DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam zeigt ab dem 5. September 2026 eine umfassende Retrospektive, die sich dem künstlerischen Schaffen von Annemirl Bauer (geb. 1939 in Jena, gest. 1989 in Ost-Berlin) widmet. Mit Annemirl Bauer wird eine kritische und unabhängige Stimme aus der DDR und eine Künstlerin präsentiert, der die kunsthistorische Wahrnehmung lange verwehrt blieb.
Abb. oben: Annemirl Bauer, o. T., o. J., Öl auf Holz (Schublade), 38,5 × 40,5 cm. Annemirl Bauer Archiv © VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Jens Ziehe.
Aus über drei Jahrzehnten ihres künstlerischen Schaffens – von Ende der 1950er-Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1989 – werden rund 150 Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Objekte dieses außergewöhnlichen Werks gezeigt. In vier Kapiteln beleuchtet die thematisch angelegte Retrospektive Annemirl Bauers Arbeiten, die sich mit Rollenbildern und Geschlechterverhältnissen innerhalb patriarchaler Machtstrukturen, Selbstermächtigung, Menschenrechten, Umweltzerstörung und staatlicher Unterdrückung auseinandersetzen.
Die Titel der Ausstellungskapitel sind angelehnt an Worte aus Werken und Schriftstücken der Künstlerin selbst. Wie in Tagebuchaufzeichnungen hielt sie in ihren zahlreichen Werken sowohl Privates als auch Politisches fest. Sie dokumentierte unablässig, was sie sah und was sie beschäftigte. Dabei sind die Werke von Annemirl Bauer Zeugnisse ihres Selbstverständnisses als Malerin und kompromisslose Beobachterin, die sich fortwährend für soziale Gerechtigkeit einsetzte und gegen die Repressionen der SED-Politik aufbegehrte.
Eine große institutionelle Präsentation blieb Annemirl Bauer zu Lebzeiten verwehrt. Es ist das Verdienst ihrer Tochter Amrei Bauer, Nachlassverwalterin sowie Gründerin und Kuratorin des Annemirl Bauer Hauses in Brandenburg, dass das Werk in weiten Teilen erhalten und in einem zusammenhängenden Konvolut bewahrt wurde. Mit dieser Ausstellung können eine Vielzahl von Werken einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, nicht zuletzt durch die umfangreichen Forschungs- und Restaurierungsarbeiten, die durch DAS MINSK durchgeführt wurden.
Die Kuratorin der Ausstellung, Marie Gerbaulet, fasst die Prägnanz und Aktualität des Werks von Annemirl Bauer folgendermaßen zusammen:
»Das Leben durch den Filter von Annemirl Bauers Bildwelten zu betrachten, fordert heraus, bewegt und kann bisweilen schmerzen. Denn ihre Werke sind ehrlich, komplex, authentisch, unbequem und bis heute hochaktuell. Ihr Mut, politische Entscheidungen öffentlich zu hinterfragen, zog staatliche Repression nach sich, weshalb ihr künstlerisches Werk lange Zeit kaum öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr.
Dabei schuf Annemirl Bauer durch ihre Unerschrockenheit und ihre malerische Kraft ein eigenständiges und unabhängiges künstlerisches Werk, das ihr die Möglichkeit gab, in all der Gegensätzlichkeit und Zerrissenheit, die sie umgab, selbstbestimmt zu leben und informiert und widerständig zu agieren. Die Wahrnehmung und Spiegelung der großen Brüche und Herausforderungen ihrer Zeit im Alltäglichen und Zwischenmenschlichen korrespondiert mit unserem Erleben der Gegenwart.«
ZWISCHENMENSCHLICHE LANDSCHAFTEN

Das erste Kapitel der Ausstellung widmet sich einem der Hauptthemen von Annemirl Bauers künstlerischem Schaffen: der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Dies spiegelt sich besonders in ihren Porträts und ihren Mutter-Kind-Motiven sowie in den Bildnissen ihrer Beziehungen zu anderen und zu sich selbst. Darüber hinaus wird Bauers Identität als Frau und Mutter, Mutterschaft und ihre Selbstfindung in diesen Rollen thematisiert. Ihre Werke drücken existenzielle Gefühle wie Verlust, tiefe Verbundenheit, Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Nähe, Abgrenzung und Abnabelung aus.
FRAUEN, WENN WIR HEUTE NICHTS TUN, LEBEN WIR MORGEN WIE VORGESTERN

Das zweite Kapitel stellt das Frausein ins Zentrum und rahmt die Frage nach ihrer Geschichte ein. Zu sehen sind Werke, die feministische Gegenentwürfe zur Vorherrschaft einer männlich dominierten Historiografie und Kunstgeschichte liefern. Im Fokus stehen ihre eigenen sowie die Erfahrungen anderer Frauen, um einen Gegenentwurf zum etablierten, männlich geprägten historischen Narrativ hin zu einer Bildgeschichte fern des Male Gaze zu entwickeln. Diese Werke sind visuelle Kommentare zu Gewaltfantasien von überwiegend Männern sowie zu struktureller und staatlicher Gewalt an Frauen – gleichzeitig macht Bauer damit die andauernde Suche nach einer lebenswerten Identität innerhalb patriarchaler oder frauenverachtender Machtstrukturen sichtbar.
NICHT SCHWEIGEN WERDE ICH

