Im Zentrum der alljährlich neu eingerichteten Sammlungspräsentation im Marstall der Sammlung Scharf-Gerstenberg stehen diesmal zwei zeitgenössische Künstler: der Fotograf Kai Bornhöft und der Maler Frank Tornow. Die sich aus der Zusammenstellung ihrer Werke ergebende Idee einer komplementären Ergänzung bestimmt erstmals auch die Hängung der eigenen Bestände.
Abb. oben: Frank Tornow, Sombra, Hokkaido und Apfel, 2025, Öl auf Holz © Frank Tornow, VG Bild-Kunst, Bonn 2026.
Das Prinzip der ungewöhnlichen Nachbarschaft spielt eine wichtige Rolle im Surrealismus: „Schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ hieß es schon bei Lautréamont, den André Breton im Ersten Manifest des Surrealismus zitiert. Denn die überraschende Begegnung von Dingen, die man für gewöhnlich nicht miteinander in Verbindung bringt, lässt etwas Drittes entstehen, ein Rätsel, das unsere Wahrnehmung stimuliert und unser Denken auf überraschende Bahnen zu lenken vermag.
Die Gegenüberstellung von Werken von Kai Bornhöft und Frank Tornow erzeugt eine ähnliche Wechselwirkung. Wobei im vorliegenden Fall die Rollen vertauscht zu sein scheinen: Wird grundsätzlich eher dem Medium der Fotografie eine abbildhafte Funktion zugesprochen, ist es hier die Malerei von Tornow, die es erlaubt, die dargestellten Dinge auf Anhieb zu benennen. Umgekehrt scheint die für gewöhnlich der Malerei eingeräumte Freiheit der Erfindung in den Fotografien Bornhöfts die Darstellung zu bestimmen: Erst bei näherem Hinschauen lassen sich die Motive der bisweilen durch mehrmaliges Umkopieren entstandenen analogen Fotografien identifizieren.

In der Begegnung der Werke der beiden Künstler wird dieses jeweils „andere“ des Mediums besonders deutlich. Dabei verbindet sich die exquisite, an Jean Siméon Chardin (1699–1779) erinnernde Maltechnik mit Bornhöfts Blick für die rätselhaften Dimensionen des scheinbar Nebensächlichen ebenfalls zu etwas „Drittem“, das wie hinter einem Schleier verborgen ist. Zugleich (und vielleicht sogar eben dadurch) schärft es die eigene Wahrnehmung, auch bei der Betrachtung anderer Werke. Eine derartige „starke Wechselwirkung“ bringt das Schauen und Denken zum Tanzen, wie in der Quantenphysik – oder im Surrealismus.
Kai Bornhöft, geb. 1968 in Kiel, lebt und arbeitet in Berlin. Gezeigt werden Fotografien aus verschiedenen Werkgruppen (ten, Exit Ghost, True Colours, Redox und weiteren) aus den Jahren 2003 bis 2025. Bornhöfts Arbeiten sind in den Sammlungen internationaler Institutionen wie der Bibliothèque nationale de France und der New York Public Library vertreten.
Frank Tornow, geb. 1959 in Gifhorn, lebt und arbeitet in Berlin. Seine Stillleben, alle Öl auf Holz, sind zwischen 2020 und 2026 entstanden. Tornow wurde nach seinem Studium an der HBK Braunschweig und der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand mit verschiedenen Kunstpreisen und Arbeitsstipendien ausgezeichnet.
„Wechselwirkung“ wird kuratiert von Kyllikki Zacharias, Leiterin der Sammlung Scharf-Gerstenberg.
WANN?
Ausstellungsdaten: Freitag, 17. Juli – Samstag, 15. November 2026
Öffnungszeiten: Mittwoch – Sonntag, 11 – 18 Uhr
WO?
Sammlung Scharf-Gerstenberg
Schloßstraße 70
14059 Berlin-Charlottenburg







