration ihrer künstlerischen Kreativität. Sie stehen im Mittelpunkt ihres Schaffens, das zwischen den ausklingenden 1920er Jahren und den späten 1980er Jahren entstanden ist. Fünf Jahrzehnte vollzieht die Bildhauerin den künstlerischen Prozess vom klassischen Körperbild zur stark abstrahierten Figuration; dabei entwickelt sie sukzessive ihren signifikant eigenen Stil.

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Ausstellungsansicht „Louise Stomps. Natur Gestalten – Skulpturen 1928-1988“, Foto: © Harry Schnitger

Louise Stomps hatte zwar seit 1918 intensiv gezeichnet und modelliert, aber erst zehn Jahre später, nach der Scheidung von ihrem Ehemann, hat sie sich als Mutter zweier Töchter ganz der Kunstausübung gewidmet. Von dem verbreiteten Vorurteil, Künstlerinnen seien doch besser im Kunsthandwerk untergebracht, ließ sie sich nicht entmutigen und nahm zwischen 1928 und 1932 am Unterricht in der Abendaktklasse der „Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Künste“ in Berlin teil; darüber hinaus schulte sie sich bei Milly Steger (1881–1948) in der Bildhauerinnenklasse des »Vereins der Berliner Künstlerinnen«.

Von ihren Arbeiten der 1930er Jahre sind infolge von Bombenangriffen auf ihr Atelier während des Zweiten Weltkriegs nur wenige Werke erhalten, so zum Beispiel „Das Paar“ aus Eichenholz (1937), ein Liebespaar in tiefer Verbundenheit nebeneinander kniend noch ganz dem realistischen Menschenbild verhaftet. Diese frühen Ansätze ihrer künstlerischen Bildsprache ließen sich nicht mit der herrschenden Kunstvorstellung im Nationalsozialismus vereinbaren, so dass sie sich in die innere Emigration zurückzog.

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Louise Stomps, Das Paar I, 1937, Eiche, H – 45 cm, Berlinische Galerie © Nachlass Louise Stomps

Im Oktober 1945 nahm Louise Stomps neben Renée Sintenis, Hans Uhlmann, Gustav Seitz, Paul Dierkes und Karl Hartung u.a. an der ersten Ausstellung „Plastik und Bildhauerzeichnung“ in der Galerie Gerd Rosen in Berlin am Kurfürstendamm 215 teil.

Nach den am eigenen Leib erfahrenen Erschütterungen während des Zweiten Weltkriegs bot die figurale Abstraktion für Louise Stomps wie für viele Kolleg:innen und Kollegen den einzigen Weg künstlerischer Formgebung: Ab den 1950er Jahren entstehen Figuren mit drohenden, abweisenden oder Angst verbreitenden Gebärden wie „Trauernde“ (1951), „Der Fremde“ (1947), „Gemeinsame Klage“ (1948) oder in direkter Anspielung auf die politischen Ereignisse „Hiroshima“ (1960).

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Louise Stomps, Nachdenkende, 1946/47, Marmor, 31 x 19 x 29 cm, Nachlass Hanna Bekker vom Rath, Foto: Ed Restle © Nachlass Louise Stomps

Louise Stomps Vorliebe für Holz als Material für ihre „Natur Gestalten“ ist vermutlich durch einen Einschnitt in ihrem Leben ausgelöst worden, als sie 1960 aus Berlin ins bayerische Rechtmehring bei Wasserburg im Inntal eine alte Kumpfmühle aus dem 15. Jahrhundert bezog. Hier lässt sie sich von der Natur als Urquelle alles Lebendigen, von den
Hölzern der Buche, Föhre, Eiche, Inn-Eiche, von Apfel, Akazie, Nuss, Birne u.v.m. inspirieren, hier entwickelt sie konsequent ihre Formensprache einer sogenannten figuralen Abstraktion.

