30 Jahre Galerie Hinrich Kröger-John + Eröffnung des Joachim John Archivs und Privatmuseums (Berlin) | 12.09.2026

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Am 12. September 2026 eröffnet in Berlin-Schöneberg das Joachim John Archiv und Privatmuseum mit einer Ausstellung, die einen weitreichenden Einblick in das Werk eines der eigenwilligsten deutschen Zeichner und Grafiker des 20. Jahrhunderts gibt. Initiiert und geführt wird das Museum von Johns Sohn, dem Berliner Künstler und Keramiker Hinrich Kröger-John, in dessen Räumen sich bereits das Archiv seines Vaters befindet. Präsentiert werden Arbeiten aus den Jahren 1961 bis 2018, darunter großformatige Bleistiftzeichnungen, Druckgrafiken, Gouachen und Aquarelle. Im Mittelpunkt stehen insbesondere Johns intensive Auseinandersetzungen mit historischen und politischen Ereignissen, darunter die Französische Revolution und die deutsche Wiedervereinigung, sowie Arbeiten, die aus seiner langjährigen Beschäftigung mit Literatur und Theater hervorgegangen sind. Die Eröffnung findet am 12. September ab 17:30 Uhr in der Eisenacher Straße 114 in Berlin statt. Die Eröffnung fällt zugleich mit dem 30-jährigen Jubiläum der Galerie & Werkstatt Hinrich Kröger-John zusammen.

Abb. oben: Bleistiftzeichnung von Joachim John „Was alles noch kommt“ 1988

Das neue Archiv bewahrt einen bedeutenden Teil von Joachim Johns zeichnerischem Nachlass. Ergänzt wird dieser Bestand durch einen umfangreichen literarischen Nachlass mit Manuskripten, Reden, Tagebüchern, Notizen und Fotografien, der parallel zum entsprechenden Bestand im Archiv der Akademie der Künste erhalten wird. Hinter dem Joachim John Archiv und Museum steht sein Sohn Hinrich Kröger-John, selbst Künstler und Keramiker. Die Eröffnung am 12. September 2026 fällt mit einem zweiten Anlass zusammen: Seit 30 Jahren betreibt Hinrich Kröger-John seine Galerie und Werkstatt in Berlin. Damit verbindet sich die Erschließung des väterlichen Œuvres mit der Geschichte eines Ortes, an dem der Sohn seit drei Jahrzehnten seine eigene künstlerische Arbeit entwickelt und präsentiert.

Ein Künstler zwischen Zeichnung, Literatur und Geschichte

Joachim John wurde am 20. Januar 1933 in Tetschen, dem heutigen Děčín in Tschechien, geboren. Nach einer bewegten Jugend und verschiedenen beruflichen Stationen studierte er von 1955 bis 1959 Kunsterziehung in Greifswald. 1963 wechselte er als Meisterschüler zu Hans Theo Richter an die Akademie der Künste der DDR, bevor er ab 1966 als freischaffender Künstler arbeitete. 1986 wurde John Mitglied der Akademie der Künste der DDR; nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm er von 1991 bis 1993 das Amt des Sekretärs der Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste zu Berlin und war am Vereinigungsprozess der beiden Akademien beteiligt.

Bereits früh wurde seine Arbeit öffentlich wahrgenommen. 1961 nahm John auf Einladung des Bildhauers Fritz Cremer an der Ausstellung „Junge Künstler – Malerei“ an der Akademie der Künste teil. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte er ein umfangreiches Werk, das sich nicht auf ein einzelnes Medium oder Motiv festlegen lässt. Neben Zeichnungen und Druckgrafiken entstanden Gemälde, Gouachen und Arbeiten für Bücher und literarische Publikationen. Einen wichtigen Platz nahmen dabei immer wieder Menschen, Landschaften, historische Ereignisse und gesellschaftliche Fragen ein.

Die Kunstsammlung der Akademie der Künste beschreibt Johns Arbeiten als zugleich sinnlich und kritisch. Besonders hervorgehoben wird seine Auseinandersetzung mit Literatur, Theater, Geschichte und grundlegenden gesellschaftlichen Fragestellungen. Seine Zeichnungen zu Shakespeare, Niccolò Machiavelli, der Französischen Revolution und der deutschen Einheit zeigen, wie eng bei John Bild und Text, historische Überlieferung und zeitgenössische Reflexion miteinander verbunden sind.

