Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Kunstgeschichte, dass nicht allein die Qualität eines Werkes darüber entscheidet, ob dessen Schöpfer in Erinnerung bleibt oder eines Tages aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Senta Minzlaff (1909–1999) entwickelte im Berlin der 1960er Jahre eine expressive Bildsprache, die an die späteren Neuen Wilden erinnert. Sie war eine Malerin, deren Bilder mit einer bemerkenswerten Lust an der Freiheit entstanden. Denn die Freiheit nahm sie sich – als Zahnärztin und Mutter zweier Töchter. Trotz ihrer Ausstellungserfolge geriet ihr Werk weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein, bis ein Zufallsfund im Jahr 2019 neue Aufmerksamkeit auf die Künstlerin lenkte. Ab dem 23. Oktober 2026 widmet ihr die Galerie Creative Game in Berlin-Lichterfelde eine Ausstellung. Ihre Geschichte erzählt von einer Frau, die sich die Freiheit zur Kunst erst spät erobern konnte, und wirft die Frage auf, wer eigentlich darüber entscheidet, welche Künstlerinnen und Künstler in Erinnerung bleiben.
Abb. oben: Senta Minzlaff, Gartengesellschaft, Foto: Alexander Rosenbusch
Die Kunstgeschichte ist mit ihrem Gedächtnis bisweilen recht eigenwillig. Während sie manchen Künstlern schon zu Lebzeiten einen Platz für die Ewigkeit reserviert, lässt sie andere beinahe lautlos verschwinden, obwohl deren Werke durchaus Anlass zu größerer Aufmerksamkeit gegeben hätten. Senta Minzlaff gehört zu jenen Künstlerinnen, die diesem eigentümlichen Mechanismus zum Opfer gefallen zu sein scheinen. Dabei war die Berliner Malerin keineswegs unbekannt. Sie stellte über Jahrzehnte aus, gehörte Künstlerinnenvereinigungen an und war 1992 sogar in einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau vertreten. Dennoch wurde es nach ihrem Tod 1999 still um ein Werk, dessen malerische Unbekümmertheit heute umso erstaunlicher erscheint.

Erst ein Zufallsfund gab den Anstoß, sich erneut mit der Künstlerin zu beschäftigen. Als der Berliner Kunstsammler Dr. Wolfgang Etterich 2019 im Nachlasshandel auf einen wesentlichen Teil ihrer Arbeiten aufmerksam wurde, begann eine Spurensuche, die nach und nach das Bild eines ungewöhnlichen Künstlerlebens hervortreten ließ. Werke wurden dokumentiert und biografische Zusammenhänge erschlossen. Nun präsentiert die Galerie Creative Game eine Auswahl ihrer Malerei und stellt damit zugleich eine Frage, die weit über das persönliche Schicksal der Senta Minzlaff hinausgeht: Wie viele eigenständige künstlerische Positionen sind bis heute aus unserem Blickfeld verschwunden, weil ihnen die dauerhafte Aufmerksamkeit des Kunstbetriebs versagt blieb?
Eine Zahnärztin entdeckt ihre Freiheit
Senta Edith Emma Margarete Runkel wurde 1909 in Berlin-Tegel geboren. Anders als ihre ältere Schwester Gerda, die Medizin studierte, entschied sie sich für die Zahnheilkunde und lernte während ihres Studiums in Heidelberg und Berlin ihren späteren Ehemann Friedrich Minzlaff kennen, den sie 1938 heiratete. Das Paar bekam zwei Töchter. Als ihr Mann während des Zweiten Weltkriegs als Lazarettarzt schwer verwundet wurde, musste sie die gemeinsame Zahnarztpraxis in Berlin-Steglitz nach dem Krieg zunächst allein weiterführen. Auch ihre Eltern lebten in ihrer Nähe und bedurften ihrer Fürsorge.
Der Kunst blieb unter diesen Umständen zunächst jener Platz, den das bürgerliche Leben für eine verheiratete Frau mit Kindern eben vorsah. Minzlaff hatte bereits seit den 1930er Jahren gezeichnet, doch für die konsequente Entwicklung ihrer Begabung fehlte ihr lange die Zeit. Erst 1958, als ihre Töchter allmählich selbstständig wurden und ihr Mann wieder vollständig in der Praxis tätig war, entschloss sie sich, ihre künstlerische Ausbildung zu vertiefen. An der Berliner Hochschule der Künste besuchte sie die Klasse für Hochbegabte aus kunstfernen Berufen bei Bernhard Wilhelm Borchert.