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Louise Stomps, Gabriel, 1960, Akazie, H – 70 cm, Privatbesitz, Foto: Friedhelm Hoffmann, © Nachlass Louise Stomps

In den 1960er Jahren werden ihre schlanken Figuren, der „Asket“ (1963) oder der „Pilger“ (1966), drei Meter hoch, und 1980 entsteht mit 3,20 m „Gilgamesch“, der sich der Sage nach zu einem Drittel menschlich, zu zwei Dritteln göttlich auf die Suche nach der Unsterblichkeit gemacht hat.

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Ausstellungsansicht „Louise Stomps. Natur Gestalten – Skulpturen 1928-1988“, Foto: © Harry Schnitger

Biografie

1900
Adele Louise Sophie Stomps wird am 5. Oktober als Tochter des Rechtsanwalts Otto Stomps und seiner Ehefrau Else Stomps, geb. Kempff, in Berlin geboren.
1917/1918
Abschluss des Elisabeth Lyceums in Lichterfelde.
Erste Tierskulpturen. Besuch eines Mädchenpensionats in Feldafing in Bayern.
1920-1922
Heirat mit dem Diplom-Ingenieur Hans Becker. 1921 Geburt der Tochter Inge; 1922 Geburt der Tochter Annemarie.
1927
Scheidung und Umzug in das elterliche Haus, Teichstr. 10 in Berlin-Zehlendorf.
1928/1932
Unterricht an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst Berlin. Besuch der Bildhauerklasse von Milly Steger im Verein der Künstlerinnen zu Berlin
1932
Erstes eigenes Atelier. Liebesbeziehung und lebenslange Freundschaft mit der Bildhauerin Lidy von Lüttwitz.
1934
Eintritt in die Reichskulturkammer, um als Bildhauerin tätig sein zu können.
1936
Aus Protest gegen den Ausschluss von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach aus der Akademie-Ausstellung stellt sie nicht mehr aus.
1937
Besuch der Weltausstellung in Paris.
1938/39
Begegnung mit der Mäzenin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath.
1943-1945
Zerstörung des Ateliers und der Wohnung durch Bombenangriffe.
1945 sechs Wochen wegen Spionagevorwürfen in russischer Haft.
Teilnahme an der 3. Ausstellung der Galerie Rosen in Berlin am Kurfürstendamm.
1946
Beteiligung an der „1. Deutschen Kunstausstellung der Zentralverwaltung für Volksbildung in der Sowjetischen Besatzungszone“ im Zeughaus in Berlin.
1948
Der Magistrat von Berlin kauft die Eichenholzskulptur „Das Paar“ von 1938 (heute: Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin).
1950
Beteiligung an der Initiative zur Gründung des Berufsverbands Bildender Künstler Berlins, Mitgliedsausweis Nr. 3
1950er Jahre
Erwerb eines gebrauchten BMW-Motorrads mit Beiwagen, Baujahr 1933. Reisen nach Sylt und ins Ruhrgebiet. Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen.
1951
Kunstpreis der Stadt Berlin mit einem Preisgeld von 1000 DM.
1952/53
Als einzige Künstlerin neben elf deutschen Bildhauern kommt sie beim Internationalen Skulpturenwettbewerb „Der unbekannte politische Gefangene“ in die Auswahl nach London und erhält eine „ehrenvolle Erwähnung“ mit 25 £ Preisgeld.
1955
Besuch der ersten documenta in Kassel.
1957
In der Eremiten-Presse erscheint eine Ausgabe ihrer Bildhauerskizzen.
1958
Teilnahme am Wettbewerb zum Internationalen Denkmal für
Auschwitz. Einzelausstellung bei Hanna Bekker vom Rath im Frankfurter Kunstkabinett.
1960er Jahre
Sie verlässt Berlin, zieht nach Oberbayern, wo sie sich in Rechtmehring eine alte Mühle als Atelier und Wohnung ausbaut.
1970 und 1975
Einzelausstellung bei Hanna Bekker vom Rath im Frankfurter Kunstkabinett.
1979
Der Berufsverband Bildender Künstler München zeigt in der Galerie der Künstler im Staatlichen Museum für Völkerkunde eine Einzelausstellung mit 147 Skulpturen.
1983/84
Der Kunstverein Rosenheim wählt ihre Skulptur „Kleiner Wassergeist“ von 1971 als Jahresgabe aus und bietet die Bronze in einer Auflage von 30 Stück zum Kauf an.
Kauf eines roten Motorrads, Yamaha XS 650 mit Squire Seitenwagen.
1988
Am 22. April stirbt Louise Stomps in Wasserburg am Inn an den Folgen eines Motorradunfalls.
Aufstellung von drei Skulpturen am Skulpturenweg in Wasserburg am Inn.
2009
Die Erben von Louise Stomps schenken der Berlinischen Galerie sechs Skulpturen, 99 Zeichnungen und den schriftlichen Nachlass.

