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Freitag, Dezember 9, 2022

Kein Mensch kennt mich. Iris Häussler begegnet Benjamine Kolbe – Georg Kolbe Museum | 05.03.-29.05.2022

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Benjamine Kolbe (1881–1927) blieb wie viele Künstlerfrauen ihrer Zeit im Schatten ihres Mannes. Durch den spektakulären Nachlassfund, der 2020 ins Georg Kolbe Museum kam, können nun erstmals mehrere Hundert Briefe und Fotografien Licht ins Dunkle bringen und die Frage beantworten: Wer war die Frau, die Kolbe verehrte und in unzähligen Werken verewigte?
Gleichzeitig entwirft die deutsch-kanadische Künstlerin Iris Häussler in einer Rauminstallation im großen Atelier einen feministischen Kommentar zur männlichen dominierten Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie erweckt zwei Künstlerinnen zum Leben, die es nie gab aber hätte geben können. Bei Häussler wird Realität, was die Geschichtsschreibung übersehen hat.

Abb. oben: Georg Kolbe, Porträt Benjamine Kolbe, Tuschzeichnung um 1903 © Foto: Markus Hilbich, Bildarchiv Georg Kolbe Museum

„[…] kein Mensch kennt mich, nur du weißt wie ich bin, nur dir habe ich mich gegeben so wie ich bin, das brauchen andere Menschen auch nicht zu wissen“, gesteht Benjamine van der Meer de Walcheren (1881–1927) dem jungen Georg Kolbe (1877–1947) zu Beginn ihres Kennenlernens. Das intime Bekenntnis ist Zeugnis einer Verbundenheit, die über ihren frühen Tod hinaus fortdauern wird. Die junge holländische Opernschülerin und der am Beginn seiner Karriere stehende Bildhauer lernen sich 1901 in Bayreuth im Kreise der Familie Wagner kennen, sie heiraten 1902. Die Arbeit ihres Mannes bringt Benjamine Kolbe zunächst nach Leipzig und dann zu dritt, mit ihrer Tochter Leonore, nach Berlin. Vielfach finden ihre Gesichtszüge Eingang ins Werk Georg Kolbes und bezeugen ihre stete Präsenz in dessen Leben.

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Benjamine Kolbe um 1920 © Foto: Kurt von Keudell, Archiv Georg Kolbe Museum

2019 bringt ein Nachlassfund mehrere Hundert unbekannte Briefe und Fotografien von Benjamine zum Vorschein und ermöglicht erstmals die gänzlich neue Betrachtung einer Person, die bisher hinter der des Künstlers Georg Kolbe verborgen blieb. Nun ergänzt die eigene Stimme – das geschriebene Wort – einer Frau, die zwischen ihren Rollen als Musikerin, Ehefrau, Mutter, Muse oder Gesellschafterin navigierend sich selbst suchte, die Erzählung ihres Lebens in einer Zeit historischen Umbruchs. In der Ausstellung „Kein Mensch kennt mich“ formen ergänzend dazu Skulpturen, Zeichnungen und Malerei von Georg Kolbe ein Bild von Benjamine Kolbe.

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Georg Kolbe, Benjamine Kolbe, 1903, Marmor, Staatliche Kunstsammlungen in Dresden, Albertinum © Foto: Ludwig Schnorr von Carolsfeld, Bildarchiv Georg Kolbe Museum

Die Rekonstruktion der Biografie von Benjamine Kolbe lässt zugleich Lücken und schafft damit Raum für Imaginationen. Diese Frageräume nutzt die Künstlerin Iris Häussler, lebend in Toronto (Kanada), um eine Begegnung des Ehepaars Kolbe mit zweien ihrer fiktiven Charaktere zu inszenieren: der französischen Malerin Sophie La Rosière (1867–1948) und dem Aktmodell Florence Hasard (1882–?), die ihre Geliebte und selbst Künstlerin war. Anhand verschiedener hergestellter Erinnerungsstücke und Kunstwerke erzählt Häusler von einer schicksalshaften Begegnung der beiden Liebespaare.

Die Installation „If“ (2021) geht auf Häusslers profunde Recherchearbeit zum Kunstschaffen von Frauen im frühen 20. Jahrhundert zurück. Die Zusammenkunft von historischen und erdachten Figuren, von künstlerischer Fiktion und kunsthistorischer Forschungsarbeit ermöglicht eine spielerische Annäherung an Formen von Geschichtsschreibung und befragt deren Perspektiven und Narrative.

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Iris Häussler, SLR-004 um 1908, Pastell und Öl, 2016 © Daniel Faria Gallery -Toronto

Die Arbeit von Iris Häussler stellt überdies die Frage nach weiblicher Selbstbestimmung und -behauptung im zeitlichen Kontext der frühen Moderne. Die imaginierte Überschneidung der Lebenswege von Benjamine Kolbe und Häusslers „Kunstfiguren“ verlebendigt nicht nur die einzelnen Charaktere, sondern fordert Besucher*innen heraus, sich in eine Geschichte hineinzubegeben, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion mitunter verschwimmen.

Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Sintje Guericke und Dr. Marlene Gunia.

Die Ausstellung wurde gefördert von der Ilse Augustin Stiftung, vom Freundeskreis des Georg Kolbe Museums und der Kanadischen Botschaft.

WANN?

Samstag 5. März bis Sonntag 29. Mai 2022
Mo-So 10:00-18:00 Uhr

WO?

Georg Kolbe Museum
Sensburger Allee 25
14055 Berlin
+49 (0)30 304 21 44
info@georg-kolbe-museum.de

ÖPNV

Zufahrt über die Heerstraße, Parkplätze direkt vor dem Museum
S-Bahn: S3, S9 (S-Bahnhof Heerstraße),
Bus: M49, X49, X34, 218 (S-Bahnhof Heerstraße)

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