Im Rahmen der Berlin Art Week inszenieren Ersan Mondtag und Nadim Samman einen Dialog zwischen 25 Performer*innen und der Sammlung der Gemäldegalerie: Sie stellen den Bildwelten der Alten Meister die Vergänglichkeit heutiger Körper und Biografien gegenüber. Als Brücke zwischen Theater und Museum entfaltet sich ein Tableau vivant, das um Erschöpfung und Erneuerung, Verschwinden und Fortbestehen kreist. Zu den Mitwirkenden zählen Schauspieler*innen, Künstler*innen, Sänger*innen, Tänzer*innen verschiedener Generationen, unter ihnen Frank Büttner, Eva-Maria Keller, Sema Poyraz, WestBam und Louis Hofmann.
Abb. oben: Ersan Mondtag und Nadim Samman: Alternde Meister Performance in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Katrin Hammer.
Die Gemäldegalerie bewahrt zahlreiche Werke, die sich mit Sterblichkeit und Verwandlung auseinandersetzen. Zugleich besteht ihr Auftrag darin, die Gemälde selbst vor dem Altern und Vergehen zu bewahren. „Alternde Meister” verbindet die mythische Zeit religiöser und allegorischer Bildwelten mit der gelebten Zeit von Künstler*innen und ihren Laufbahnen. Deren Sichtbarkeit ist nie von Dauer. Sie entsteht in einem bestimmten Moment und schwindet wieder, sobald sich die Aufmerksamkeit verlagert. Für die Künstler*innen beginnt der Prozess des Sichtbarwerdens daher immer wieder von Neuem. Damit zeichnet das Stück zugleich ein kollektives Porträt Berlins, einer Stadt, die ihre Identität in den vergangenen Jahrzehnten auf Jugend und Freiheit gegründet hat und sich nun mit den Brüchen dieser Erzählung auseinandersetzt. In den Protagonist*innen des Stücks spiegelt sich die Stadt selbst: als Performerin, die unablässig ihre eigene Jugend inszeniert und zugleich unter der Oberfläche die Spuren zahlreicher gelebter Geschichten trägt.
Die Performance wiederholt sich während der Aufführungen in einem 30-minütigen Zyklus. Zu Beginn jeder Sequenz verharren die Performer*innen regungslos in verschiedenen Ausstellungsräumen. Sie erscheinen zwischen den Gemälden, als gehörten sie zur Sammlung. Nach und nach erwachen sie, kleiden sich an und führen individuelle Handlungen aus, ehe sie sich an einem gemeinsamen Ort zu einer kollektiven Zeremonie versammeln. Anschließend löst sich die Gruppe wieder auf und ein neuer Zyklus beginnt. Die Besuchenden können an jedem beliebigen Punkt der Performance beginnen, einzelnen Performer*innen folgen und frei zwischen den Räumen wechseln.

Die Dramaturgie orientiert sich an Lucas Cranachs d.Ä. Gemälde „Der Jungbrunnen” (1546), einer Auseinandersetzung mit Alter und Vergänglichkeit. Cranach zeigt alte Frauen, die durch das Bad in einem steinernen Brunnen ihre Jugend zurückerlangen, anschließend abgetrocknet, kostbar gekleidet und in einen Garten voller Musik, Tanz und Festlichkeit geführt werden. Das Gemälde lässt sich nicht zuletzt als Spiegel höfischer Eitelkeit lesen: Erneuert wird nicht die Tugend, sondern äußere Erscheinung und Begehren. „Alternde Meister” übernimmt die Abfolge von Verwandlung, Ankleiden und gemeinschaftlicher Versammlung, verändert jedoch den Ausgang des Geschehens. Die Performer*innen bereiten sich nicht auf ein Fest vor, sondern versammeln sich zu einer Trauerfeier:
In jedem Zyklus steht eine Person im Mittelpunkt und wird von den übrigen itwirkenden betrauert. Das Ritual wird von einer Sequenz aus Gustav Mahlers „Kindertotenliedern” (1901–1904) begleitet, die auf Gedichten Friedrich Rückerts über den Verlust eines Kindes beruhen. Die Lieder enden nicht in Verzweiflung, sondern in einem Bild der Ruhe: Die Kinder kehren heim und schlafen, als sei der Verlust aufgehoben. Das Ritual der Performance greift diese Bewegung auf und kehrt sie zugleich um. Die Trauer löst sich in gemeinsamem Lachen auf, das schließlich zu einem Tableau erstarrt, in dem Trauer und Lebendigkeit miteinander verschmelzen.
Die Besucher*innen sind eingeladen, die Darsteller*innen und ihre Handlungen mit erselben Aufmerksamkeit zu betrachten wie die Werke der Alten Meister. Die erformance lenkt den Blick auf Körper, in denen die Spuren der Zeit sichtbar werden. Ersan Mondtag und Nadim Samman legen nahe, Falten, Narben, Erschöpfung und Verletzlichkeit als Zeugnisse gelebten Lebens zu lesen.
