Wo beginnt der Osten? Und wer hat eigentlich entschieden, wo Europa seine Mitte hat? Geografische Koordinaten sind selten so unschuldig, wie sie auf Landkarten erscheinen. Sie erzählen von Machtverhältnissen und historischen Deutungshoheiten. Lange hat der europäische Kontinent seine Geschichte bevorzugt aus westlicher Perspektive betrachtet. Berlin, einst selbst zwischen Ost und West geteilt, bietet für die Suche nach einer Antwort auf die vorangestellte Frage einen besonders widersprüchlichen Schauplatz. Mit ihrer 14. Ausgabe wagt die Berlin Biennale eine Verschiebung der Blickrichtung. Unter dem Titel Central Europe Eastern Time lädt Kurator Vasyl Cherepanyn dazu ein, Europa vom Osten her neu zu lesen, und dabei auch die vertrauten Erzählungen über Berlin auf den Prüfstand zu stellen. Vom 5. Juni bis 12. September 2027 wird die Stadt zum künstlerischen Experimentierfeld einer Neuvermessung, bei der die Grenzen unserer historischen Wahrnehmung zur Debatte stehen.
Abb. oben: © 14. Berlin Biennale 2027, Key Visual, Grafik: LSD Leonard Neumann
Die 14. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst findet vom 5. Juni bis zum 12. September 2027 an verschiedenen Orten in Berlin statt. Kuratiert wird diese Ausgabe von dem ukrainischen Philosophen Vasyl Cherepanyn, der zugleich Leiter des Visual Culture Research Center ist, welches er 2008 in Kiew gegründet hat. Unter dem Titel Central Europe Eastern Time schlägt die 14. Berlin Biennale eine neue Lesart Berlins aus dem Osten heraus vor und eröffnet eine Perspektive auf Europa aus Sicht jener Regionen und politischen Realitäten, die lange an den Rand der europäischen Erzählung gedrängt wurden. Der Titel dient dabei als Navigationswerkzeug, als Instrument zur Orientierung. Er beschreibt einen Chronotopos, in dem sich Ort (tópos) und Zeit (chrónos) untrennbar miteinander verbinden. Er verweist darauf, wie die sich verändernden politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Systeme das menschliche Zusammenleben bestimmen. In diesem Sinne ist Orientierung nicht nur eine Frage danach, wo wir uns befinden, sondern auch, wie verschiedene historische und politische Zeiten in unserer Gegenwart koexistieren. Er erweitert die räumlichen und zeitlichen Koordinaten, die dem Namen der Berlin Biennale bereits eingeschrieben sind, und verortet die Stadt innerhalb eines weiter gefassten osteuropäischen Kontextes, der sich vom Balkan bis zum Baltikum, von Mitteleuropa bis zum Südkaukasus und darüber hinaus erstreckt.
Central Europe Eastern Time befasst sich auch mit dem sich wandelnden Verhältnis zwischen dem Osten und dem Westen, das sich materiell in die unterschiedlichen historischen Schichten der Stadt eingeschrieben hat: in ihre Architektur, ihre Institutionen, ihre Erinnerungspolitiken und ihr soziales Gefüge. Ausgehend davon wird die Berlin Biennale an Ausstellungsorten wie den KW Institute for Contemporary Art und dem Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart sowie an weiteren Orten im Stadtraum stattfinden. Dafür tritt die Biennale in den öffentlichen Raum, in Infrastrukturen, Orte des Transits und der Erinnerungskultur ein: dorthin, wo die Bedingungen der Gegenwart gelebt, verwaltet und umkämpft werden; dorthin, wo soziales und politisches Leben unmittelbar mit Fragen von Klasse, Arbeit, Staatsbürgerschaft und institutioneller Kontrolle verflochten ist. Kartierung wird dabei zu einem leitenden Prinzip der Ausstellung. Jeder Ort wird ausgehend von seiner Geschichte, Funktion und seinen ortsspezifischen Bedingungen betrachtet, während ihr Zusammenspiel eine neue Topologie Berlins und unterschiedliche Wege durch die Stadt entwirft. Der Schwerpunkt liegt auf künstlerischen Praktiken, die ein genaues Verständnis ihrer jeweiligen Orte eröffnen und zugleich auf größere Strukturen verweisen, die die Region und ihre Gegenwart prägen.
Über die Berlin Biennale
Die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst findet alle zwei Jahre an wechselnden Orten in Berlin statt. Seit ihrer ersten Ausgabe im Jahr 1998 schafft die Berlin Biennale experimentelle Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramme, gemeinsam mit namhaften Kurator*innen, um künstlerische wie politische Positionen im Stadtraum Berlins vorzustellen. Die Berlin Biennale erkundet internationale künstlerische Entwicklungen der Gegenwart und gilt aufgrund ihres engagierten Profils als eine der wichtigsten Ausstellungen weltweit. Jede Ausgabe bringt Künstler*innen, prägende Stimmen und Interessierte aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft zusammen und eröffnet so einen Dialog mit den Bewohner*innen der Stadt. Die Berlin Biennale wird von der Kulturstiftung des Bundes seit 2004 als kulturelle Spitzeneinrichtung gefördert. Träger der Berlin Biennale ist der KUNST-WERKE BERLIN e. V.
WANN?
Laufzeit: Samstag, 5. Juni – Sonntag, 12. September 2027
Eröffnung: Freitag, 4. Juni 2027, 19 Uhr
WO?
KW Institute for Contemporary Art
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart
und weitere Orte in Berlin