Geschichte als Gegenwart

Ein wesentlicher Bestandteil von Johns Werk ist die Beschäftigung mit historischen Ereignissen. Dabei ging es ihm nicht lediglich um deren illustrative Darstellung. Geschichte wurde vielmehr zu einem Instrument, um politische und gesellschaftliche Mechanismen sichtbar zu machen und ihre Bedeutung für die Gegenwart zu hinterfragen.

Besonders bekannt sind seine Arbeiten zur Französischen Revolution, einem Thema, mit dem er sich über einen längeren Zeitraum beschäftigte. Eine Ausstellung im Staatlichen Museum Schloss Burgk von 1989 widmete sich bereits unter dem Titel Joachim John sieht die Französische Revolution seinen Zeichnungen und Radierungen zu diesem historischen Umbruch. Auch die Akademie der Künste nennt die Französische Revolution als einen der zentralen Themenkomplexe innerhalb seines zeichnerischen Œuvres.

Ebenso intensiv beschäftigte sich John mit politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Arbeiten zur deutschen Einheit gehört die bekannte Darstellung der Figur „Hanns Guck-in-die-Luft“, die John nach dem Fall der Berliner Mauer verwendete. Die Figur aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter wurde dabei zu einem ironischen und zugleich kritischen Kommentar auf die gesellschaftlichen Veränderungen nach 1989. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden führen eine aquarellierte Kaltnadelradierung Hanns Guck-in-die-Luft, datiert auf 1990, in ihrer Sammlung.

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Joachim John „Der Gang der Geschichte“ Zeichenfeder,aquarelliert, um 19 89/90

Literatur als Ausgangspunkt für Bilder

Johns Nähe zur Literatur ist ein weiterer Schlüssel zum Verständnis seiner Arbeit. Die Akademie der Künste verweist ausdrücklich auf seine Beschäftigung mit Shakespeare, Machiavelli und anderen literarischen Stoffen. Dabei entstanden eigenständige Bildwelten, in denen Text und Zeichnung miteinander in einen offenen Dialog treten.

Besonders deutlich wird dies in seinen Arbeiten zu Niccolò Machiavellis Komödie Mandragola. John schuf hierfür eine Reihe von Zeichnungen und Radierungen, die 1996 in einer bibliophilen Ausgabe veröffentlicht wurden. Auch seine Auseinandersetzung mit Georg Büchners Woyzeck führte zu eigenständigen grafischen Arbeiten. 2004 erschien Volker Brauns Der berüchtigte Christian Sporn. Ein anderer Woyzeck mit fünf Radierungen und sechs Zeichnungen von Joachim John.

Diese Verbindung von Literatur und Bildkunst war charakteristisch für Johns Arbeitsweise. Seine Linie konnte sich unmittelbar auf eine Figur, eine Szene oder einen literarischen Gedanken beziehen, ohne die Erzählung lediglich nachzubilden. Gerade dadurch erhielten seine grafischen Arbeiten eine eigenständige, manchmal fragmentarische und immer wieder überraschend zeitgenössische Qualität.

Der Strich als eigenständige Sprache

Innerhalb seines umfangreichen Œuvres kommt der Zeichnung eine besondere Bedeutung zu. John entwickelte eine dichte, bewegte Linienführung, die zwischen präziser Beobachtung und spontaner Setzung oszilliert. In Beschreibungen seiner Arbeit wird insbesondere die filigrane, teilweise beinahe aufgerissene Strichführung hervorgehoben, die mit bewusst freigelassenen Flächen kontrastiert.

Menschen und Porträts gehörten ebenso zu seinen wiederkehrenden Motiven wie Landschaften. In der 2018 in der Galerie Parterre Berlin gezeigten Ausstellung anlässlich des XI. Egmont-Schaefer-Preises für Zeichnung wurden rund 70 Arbeiten aus den 1960er Jahren bis in Johns Spätwerk präsentiert. Die Jury würdigte dabei ausdrücklich seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen, Literatur, Theater, Alltag, Menschen und Landschaft.

