CSR.ART präsentiert ab 22. September 2026 die Ausstellung MEIN BERLIN mit Werken des Berliner Malers Jonas Hödicke (1984). Die Ausstellung folgt seinem Blick auf die Stadt, in der er geboren und aufgewachsen ist und die seit Jahren zu den wiederkehrenden Motiven seiner Malerei gehört. Die Vernissage findet am Donnerstag, 1. Oktober 2026 von 18 bis 21 Uhr statt, mit einem Künstlergespräch um 19 Uhr.
Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit der Charlottenburger Galerie Mond präsentiert. Dort sind noch bis zum 3. Oktober 2026 Hödickes Skulpturen aus Draht und Stahl sowie seine Gemälde und Zeichnungen mit der gleichen Motivik zu sehen.
Abb. oben: Jonas Hödicke, Späti am Stutti, 2015, Acryl auf Leinwand, 250 x 200 cm
Berlin auf vier Rädern
Wer Jonas Hödicke fragt, welches Symbol für ihn am besten für Berlin steht, erhält als Antwort: der Einkaufswagen. Ausgerechnet. Andere Städte protzen mit Domen und Triumphbögen – Hödicke genügt ein Drahtkorb auf vier Rädern. Dabei ist seine Erklärung ziemlich überzeugend. Der Einkaufswagen eint die Berlinerinnen und Berliner. Vom Obdachlosen bis zum Millionär: Alle greifen irgendwann an denselben Bügel. Und irgendwann steht das Ding herrenlos an einer Ecke, als hätte die Stadt es dort selbst abgestellt. Wer in Berlin lebt, kennt dieses Bild.
Und schon sind wir mitten in Hödickes Malerei. Denn dieser Mann hat eine Schwäche für Dinge, die niemand für bemerkenswert hält, solange sie nicht gemalt sind. Berlin erleichtert ihm die Arbeit, denn die Stadt produziert unablässig Bilder und kümmert sich wenig darum, ob sie schön sind. Hödicke geht durch dieses Durcheinander der Stadt, die er wie seine Westentasche kennt, mit dem Telefon in der Hand. Was seinen Blick festhält, fotografiert er. Wenn dieses Motiv ihn auch später nicht loslässt, kann daraus ein Gemälde werden. Zwischen dem kurzen Klick auf der Straße und der Leinwand liegt jener merkwürdige Vorgang, für den wir das schöne Wort Malerei haben. Die Wirklichkeit darf hinein und kommt verändert wieder heraus. Und wenn wir vor dem Gemälde stehen und es betrachten, dann vermag es, auch unsere Sicht auf die Dinge zu verändern.
Der Späti und die verlorene Schulstunde
Da ist zum Beispiel das Gemälde Späti am Stutti. Der Spätkauf leuchtet in Rot und Pink in die Straße hinein, als sei die Nacht eigens erfunden worden, damit dieses Licht etwas zu tun bekommt. Für Hödicke waren Spätis jahrelang Treffpunkt. Hier kam er mit seinen Kumpels zusammen; bisweilen auch zu Stunden, in denen der schulische Stundenplan einen anderen Aufenthaltsort vorgesehen hatte. Schulschwänzen vergeht. Der Späti bleibt. Und Jahrzehnte später hängt er als Gemälde an der Wand.
Das ist eine der hübscheren Ungerechtigkeiten des Lebens: Was dem Schüler einst als vertrödelte Zeit ausgelegt wurde, kann dem Maler später zum Motiv geraten. Doch der persönliche Hintergrund des Malers allein trägt das Bild nicht. Sondern das kollektive Erleben und Erinnern im Mikrokosmos der Stadt. Jeder, der lange in Berlin lebt, besitzt solche Orte des persönlichen Erlebens und Erinnern. Sie haben keine Gedenktafel und stehen in keinem Reiseführer. Trotzdem gehören sie zur inneren Landkarte einer Stadt. Man kennt den Späti. Nur heißt der eigene anders. Und hier beginnt das „Mein“ im Ausstellungstitel seine Besitzer zu wechseln.