Sie war damals neunundvierzig Jahre alt, ein Alter, in dem manche Künstler bereits auf ein umfangreiches Lebenswerk zurückblicken können. Für Minzlaff begann nun die produktivste Phase ihres Schaffens, und man könnte meinen, sie habe all die Jahre, in denen sie ihre künstlerischen Wünsche zurückstellen musste, mit umso größerer Entschlossenheit nachholen wollen. Jedenfalls verraten ihre Bilder wenig von der Vorsicht einer späten Anfängerin.
Die Wirklichkeit war ihr offenbar nicht bunt genug
Minzlaffs Malerei besitzt eine geradezu verschwenderische Freude an der Farbe. Was ihr vor Augen kam, verwandelte sie in eine Bildwelt, in der Gegenstände ihre gewohnte Erscheinung verlieren und selbst alltägliche Szenen eine eigentümliche Lebendigkeit entwickeln. Farben behaupten sich unabhängig von ihren natürlichen Vorbildern, während sich die Formen unter dem energischen Pinselstrich zu bewegen scheinen.
In Stuhl, Ausschnitt aus Gartenlokal etwa wird ein einfacher Gartenstuhl zum Mittelpunkt eines regelrechten Farbentumults. Sein leuchtendes Gelb und Orange setzt sich gegen einen bewegten Hintergrund aus dunklem Blau und kräftigen Pinselzügen durch. Der Stuhl scheint kaum noch ein Gegenstand zu sein, auf dem man sitzen möchte; vielmehr wirkt er, als sei er eben im Begriff, sich aus eigener Kraft davonzumachen.
Auch in Gartengesellschaft erweist sich die Natur als wenig geneigt, sich den üblichen Gesetzen der Perspektive zu unterwerfen. Menschen und Bäume verschmelzen zu einem Geflecht leuchtender Farben, das die sommerliche Atmosphäre einer Gesellschaft ebenso lebendig wie eigenwillig erscheinen lässt. In Nilgras wiederum entfalten sich exotisch anmutende Pflanzen in kräftigem Blau und Grün, wobei die Blätter eine fast ornamentale Bewegung entwickeln.
Minzlaff bezog ihre Motive aus ihrer unmittelbaren Umgebung und von Reisen, die sie unter anderem nach Ägypten und Mexiko führten. Der Berliner Zoo und der Botanische Garten boten ihr reichlich Anschauungsmaterial. Doch was sie dort entdeckte, fand nur selten den direkten Weg auf die Leinwand. Zwischen Beobachtung und fertigem Bild lag jene künstlerische Freiheit, aus der ihre Malerei ihre besondere Wirkung bezieht.

Mitunter konnte diese Freiheit recht unheimliche Gestalten hervorbringen. In Katzengott begegnet uns ein Wesen mit weit aufgerissenen Augen und auffälligen Zähnen, dessen Erscheinung ebenso grotesk wie komisch wirkt. Das Bild Betrachtende zeigt ein Gesicht, das sich in grelle violette und pinkfarbene Flächen aufzulösen scheint. In Dämonikon drängen sich fratzenartige Wesen ineinander, deren Ausdruck zwischen Bedrohlichkeit und ausgelassener Fantasie schwankt.
Hier zeigt sich eine Künstlerin, deren Freude an der malerischen Verwandlung kaum Grenzen zu kennen scheint. Sie entdeckt im Gewöhnlichen das Sonderbare und verleiht selbst ihren unheimlichsten Geschöpfen eine beinahe spielerische Präsenz.
Eine „Alte Wilde“ vor den Neuen Wilden?
Die Galerie Creative Game bezeichnet Senta Minzlaff als Berliner Neoexpressionistin der 1960er Jahre und sieht in ihrer Malerei eine Vorwegnahme jener expressiven Kunst, die rund zwei Jahrzehnte später mit den Neuen Wilden internationale Aufmerksamkeit erlangen sollte.
Tatsächlich lassen ihre farbintensiven Kompositionen an die Arbeiten jener Künstler denken, die in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren in West-Berlin eine neue expressive Figuration entwickelten. Wolfgang Etterich bezeichnet Minzlaff in einem 2024 veröffentlichten biografischen Beitrag entsprechend als eine „Alte Wilde“, die man den späteren Neuen Wilden voranstellen könne.

