Wie sehen wir uns selbst – und wie wollten Menschen zu verschiedenen Zeiten gesehen werden? Mit der großen Sonderausstellung „Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka“ lädt die Gemäldegalerie zu einer Reise durch die Geschichte der Porträtkunst ein. Bildnisse aus fünf Jahrhunderten treten in unerwartete Dialoge und werfen Fragen zu Fremd- und Selbstwahrnehmung, Inszenierung, Status und Individualität auf. Meisterwerke von Künstler*innen wie Dürer und Giorgione, Rubens und Gainsborough oder Tizian und Therbusch stehen einander gegenüber und offenbaren dabei verblüffende Gemeinsamkeiten.
Abb. oben: Sandro Botticelli, Giuliano de’Medici, 1478, 57,1 x 38,4 cm, Gemäldegalerie, Kat.Nr. 1068, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders.
In der Ausstellung kommen Bildnisse aus unterschiedlichen Jahrhunderten, Regionen und Kulturen in Paaren zusammen und sprechen miteinander. Werke, die sich bisher nie begegnet sind, stehen sich erstmals gegenüber – und eröffnen so neue Perspektiven auf Themen wie Identität, Schönheit, Macht oder Rollenbilder.
Porträts sind weit mehr als Abbilder des Äußeren: Sie erzählen von Selbstverständnis und Charakter, von Emotion und Inszenierung. Kleidung, Haltung und Accessoires werden zu Zeichen sozialer, politischer oder geschlechtlicher Zugehörigkeit. Durch die Gegenüberstellungen werden künstlerische Entscheidungen und Bildstrategien unmittelbar erfahrbar: Was galt als schön, würdevoll oder herrschaftlich? Wie verändern sich diese Vorstellungen im Lauf der Jahrhunderte? Die Ausstellung macht sichtbar, wie unterschiedlich und zugleich verwandt die Antworten ausfallen.
Ausgangspunkt der Ausstellung ist die international herausragende Por-trätsammlung der Gemäldegalerie, die für diese Schau durch Leihgaben aus anderen Häusern der Staatlichen Museen zu Berlin ergänzt wird – darunter die Alte Nationalgalerie, die Neue Nationalgalerie, das Ägyptische Museum sowie die Skulpturensammlung. Zusammen entsteht so ein reiches Panorama der Porträtkunst vom 15. bis ins 20. Jahrhundert. Rund 90 Meisterwerke von Künstler*innen, darunter Petrus Christus, Botticelli, Giorgione, Dürer, Cranach d. Ä., Holbein d. J., Sofonisba Anguissola, Rembrandt, Rubens, Velázquez, Anna Dorothea Therbusch, Lovis Corinth, Tamara de Lempicka und Picasso, zeigen die Vielfalt des Bildnisses. Jede Begegnung erzählt eine eigene Geschichte, jede Gegenüberstellung lädt zum Staunen, Vergleichen und Entdecken ein.

Die Kapitel der Ausstellung
In vier Kapiteln widmet sich die Ausstellung den verschiedenen Formen und Funktionen des Porträts. Ein Prolog verweist auf die erstaunlichen Konstanten der mimetischen Bildniskunst über Jahrhunderte hinweg und beleuchtet zugleich die Wurzeln der Gattung in Europa.
Porträttypen diesseits und jenseits der Alpen
Das erste Kapitel zeichnet die Herausbildung der Porträtkunst in Italien und in Nordeuropa zur Zeit der Renaissance nach. Während beispielsweise flämische Künstler wie Rogier van der Weyden das Dreiviertelprofil bevorzugten, wählten italienische Meister wie Filippo Lippi das strenge, antikisierende Profil. Verschiedene Grundtypen sowie die unterschiedlichen Tendenzen zum Naturalismus und zur Idealisierung durchdringen einander schon bald und bestimmen die Entwicklung der Porträtkunst in den folgenden Jahrhunderten.
Selbstdarstellung der Elite
Porträts dienen seit jeher als Zeichen von Macht, Reichtum und gesellschaftlichem Rang. Kleidung, Haltung, Blick und Bildformat bekunden die Ansprüche, Ambitionen und den Status der Dargestellten. Anthonis Mors Herzogin Margarete von Parma etwa erscheint ebenso im repräsentativen Kniestück und mit herrscherlichem Ausdruck wie Giovanni Battista Moronis Bildnis eines spanischen Edelmanns.
Familie, Freundschaft und Intimität
Im Gegensatz dazu richtet das folgende Kapitel den Fokus auf die privaten Seiten des Porträts. Verwandte, nahestehende und geliebte Menschen werden in Bildern festgehalten, die der persönlichen Erinnerung dienen. Sofonisba Anguissolas Mutter Bianca blickt ebenso vertraut zu ihrer malenden Tochter wie 380 Jahre später die Frau des Malers Eugen Spiro zu ihrem Ehemann. Bildnisse von Toten halten den letzten Blick auf Verstorbene fest.

Bildnisse von Kunstsammler*innen und Künstler*innen
Das abschließende Kapitel nimmt Künstler*innen und Sammler*innen in den Blick. Ihre Bildnisse erzählen von Selbstbewusstsein und Selbsterforschung, aber auch von dem Wunsch, die eigene Rolle in der Geschichte der Kunst zu verorten. Therbusch präsentiert sich als gelehrte Frau; Poussin und Anton Raphael Mengs reflektieren in ihren Selbstbildnissen über ihre Existenz und ihren Ruhm.
Reflexionen über das „Ich“ im Zeitalter von Selfies
„Porträts!“ ist mehr als eine kunsthistorische Ausstellung, sie ist zugleich eine Reflexion über unsere heutige Bilderwelt: Wie konstruieren wir Identität im Zeitalter von Selfies und Social Media? Wie lesen wir Gesichter – und was verrät unser Blick über uns selbst? Nirgendwo lassen sich diese Fragen eindrücklicher studieren und verstehen als im Spiegel der Meisterwerke vergangener Jahrhunderte.
Katalog zur Ausstellung
Es erscheint ein reich bebilderter Katalog, der die Werke und ihre wechselseitigen Bezüge vertiefend vorstellt (Michael Imhof-Verlag, Petersberg).
Kuratorisches Team
Die Ausstellung wird kuratiert von Sven Jakstat und Stephan Kemperdick unter Mitarbeit von Marie-Luise Hugler.
Förderung
Die Ausstellung wird gefördert durch die Kulturstiftung der Länder, die Fondation Etrillard, den Kaiser Friedrich Museumsverein und die Fontana Stiftung.
WANN?
Eröffnung: Donnerstag, 15. Oktober 2026, 19 Uhr
Ausstellungsdaten: Freitag, 16. Oktober 2026 – Sonntag, 14. März 2027
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag, 10 – 18 Uhr
WO?
Kulturforum Berlin, Gemäldegalerie
Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz / Matthäikirchplatz
10785 Berlin