Silvester, Berliner Art
Dann kommt das Feuerwerk. In Ecke Palas schießen Licht und Farbe zwischen Häusern und Autos in den Himmel. Die Straße scheint für einen Augenblick ihre feste Form zu verlieren, die Farbe auf der Leinwand spritzt und explodiert mit. Für den jugendlichen Jonas Hödicke bedeutete das Berliner Silvester absolute Freiheit. Wo, fragt er rückblickend, darf der Einzelne noch mit solcher Selbstverständlichkeit sein eigenes Feuerwerk auf die Straße tragen und anzünden? Berlin verteidigt bekanntlich manche Freiheiten mit einer Leidenschaft, die den Unbeteiligten gelegentlich zur Flucht bewegt. An Silvester wird daraus ein Gesamtkunstwerk mit Sprengstoff.

Hödickes Feuerwerksmotive beschreiben das silvesterliche Geschehen in den Berliner Häuserschluchten dieser Nacht eher als einen Straßenkampf, dem sie ja mittlerweile gleichen, denn als freudige Begrüßung des neuen Jahres. Das erklärt auch die eigentümliche Spannung dieser Bilder. Man weiß nicht recht, ob man sich am Licht erfreuen oder Deckung suchen soll. Das Schöne und das Bedrohliche haben sich ineinander verhakt. Gerade deshalb funktioniert das Motiv so gut. Die Freiheit, die Hödicke darin sieht, kommt ohne eine Garantie auf Behaglichkeit. Sie knallt.
Mein Berlin
Der Titel dieser Ausstellung ist viel weniger harmlos, als seine zwei Wörter vermuten lassen. MEIN BERLIN. Wem gehört eine Stadt? Demjenigen, der hier geboren wurde? Dem, der seit vierzig Jahren dieselbe Wohnung bewohnt? Dem Neuankömmling, der gestern am Hauptbahnhof ausstieg und heute bereits erklärt, wo es den einzig wahren Kaffee gibt? Berlin hat solche Fragen immer großzügig beantwortet: Es lässt jeden behaupten, die Stadt gehöre ihm, und gehört derweil weiter sich selbst.
Wem gehört die Stadt? Berlin hat solche Fragen immer großzügig beantwortet: Es lässt jeden behaupten, die Stadt gehöre ihm, und gehört derweil weiter sich selbst.
Hödickes „Mein“ meint etwas anderes. Es entsteht aus Erfahrungen, Wegen, Begegnungen, Zufällen, Erinnerungen und diesem schwer erklärbaren Wissen darüber, wie eine Stadt aussieht, wenn man lange genug in ihr gelebt hat. Deshalb braucht er keine großen Wahrzeichen in seinen Motiven. Der Fernsehturm mag den Alexanderplatz in Berlin anzeigen, aber ein herrenloser Einkaufswagen kann mehr darüber erzählen.
Der Maler als Bilderfänger
Wesentlich für Jonas Hödickes Arbeiten ist das Malen nach Fotografien. Dabei zieht er nicht mit einer fertigen Vorstellung davon los, was Berlin sein soll und was er auf die Leinwand bannen will. Die Stadt liefert die Bilder. Der Maler reagiert. Etwas Eindrückliches fällt aus dem Strom der Bilder heraus, sei es ein Einkaufswagen, ein Spielplatzpferdchen, ein bestimmtes Neonlicht in der Nacht, eine Straße in jener Sekunde, in der der Himmel über ihr explodiert. Hödicke fotografiert das Motiv und zugleich den Moment. Im Atelier beginnt dann die zweite Begegnung. Das Foto hält fest, was da war. Die Malerei kümmert sich darum, was davon zukünftig bleibt.
Dabei nimmt Hödicke sich Freiheiten: Farbe kann laufen, Konturen verlieren ihre Ruhe, Gegenstände geraten in den Sog des Malens, Schuhabdrücke des Künstlers werden zu seiner Signatur. Seine Bilder verweisen fast körperlich auf ihre Herkunft aus der sichtbaren Welt und bestehen zugleich darauf, Gemälde zu sein. Die Aura der Stadt, die niemals schläft, und die permanent in Bewegung ist, fängt Hödicke in seinen Gemälden ein. Im THE INTERVIEW IN|DEEDS sagt Hödicke über seine Arbeit: „Meine Kunst sucht die Bewegung – in der Stadt, im Menschen, im Moment. Stillstand war nie mein Ding.“ Berlin dürfte für ein solches Vorhaben zu den ergiebigeren Orten gehören.