DEEDS NEWS - Stefan-Moses_Louise-Stomps_1982_Berlinische-Galerie - Foto Stefan Moses
Stefan Moses, Louise Stomps, Bildhauerin, Rechtmehring 1982, aus der Serie „Große Alte“ im Wald, © Archiv Stefan Moses

Das Verborgene Museum

DAS VERBORGENE MUSEUM (Schlüterstraße 70, 10625 Berlin-Charlottenburg) ist die weltweit einzige Einrichtung, die sich programmatisch um die öffentliche Präsentation und wissenschaftliche Aufarbeitung der Lebenswerke von Künstlerinnen zurückliegender Jahrhunderte bzw. nicht mehr aktiv tätiger Künstlerinnen kümmert.
Die Initiative zur Gründung des Vereins DAS VERBORGENE MUSEUM war die Folge einer Untersuchung in den Berliner Museen (West) zwischen 1984 und 1987, bei der in den Archiven und Sammlungen die künstlerischen Arbeiten von über 500 Künstlerinnen festgestellt werden konnten, von
denen nur die wenigsten noch bekannt sind.
DAS VERBORGENE MUSEUM präsentiert Ausstellungen von Künstlerinnen aller Gattungen: Malerinnen, Photographinnen, Bildhauerinnen und Architektinnen bislang vorwiegend der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geborenen Generation.
Nicht selten ist die Präsentation der Werke die erste Würdigung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Katalog

Hrsg. von Marion Beckers und Elisabeth Moortgat für DAS VERBORGENE MUSEUM mit wissenschaftlichen Beiträgen von Yvette Deseyve, Arie Hartog, Annelie Lütgens, Christiane Meister, Christina Thürmer-Rohr, Julia Wallner sowie persönlichen Erinnerungen von Berthold Kogut, Martin Meggle, Peter Schrader und Hans Goswin Stomps; illustriert mit Neuaufnahmen der Skulpturen; Hirmer-Verlag, deutsch/englisch,
224 Seiten, 150 Farb-Abb., gebunden, 39,90 €
(Museumsausgabe 29 €).

Kurator:innenführungen

Mo, 18.10., 15.11. und 20.12.2021, jeweils 14 Uhr
Im Museumseintritt enthalten Anmeldung an der Kasse (am Veranstaltungstag), begrenzte Teilnehmerinnenzahl

Kurator:innenführung in DGS gedolmetscht

Mo, 20.12.2021, 14 Uhr
Die Führung wird simultan in Deutsche Gebärdensprache (DGS) gedolmetscht. Im Museumseintritt enthalten Anmeldung an der Kasse (am Veranstaltungstag), begrenzte Teilnehmerinnenzahl

WO?

Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst,
Fotografie und Architektur, Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin-Kreuzberg

WANN?

Mi-Mo 10:00 – 18:00 Uhr
Di geschlossen

KOSTET?

Tageskarte 12 EUR
Ermäßigte Tageskarte 9 EUR
Freier Eintritt bis 18 Jahre

Ausführliches Programm und weitere Angebote:
berlinischegalerie.de/kalender

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