Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama ist tot. Sie starb bereits am 14. August 2026 im Alter von 97 Jahren in einem Krankenhaus in Tokio. Bekannt gegeben wurde ihr Tod am 27. August durch ihr Studio und das Yayoi Kusama Museum. Eine Todesursache wurde nicht genannt. Nach Angaben ihres Studios malte Kusama bis in ihre letzten Lebenstage.
Abb. oben: KUSAMA mit YELLOW TREE / Living Room an der Aichi Triennale, 2010, © YAYOI KUSAMA, Courtesy of Ota Fine Arts, Victoria Miro, David Zwirner.
Mit Yayoi Kusama verliert die Kunstwelt eine Künstlerin, deren Werk längst weit über Museen und Galerien hinausreichte. Punkte, Kürbisse und Spiegelräume machten sie weltweit erkennbar. Doch die enorme Popularität dieser Motive verdeckt leicht, wie radikal und vielschichtig ihr Werk über mehr als sieben Jahrzehnte war. Kusama arbeitete mit Malerei und Skulptur, schuf Installationen und Performances, drehte Filme und schrieb Romane und Gedichte. Sie bewegte sich zwischen Abstraktion und Pop Art, Minimalismus und feministischer Kunst, ohne sich dauerhaft einer dieser Strömungen unterzuordnen.
1929 in Matsumoto in der japanischen Präfektur Nagano geboren, begann Kusama bereits als Kind zu zeichnen und zu malen. Früh erlebte sie Halluzinationen, in denen sich Punkte, Netze und pflanzliche Formen über ihre Umgebung legten. Was zunächst bedrohlich war, übersetzte sie in Bilder. Wiederholung wurde zu einem zentralen Prinzip ihrer Kunst und später zu einer Vorstellung, die sie als „self-obliteration“, als Auflösung des Selbst, bezeichnete. Das einzelne Motiv verliert sich in der Masse, der Körper im Raum, das Ich in einer scheinbar grenzenlosen Umgebung.
1957 verließ Kusama Japan und ging zunächst nach Seattle, wenig später nach New York. Dort traf sie auf eine Kunstszene im Umbruch. Mit ihren großformatigen Infinity Nets, deren Oberflächen von unzähligen kleinen Bögen überzogen sind, fand sie früh Beachtung. In den 1960er Jahren folgten die Accumulations: Möbel und Alltagsgegenstände, die sie mit genähten, phallischen Stoffformen überzog. Gleichzeitig veranstaltete sie Happenings, Body Painting Aktionen und Protestveranstaltungen gegen den Vietnamkrieg. Kusama gehörte zur New Yorker Avantgarde und arbeitete zeitgleich mit Künstlern wie Donald Judd und Andy Warhol.
1965 entstand ihr erster Infinity Mirror Room. Spiegel, Licht und Wiederholung ließen einen Raum entstehen, dessen Grenzen sich der Wahrnehmung entziehen. Das Prinzip sollte Jahrzehnte später zu ihrem bekanntesten Ausstellungskonzept werden. In den Infinity Mirror Rooms sieht sich der Besucher selbst, zugleich verliert sich sein Spiegelbild in einer endlosen Folge von Reflexionen. Die Räume wurden zu Publikumsmagneten und machten Kusama im hohen Alter zu einer der bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwart.
1973 kehrte Kusama nach Japan zurück. Seit 1977 lebte sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio und arbeitete täglich in ihrem nahe gelegenen Atelier. Ihre psychischen Erkrankungen hat sie nie von ihrer Kunst getrennt. Das Malen beschrieb sie als existenziell und als Möglichkeit, mit Ängsten und wiederkehrenden Halluzinationen zu leben. Diese biografische Dimension erklärt manches in ihrem Werk, erschöpft es jedoch nicht. Kusamas Kunst handelt ebenso von Unendlichkeit, vom Verhältnis des Einzelnen zum Kosmos und von der Auflösung fester Grenzen.
Nach Jahren geringerer internationaler Aufmerksamkeit begann Ende der 1980er Jahre ihre Wiederentdeckung. 1993 vertrat sie Japan auf der Biennale von Venedig. Allerdings war sie schon 1966 in Venedig präsent, damals ohne offizielle Einladung mit ihrem Narcissus Garden. Es folgten große Retrospektiven und Ausstellungen in den wichtigsten Museen der Welt. 2017 eröffnete in Tokio ein eigenes Yayoi Kusama Museum. Ihre Zusammenarbeit mit Louis Vuitton und die enorme Verbreitung ihrer gepunkteten Kürbisse machten sie schließlich auch zu einer Figur der Populärkultur. Eine Künstlerin, die sich über Jahrzehnte mit der Auflösung des Selbst beschäftigt hatte, wurde selbst zu einer unverwechselbaren Marke.
Noch kurz vor ihrem Tod war Kusamas Werk in Europa so präsent wie selten zuvor. Vom 14. März bis 2. August 2026 zeigte das Museum Ludwig in Köln eine große Retrospektive mit mehr als 300 Arbeiten aus allen Werkphasen. Die Ausstellung, die zuvor in der Fondation Beyeler bei Basel zu sehen war, war zum Ende vollständig ausgebucht. Wegen der großen Nachfrage verlängerte das Museum am letzten Wochenende seine Öffnungszeiten sogar bis zwei Uhr nachts. Im September wird die Retrospektive im Stedelijk Museum Amsterdam ihre nächste Station haben.
Yayoi Kusama hat erlebt, wie aus einer sehr persönlichen Bildsprache eine universell verständliche wurde. Ihre Punkte können heiter und dekorativ wirken. Dahinter steht jedoch eine lebenslange Auseinandersetzung mit Wahrnehmung, Angst und Unendlichkeit. Kusama machte aus einer Erfahrung, die sie isolierte, eine Kunst, in die Millionen Menschen eintreten konnten.
Bis zuletzt arbeitete sie weiter. Der Satz ihres Studios, sie habe den Pinsel bis in ihre letzten Tage nicht aus der Hand gelegt, wirkt deshalb wie die konsequente letzte Zeile einer außergewöhnlichen Künstlerbiografie.