Parallel zeigt die Galerie DITTRICH & SCHLECHTRIEM Ersan Mondtags Einzelausstellung „Dispair”, eine Wortschöpfung aus „despair” und „disappear”, die zentrale Fragen aus „Alternde Meister” aufgreift und in Skulptur und Installation weiterführt. Die eigens entwickelte Werkgruppe umfasst großformatige Skulpturen aus karbonisiertem Holz sowie Reliefs aus Holz und Silikon und versteht Erinnerung als etwas, das sich materiell in Körper und Objekte einschreibt. In beiden Projekten verhandelt Mondtag Vergänglichkeit, Begehren und kollektives Gedächtnis und begreift Material als Träger von Zeit, Veränderung und gelebter Erfahrung.

Ersan Mondtag
Ersan Mondtag (*1987, West-Berlin) arbeitet an der Schnittstelle von bildender Kunst, Theater, Oper und Film. Seine Praxis erbindet Skulptur, Installation, Performance und Raum zu einer gemeinsamen Bildsprache. Im Zentrum steht der Körper als Träger von Erinnerung. Biografien schreiben sich in Materialien ebenso ein wie in Gesten, Haltungen und architektonische Räume. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen persönlicher Geschichte und kollektivem Gedächtnis und untersuchen, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse in Körpern, Dingen und Landschaften sedimentieren.
Internationale Aufmerksamkeit erhielt Mondtag mit seinem Beitrag zum Deutschen Pavillon der 60. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia 2024. In „Monumente eines unbekannten Menschen“ entwickelte er einen begehbaren Erinnerungsraum, in dem Installation, Film und Performance die Geschichte der Arbeitsmigration anhand seiner eigenen Familiengeschichte miteinander verschränken. Die Arbeit markiert zugleich einen Ausgangspunkt von Mondtags aktueller künstlerischer Auseinandersetzung mit Material, Erinnerung und dem Körper als historischem Archiv.
Parallel arbeitet Mondtag international als Regisseur sowie Bühnen- und Kostümbildner für Theater und Oper. Seine Inszenierungen entstanden unter anderem am Berliner Ensemble, den Münchner Kammerspielen, dem Maxim Gorki Theater Berlin, der Deutschen Oper Berlin, der Bayerische Staatsoper, den Salzburger Festspielen, der Wiener Staatsoper, dem Residenztheater München sowie an zahlreichen weiteren internationalen Institutionen.
Nadim Samman
Nadim Samman (* 1983, Leicester, Großbritannien) wuchs in Hongkong auf und studierte Philosophie am University College London, bevor er am Courtauld Institute of Art promovierte. Er kuratierte Biennalen in Marrakesch, Moskau und der Antarktis sowie Festivals in Reykjavík, Dallas und、 Wien. Neben umfangreichen eigenständigen Projekten weltweit war er als Kurator unter anderem für die Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (Wien) und das KW Institute for Contemporary Art (Berlin) tätig und arbeitet derzeit für die Langen Foundation (Neuss). Im Jahr 2019 wurde er mit dem ersten Preis des International Award for Art Criticism ausgezeichnet. Er ist Autor des Buches „Poetics of Encryption: Art and the Technocene“ (Hatje Cantz, 2023), das auf Italienisch unter dem Titel „Criptopoetica“ (Luiss University Press, Rom) und auf Tschechisch als „Poetica Kódování“ (Galerie Rudolfinum) neu erschienen ist.
Performer*innen
- Amal Keller, Schauspielerin
- Paul Herwig, Schauspieler
- Jannik Mühlenweg, Schauspieler
- Semra Uysallar, Schauspielerin
- Sema Poyraz, Schauspielerin und Filmregisseurin
- Peter Luppa, Schauspieler
- Frank Büttner, Schauspieler
- Eva-Maria Keller, Schauspielerin
- Anton Ruslanovic, Tänzer
- Ashley Alexandra Wright, Tänzerin
- Candice Breitz, Künstlerin
- Helga Wretman, Stuntfrau und Schauspielerin
- Pierre Emö, Schauspieler
- Frank Küster, Türsteher und ehemaliger Clubbesitzer
- Westbam, DJ
- FRZNTE, Poledancerin
- Louis Hofmann, Schauspieler
- Udo Kittelmann, Kurator und ehemaliger Direktor der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin
- Neda Pourbakhshayeshi, Performerin und Rapperin
- Bärbel Warneke, Schauspielerin
- Günther Weidmann, Rentner und Partner von Birgit
- Birgit Heinecke, Rentnerin und Partnerin von Günther
WANN?
Premiere: Freitag, 11. September 2026, 19.00 Uhr / 20.30 Uhr
Aufführungen: Samstag und Sonntag, 12. und 13. September 2026, 10.30 Uhr / 13.00 Uhr / 15.30 Uhr
WO?
Gemäldegalerie
Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz / Matthäikirchplatz
10785 Berlin