Ab den 1980er-Jahren hält Annemirl Bauer in ihren Arbeiten die sichtbaren und unsichtbaren Machtstrukturen fest, die sich durch die Realpolitik der SED zunehmend auf ihr eigenes und die Leben der DDR-Bürger:innen auswirkte. Als sensible Beobachterin und gleichzeitig Leidtragende politischer Repressionen durch das Ministerium für Staatsicherheit (MfS oder Stasi) entwickelten sich die Werke Bauers zu einer Form des künstlerischen Widerstands. In zahlreichen Werken kritisiert sie mit Bild und Text das Scheitern der gesellschaftlichen Utopie des real existierenden Sozialismus, die Gefahr der Desinformationen und Entmündigung von Bürger:innen, die Umweltverschmutzung, den Bau der Mauer und das damit verbundene Gefühl des Eingesperrtseins und des Freiheitsentzugs sowie die spürbare Enge.
ICH WILL DEN ERDBALL SELBER ABTASTEN

Das vierte und letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich dem Thema »Reisen«, das Annemirl Bauer seit ihrer Kindheit faszinierte. Kurz vor ihrem frühen Tod fuhr sie 1987/88 ein letztes Mal – auf illegalem Weg mit einer Reisegenehmigung für West-Berlin – nach Spanien auf die Kanarischen Inseln. Dabei entstanden zahlreiche kleinformatige Zeichnungen. Daneben sind Reisecollagen der Künstlerin in der Ausstellung zu sehen. Das Reisen förderte Bauers politischen Scharfsinn und lies sie neue Bildthemen und -techniken entdecken, um das Gesehene und Erfahrene unmittelbar verarbeiten zu können.
Sie blieb dabei weiterhin eine kritische Beobachterin, die sich nicht auf die Darstellung beeindruckender Landschaften oder urbaner Räume beschränkte, sondern zugleich gesellschaftliche Missstände thematisierte: Motive wie die Anhäufung von Wohlstandsabfällen, die von Hochhausarchitekturen geprägten Stadtlandschaften sowie die prekäre Stellung von Frauen erscheinen dabei als visuelle Verdichtung ihrer Kritik an den sozialen und politischen Verhältnissen patriarchal geprägter Gesellschaften. Die meisten ihrer Reisewünsche blieben Bauer allerdings wegen der restriktiven Grenzpolitik der SED verwehrt.
DER AUSSTELLUNGSKATALOG
Begleitend zur Ausstellung erscheint im DISTANZ Verlag der Katalog Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt, der der Vielschichtigkeit des künstlerischen Kosmos von Annemirl Bauer nachspürt. Neben einer aktuellen kunsthistorischen Einordnung von Kerstin Schankweiler umfasst die Publikation auch einen literarischen Essay der Autorin Carolin Würfel zum Leben der Künstlerin. Ein Gespräch mit Amrei Bauer, der Nachlassverwalterin sowie Gründerin und Kuratorin des Annemirl Bauer Hauses in Brandenburg, und ein Essay von Doris Paschiller, der Autorin, Psychologin und engen Freundin der Künstlerin, nehmen verschiedene Perspektiven in Bezug auf die biografischen, malerischen, gesellschaftlichen und politischen Aspekte im Werk von Annemirl Bauer ein und beinhalten persönliche Erlebnisse und Erinnerungen an sie.
Die Ausstellung wird kuratiert von Marie Gerbaulet mit Luisa Bachmann als kuratorischer Assistentin. Sie entsteht in enger Zusammenarbeit mit Amrei Bauer, Nachlassverwalterin sowie Gründerin und Kuratorin des Annemirl Bauer Hauses in Brandenburg.
AUSSTELLUNG IM KABINETT DES MINSK
Die Ausstellung im Kabinettraum des MINSK zeichnet die Geschichte der Werkstatt von Wilfriede Maaß in Ost-Berlin nach. In den 1980er-Jahren war die in der Schönfließer Straße 21 gelegene Keramikwerkstatt, die nach der Wende auch zur Galerie wurde, ein wichtiger Freiraum für nichtkonforme Kunst in der DDR. Zu sehen sind von Wilfriede Maaß geformten und von verschiedenen Künstler:innen bemalten Services, Teller, Vasen und experimentelle Keramikskulpturen. Diese Objekte aus der Sammlung von Wilfriede Maaß treten in einen Dialog mit Gemälden der 1980er und 1990er-Jahren aus der Sammlung Hasso Plattner sowie mit Leihgaben von wichtigen Akteur:innen aus dem Umfeld der Werkstatt.
Die Ausstellung wird von Daniel Milnes kuratiert.
WANN?
Ausstellungsdaten: Samstag, 5. September 2026 – Sonntag, 7. Februar 2027
Öffnungszeiten: Mittwoch – Montag, 10–19 Uhr
WO?
DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam
Max-Planck-Straße 17
14473 Potsdam







