Während die Atommächte ihre Arsenale modernisieren und die nukleare Abschreckung eine politische Renaissance erlebt, setzt eine internationale Künstlerinitiative auf die Macht der Bilder. Unter dem Titel „Homeroom: Artists Against the Bomb“ versammelt das MoMA PS1 in New York seit dem 10. September 2026 künstlerische Positionen gegen Atomwaffen. Die Ausstellung versteht Kunst – über den Ausdruck von Protest hinaus – als Instrument gesellschaftlicher Mobilisierung. Sie ist bis zum 8. Februar 2027 zu sehen.
Abb. oben: Ausstellungsansicht „Homeroom: Artists Against the Bomb“, 10. September 2026 bis 8. Februar 2027, MoMA PS1. Mit freundlicher Genehmigung des MoMA PS1. Foto: Steven Paneccasio.
Die Vorstellung, dass sich die Menschheit mit einem einzigen Knopfdruck selbst auslöschen könnte, gehört zu den beständigsten und zugleich verwerflichsten Errungenschaften des technischen Fortschritts. Was seit Hiroshima und Nagasaki 1945 als Möglichkeit im Raum steht, hat trotz jahrzehntelanger Abrüstungsverhandlungen nichts von seiner Bedrohlichkeit verloren. Im Gegenteil: Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI verfügten die neun Atomwaffenstaaten Anfang 2026 über schätzungsweise 12.187 nukleare Sprengköpfe. Sämtliche dieser Staaten modernisierten im Laufe des vergangenen Jahres ihre Arsenale. Die Aussicht auf eine atomwaffenfreie Welt scheint damit vorerst in weitere Ferne gerückt zu sein.
Dass Künstlerinnen und Künstler dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen wollen, zeigt die Ausstellung Homeroom: Artists Against the Bomb im New Yorker MoMA PS1. Die Schau ist Teil einer internationalen Initiative, die sich für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen einsetzt und dabei bewusst auf die öffentliche Wirksamkeit künstlerischer Ausdrucksformen vertraut. Plakate stehen neben Fotografien, filmischen Arbeiten und Skulpturen; auch Literatur und Musik gehören zum Spektrum einer Kampagne, die den klassischen Ausstellungsraum ausdrücklich überschreiten will.

Initiiert wurde Artists Against the Bomb durch das Studio des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes in Zusammenarbeit mit der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN), jenem internationalen Bündnis, das 2017 mit dem Friedensnobelpreis für seinen Beitrag zum Zustandekommen des UN-Atomwaffenverbotsvertrags ausgezeichnet wurde. Dieser Vertrag verbietet den beigetretenen Staaten unter anderem die Entwicklung, Herstellung, den Besitz und den Einsatz von Kernwaffen. Er trat im Januar 2021 in Kraft.
Bilder, die sich verbreiten sollen
Die Initiative folgt einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: Ihre künstlerischen Arbeiten sollen nicht nur in Museen betrachtet werden, sondern möglichst viele Menschen erreichen. Mehr als 250 historische und neu beauftragte Werke bilden inzwischen eine Sammlung visueller Stellungnahmen gegen die nukleare Aufrüstung, die zugleich einen Einblick in die internationale Geschichte der Abrüstungsbewegungen gewährt.
Für die zeitgenössischen Beiträge wurde bewusst eine schwarz-weiße Gestaltung angeregt. Dahinter steht weniger eine ästhetische Vorschrift als eine praktische Überlegung: Die Motive sollen kostengünstig reproduzierbar sein, auf Plakaten und Bannern ebenso funktionieren wie auf Postkarten, T-Shirts oder in den sozialen Medien. Kunst wird auf diese Weise zum vervielfältigbaren Protestmittel, dessen Verbreitung ausdrücklich erwünscht ist.
Dass diese Strategie an eine lange Tradition politischer Grafik anknüpft, ist kein Zufall. Bereits die Friedensbewegungen des 20. Jahrhunderts bedienten sich einprägsamer visueller Zeichen und Abbildungen, die ihre Wirkung gerade aus der Wiederholung und der Verbreitung im öffentlichen Raum bezogen. Auch Artists Against the Bomb richtet sich gegen die Vorstellung, politisch engagierte Kunst müsse ihre Wirksamkeit allein durch die Einzigartigkeit eines Werkes beweisen. Die Vervielfältigung wird zum künstlerischen Mittel.