Der Vater und die Stadt
Über Jonas Hödicke und Berlin zu schreiben, ohne Karl Horst Hödicke zu erwähnen, wäre möglich. Besonders klug wäre es nicht. Der Vater hat diese Stadt über Jahrzehnte gemalt und gehört zu jenen Künstlern, die dem West-Berlin der Nachkriegszeit eine eigene malerische Sprache gegeben haben. Für den Sohn ist diese Geschichte Teil der eigenen Biografie. Auf die Frage, wer ihn künstlerisch besonders geprägt habe, antwortete Jonas Hödicke im DEEDS-Interview knapp: „Mein Vater.“
2024 standen die Bilder von Karl Horst Hödicke und Jonas Hödicke in der Berliner Galerie Noack in der gemeinsamen Ausstellung Meine Stadt nebeneinander, mit ihren jeweiligen Blicken auf Berlin. Doch Städte vererben sich anders als Häuser. Der Vater sah ein anderes Berlin als der Sohn. Karl Horst Hödicke erlebte die Teilung, die Mauer, deren Fall und die tiefgreifenden Veränderungen der Stadt. Jonas Hödickes Erinnerungen gehören einer späteren Generation. Sein Berlin hat Spätis und Einkaufswagen. Das klingt banaler, als es ist, denn jede Generation erkennt eine Stadt an anderen Zeichen. Irgendwann erzählen die unscheinbaren Dinge treffender von einer Epoche als die großen Monumente.
Eine kleine Verschiebung des Blicks
Bis vor wenigen Tagen blühten bei CSR.ART noch Jonas Hödickes großformatige Blumenbilder. FLOWER POWER ließ die Farbe über die Leinwände wachsen. Nun kommt Berlin herein. Oder besser: jenes Berlin, das draußen ohnehin die ganze Zeit vor der Tür steht, betritt die Ausstellungsräume.
Man muss für MEIN BERLIN keine Stadtgeschichte studiert haben. Es genügt, einmal nachts vor einem Späti gestanden zu haben, zu wissen, wie eine Berliner Straße am Neujahrsmorgen aussieht und riecht, Graffiti-verzierte Hauseingänge und übervolle Mülltonnen zu kennen, und einem Einkaufswagen begegnet sein, dessen Reiseweg sich jeder vernünftigen Rekonstruktion entzieht.
Jonas Hödicke malt seine Stadt aus solchen Begegnungen. Das Persönliche daran ist offensichtlich. Das Überraschende ist, wie schnell man sich selbst darin wiederfindet. Man steht vor Hödickes Späti-Motiv und erinnert sich an den eigenen. Man erinnert sich an die Graffitis, wenn man aus seinem Wohnhaus auf die Straße tritt. Man sieht seine Feuerwerke und hört das Böllern der vergangenen Silvester. Man schiebt seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt und kennt genau jene Straßenecke, an der gestern auch einer stand. So wird aus MEIN BERLIN für die Dauer eines Bildes etwas Gemeinsames. Der Maler hat es gesehen. Wir waren offenbar auch da. Jonas Hödicke hat den Moment für uns festgehalten. Und das Berlin-Gefühl
Jonas Hödicke wurde 1984 in Berlin geboren. Von 2007 bis 2014 studierte er Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Markus Lüpertz und Siegfried Anzinger. Sein Werk bewegt sich zwischen Malerei, Skulptur und Zeichnung. Hödicke lebt und arbeitet in Berlin und Irland.
WANN?
Vernissage: Donnerstag, 1. Oktober 2026, 18 – 21 Uhr, mit Artist Talk um 19 Uhr
Ausstellung: Dienstag, 22. September bis Samstag, 17. Oktober 2026
Dienstag – Samstag 10:00 – 19:00 Uhr
WO?
CSR.ART
Budapester Straße 35-50
im EG, links neben dem Eingang Richtung Zoo Palast Kino
10787 Berlin