Der Vergleich ist reizvoll, zumal Minzlaffs Hauptwerk aus den 1960er und frühen 1970er Jahren stammt. Doch ob sie tatsächlich als kunsthistorische Vorläuferin dieser Bewegung gelten kann, bedarf weiterer Untersuchung. Eine formale Verwandtschaft allein belegt noch keinen künstlerischen Einfluss. Vielleicht liegt ihre eigentliche Bedeutung ohnehin weniger darin, einer später berühmt gewordenen Bewegung vorausgeeilt zu sein, als in der Unabhängigkeit, mit der sie ihren eigenen Weg verfolgte.
Ein Haus, in dem die Fantasie regierte
Dass Minzlaffs künstlerischer Eigensinn keineswegs an der Ateliertür endete, lässt eine bemerkenswerte Episode aus ihrer Biografie erkennen. Nach Recherchen von Wolfgang Etterich, die er im Dezember 2024 im Magazin für die Berliner Zahnärzteschaft veröffentlichte, erwarb die Familie 1960 eine Gründerzeitvilla in der Kantstraße in Berlin-Steglitz. Dort soll die Künstlerin im Laufe der Jahre eine außergewöhnliche Bilderwelt geschaffen haben, die weit über die gewöhnliche Ausstattung eines Wohnhauses hinausging.
Etterich beschreibt großformatige Wandmalereien, die das Interieur prägten, und berichtet von rund einem Dutzend aufwendig inszenierter Feste, zu denen die Gäste passend kostümiert erschienen. Bis etwa 1990 sollen diese Gesellschaften stattgefunden haben, unter anderem zu Fasching oder Nikolaus. Der Sammler spricht in diesem Zusammenhang von einem Gesamtkunstwerk mit performativen Elementen.
Die Vorstellung ist ebenso ungewöhnlich wie aufschlussreich: Eine Frau, die über Jahrzehnte einen verantwortungsvollen medizinischen Beruf ausgeübt hatte, verwandelte ihr privates Wohnumfeld offenbar in einen Ort, an dem die Fantasie auch jenseits der Leinwand das letzte Wort haben durfte. Wie diese Räume im Einzelnen gestaltet waren und was von den Wandmalereien erhalten geblieben ist, lässt sich aus den bislang zugänglichen Quellen allerdings nicht bestimmen.
Dass Minzlaffs Kunst auch ihr gesellschaftliches Leben prägte, fügt ihrer Biografie dennoch eine bemerkenswerte Facette hinzu. Die Malerin scheint die Freiheit, die sie in ihren Bildern gefunden hatte, schließlich auch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld gesucht zu haben.
Wer bleibt, wer wird vergessen?
Zu Lebzeiten war Senta Minzlaff durchaus im Berliner Kunstleben präsent. Seit 1965 gehörte sie dem Verein der Berliner Künstlerinnen an, später auch der GEDOK Berlin. Bereits 1966 zeigte das Kunstkabinett am Schillertheater eine Einzelausstellung mit 87 ihrer Arbeiten. Im Jahr 1992 war sie nach Angaben der Galerie Creative Game in der Jubiläumsausstellung Profession ohne Tradition. 125 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen im Martin-Gropius-Bau vertreten.
Dennoch gelang es ihrem Werk offenbar nicht, dauerhaft einen größeren Kreis von Kunstinteressierten zu erreichen. Dabei ist die Geschichte der Kunst keineswegs arm an Künstlerinnen, deren eigenständige Leistungen erst lange nach ihrem Tod die verdiente Beachtung fanden. Gerade für Frauen, die wie Minzlaff neben ihrer künstlerischen Tätigkeit familiäre und berufliche Verpflichtungen zu erfüllen hatten, waren die Voraussetzungen einer kontinuierlichen Karriere oft denkbar ungünstig.
Senta Minzlaff war allerdings nie vollständig vergessen. Noch 2021 zeigte die Galerie der GEDOK Berlin eine Einzelausstellung ihrer Arbeiten. Die heutige Präsentation ist daher Teil einer bereits begonnenen Wiederentdeckung, deren weitere Entwicklung sich noch nicht absehen lässt.

Dass ein umfangreiches künstlerisches Werk zunächst im Nachlasshandel auftauchen musste, ehe es erneut systematisch erschlossen wurde, erzählt gleichwohl einiges über die Zerbrechlichkeit künstlerischer Erinnerung. Die Kunstgeschichte wird schließlich nicht allein von denjenigen geschrieben, die Kunst schaffen. Sie entsteht auch durch die Aufmerksamkeit jener, die Werke bewahren und sich später noch einmal mit ihnen beschäftigen.
Die zweite Karriere der Senta Minzlaff
Die Ausstellung in der Galerie Creative Game, kuratiert von Wolfgang Etterich und Alexander Rosenbusch, eröffnet nun die Gelegenheit, Senta Minzlaff erneut zu begegnen. Ob daraus eine nachhaltige kunsthistorische Neubewertung erwächst, wird sich erst zeigen müssen.
Eines aber lässt sich bereits beim Betrachten ihrer Bilder feststellen: Hier hat eine Künstlerin gearbeitet, die sich in ihrer Malerei eine Freiheit nahm, welche ihr das Leben lange nur eingeschränkt zugestanden hatte. Ihre Farben leuchten noch immer mit einer erstaunlichen Unmittelbarkeit, und manche ihrer fantastischen Wesen scheinen sich über die Ernsthaftigkeit, mit der die Kunstgeschichte ihre Rangordnungen pflegt, geradezu lustig zu machen.
Es wäre Senta Minzlaff wohl zu gönnen, wenn ihre Bilder künftig wieder häufiger zu sehen wären. Denn die Kunstgeschichte verliert nichts, wenn sie ihren Blick erweitert. Im Gegenteil: Sie könnte dabei entdecken, dass manche ihrer interessantesten Geschichten noch gar nicht richtig erzählt worden sind.
Text: Stephanie Schneider, M.A.
WANN?
Vernissage: Freitag, 23. Oktober 2026, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 23. Oktober bis 8. November 2026
Öffnungszeiten: täglich außer montags, 14–18 Uhr, sowie nach Vereinbarung
WO?
Galerie Creative Game
Jägerstraße 12A
12209 Berlin-Lichterfelde