Im MoMA PS1 werden unter anderem Beiträge von Regina José Galindo, Nani Chacón, Carlos Amorales, Frieda Toranzo Jaeger sowie Arbeiten des Künstlerkollektivs Art & Language und von Laura Anderson Barbata vorgestellt. Die Auswahl konzentriert sich auf internationale Künstlerinnen und Künstler, die bereits Verbindungen zum MoMA PS1 besitzen, und wird durch neue Arbeiten ergänzt.
Waffen zu Musikinstrumenten
Dass Kunst mehr vermag, als politische Verhältnisse lediglich abzubilden, beschäftigt Pedro Reyes seit vielen Jahren. Für sein Projekt Disarm verwandelte der mexikanische Künstler 2013 Teile beschlagnahmter Schusswaffen in spielbare Musikinstrumente. Aus Gewehrläufen entstanden Flöten, aus Pistolen und Sturmgewehren Schlaginstrumente und Gitarren. Die Waffen verloren ihre ursprüngliche Funktion und wurden zu Werkzeugen musikalischer Verständigung. Eine symbolische Umwandlung, die den destruktiven Gegenstand nicht verleugnet, ihm aber eine andere Zukunft eröffnet.
Die Kampagne Artists Against the Bomb führt diesen Gedanken in einen globalen politischen Zusammenhang. Während Reyes bei Disarm die materielle Transformation von Waffen in den Mittelpunkt stellte, geht es nun darum, die gesellschaftlichen Vorstellungen zu verändern, mit denen ihre Existenz gerechtfertigt wird.
Die Ausstellung im MoMA PS1 ist dabei nur eine Station einer international angelegten Initiative. Im Rahmen der New Yorker Nuclear Ban Week 2025 wurden Arbeiten der Kampagne bereits als mobile Ausstellung in den öffentlichen Raum getragen, parallel zur dritten Konferenz der Vertragsstaaten des Atomwaffenverbotsvertrags am Sitz der Vereinten Nationen. Seit dem 16. Oktober 2026 zeigt auch das Utah Museum of Contemporary Art in Salt Lake City eine Auswahl von 70 historischen und neu entstandenen Plakaten.
Zwischen politischer Forderung und künstlerischer Freiheit
Dabei berührt die Ausstellung eine Frage, die so alt ist wie die politische Kunst selbst: Was geschieht mit der künstlerischen Freiheit, wenn ein Werk ausdrücklich einer gesellschaftlichen Forderung dienen soll?
Artists Against the Bomb macht aus seiner politischen Zielsetzung kein Geheimnis. Anders als Ausstellungen, die kontroverse Fragen zunächst zur Diskussion stellen, vertritt die Initiative eine eindeutige Position: Atomwaffen sollen weltweit abgeschafft werden. Die künstlerischen Beiträge sollen diese Forderung nicht lediglich illustrieren, sondern ihr zu größerer öffentlicher Aufmerksamkeit verhelfen.
Dass damit unterschiedliche künstlerische Ansätze unter einem gemeinsamen Anliegen versammelt werden, gehört zu den Besonderheiten des Projekts. Zwischen der konzeptuellen Praxis von Art & Language und den gesellschaftspolitisch aufgeladenen Arbeiten einer Regina José Galindo liegen erhebliche Unterschiede. Gerade diese Verschiedenheit lässt erkennen, dass sich politisches Engagement nicht auf eine bestimmte Bildsprache festlegen lässt.

Die Ausstellung ist allerdings weniger als ergebnisoffene Untersuchung nuklearer Sicherheitspolitik angelegt, denn als bewusste Gegenposition zur weltweiten Aufrüstung. Darin liegt ihre Stärke, aber auch eine Grenze: Die Frage, wie nukleare Abrüstung unter den gegenwärtigen geopolitischen Bedingungen tatsächlich durchgesetzt werden könnte, lässt sich mit Bildern allein nicht beantworten.
Dass die Initiative dennoch auf die Bedeutung öffentlicher Meinungsbildung setzt, erscheint vor dem Hintergrund der internationalen Vertragslage nachvollziehbar. Nach Angaben der Vereinten Nationen gehören dem Atomwaffenverbotsvertrag Ende Oktober 2026 insgesamt 75 Staaten an, während 96 Staaten ihn unterzeichnet haben. Keiner der neun Atomwaffenstaaten ist beigetreten. Auch Deutschland gehört nicht zu den Vertragsparteien. Die Bundesregierung begründet ihre Ablehnung insbesondere mit den Verpflichtungen innerhalb der NATO und der nuklearen Abschreckung.
Ein Klassenzimmer für die Welt
Dass die Ausstellung ausgerechnet im Homeroom des MoMA PS1 stattfindet, besitzt eine besondere Bedeutung. Das 1976 gegründete Museum befindet sich in einem ehemaligen Schulgebäude in Long Island City, dessen Geschichte sich in der Bezeichnung des seit 2020 bestehenden Ausstellungsprogramms fortsetzt. Homeroom, wörtlich etwa Klassenraum, versteht sich als Plattform für gemeinschaftsorientierte, künstlerische Projekte und gesellschaftlichen Austausch.
Verantwortet wird die Präsentation von der MoMA-PS1-Kuratorin Elena Ketelsen González gemeinsam mit Jolene Fernandez. Pedro Reyes betreut das Projekt zusammen mit Isabel Deheza aufseiten von Artists Against the Bomb. Unterstützt wird das Homeroom-Programm unter anderem durch die Keith Haring Foundation.
Mit Artists Against the Bomb rückt damit eine Form künstlerischer Praxis in den Mittelpunkt, die gezielt den Weg der Vervielfältigung und der Sichtbarkeit im Außen sucht. Die Plakate und Bilder sollen weitergetragen werden, in andere Zusammenhänge gelangen und Menschen erreichen, die möglicherweise niemals eine Ausstellung besuchen würden.

Ob die Kunst Einfluss auf die Entscheidungen jener Staaten nehmen kann, die ihre nuklearen Arsenale gerade modernisieren, darf bezweifelt werden. Doch die Geschichte der Friedensbewegung zeigt, dass politische Veränderungen nicht erst an den Verhandlungstischen beginnen. Sie brauchen eine Öffentlichkeit, die bestehende Verhältnisse nicht für unabänderlich hält. Genau hier setzt Artists Against the Bomb an, indem die Initiative einer Bedrohung, die längst zum politischen Alltag gehört, ihre vermeintliche Selbstverständlichkeit nimmt. Schließlich ist die Existenz der Atombombe eine historische Tatsache, ihre dauerhafte Unverzichtbarkeit hingegen eine politische Behauptung.
WANN?
Donnerstag, 10. September 2026 – Montag, 8. Februar 2027
Donnerstag–Montag: 12:00–18:00 Uhr
Samstag: 10:00–18:00 Uhr
Dienstag und Mittwoch geschlossen
WO?
MoMA PS1
22-25 Jackson Avenue
Long Island City, Queens
New York 11101
USA
KOSTET?
Eintritt frei