Den Egmont-Schaefer-Preis erhielt John für sein Lebenswerk nur wenige Monate vor seinem Tod. Er starb am 26. März 2018 in Neu Frauenmark in Mecklenburg-Vorpommern. Zu diesem Zeitpunkt hatte er längst einen festen Platz innerhalb der deutschen Kunstgeschichte eingenommen, ohne sich jedoch vollständig in die ästhetischen oder institutionellen Kategorien seiner jeweiligen Zeit einordnen zu lassen.

Von Berlin nach Mecklenburg

Eine wichtige Zäsur in Johns Biografie war sein Wegzug aus Berlin. 1977 ließ er sich in Frauenmark bei Schwerin nieder, wo er bis zu seinem Tod arbeitete. Von Mecklenburg aus entwickelte John seine künstlerische Arbeit weiter und blieb in engem Austausch mit Literaten, Künstlern und kulturellen Institutionen. Die Entscheidung für das Leben in der ländlichen Abgeschiedenheit bedeutete somit keinen Rückzug aus gesellschaftlichen oder politischen Fragen. Sie ermöglichte ihm jedoch eine künstlerische Weiterentwicklung fern von Trends oder anderen Einflüssen.

Seine Unabhängigkeit gegenüber gängigen Kunstströmungen wurde später zu einem wesentlichen Merkmal seiner Rezeption. Die Galerie Parterre beschrieb seine Zeichnungen als widerständig gegenüber einer kurzfristigen „Zeitgeistigkeit“ und zugleich als Werke, die gerade durch ihre Eigenständigkeit dauerhaft aktuell erscheinen.

Ein Werk zwischen DDR-Erfahrung und europäischer Perspektive

Johns künstlerische Biografie ist eng mit der Geschichte der DDR verbunden, lässt sich jedoch nicht ausschließlich aus dieser Perspektive betrachten. Seine Arbeiten greifen auf europäische Literatur- und Bildtraditionen zurück und setzen sich mit historischen Ereignissen auseinander, die weit über den deutschen Kontext hinausreichen. Zu seinen bedeutenden grafischen Zyklen gehören beispielsweise Arbeiten zu Thomas Müntzer und „América Latina“. In zeitgenössischen Auseinandersetzungen mit seinem Werk wurde gerade diese Verbindung von historischer Recherche, politischer Reflexion und zeichnerischer Präzision hervorgehoben.

Auch institutionell wurde diese Bedeutung anerkannt. John erhielt 1985 den Käthe-Kollwitz-Preis, eine der bedeutenden Auszeichnungen der Akademie der Künste für bildende Künstlerinnen und Künstler. 1986 wurde er Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Später erhielt er unter anderem den Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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Joachim John

Hinrich Kröger-John: 30 Jahre Galerie, Werkstatt und eigene künstlerische Position

Die Eröffnung des Joachim John Archivs fällt mit einem Jubiläum zusammen, das dem Ort eine zweite Geschichte gibt. Seit 1996 betreibt Hinrich Kröger-John seine eigene Galerie und Werkstatt in Berlin. Nach 25 Jahren in Berlin-Mitte zog er mit beidem nach Schöneberg. In der Eisenacher Straße 114 entstanden größere Werkstatträume sowie zusätzliche Flächen für Ausstellungen, Begegnungen und Veranstaltungen.

Hinrich Kröger-John ist selbst Künstler und Keramiker. Von 1982 bis 1984 absolvierte er eine Töpferlehre, anschließend arbeitete er in verschiedenen Berliner Keramikwerkstätten. Von 1989 bis 1995 studierte er Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Seine Arbeit verbindet damit zwei Bereiche, die sich bis heute durch sein Werk ziehen: die unmittelbare Kenntnis des keramischen Handwerks und eine bildnerische Auffassung von Oberfläche, Figur und Gefäß.

Seine künstlerischen Wurzeln reichen jedoch weiter zurück. Kröger-John wuchs in einem Künstlerhaushalt in Ost-Berlin auf. Sein Vater war der Zeichner, Maler und Schriftsteller Joachim John, Künstlerfreunde der Eltern gehörten zum unmittelbaren Umfeld. Kunst, so beschrieb Hinrich Kröger-John diese Erfahrung später selbst, sei für ihn von Kindheit an einfach anwesend gewesen.

Aus dieser Prägung entwickelte er eine deutlich eigene Position. Terrakotta und unterschiedliche Porzellane bilden wesentliche Materialien seiner Arbeit. Es entstehen Gefäße, Figuren und Skulpturen, deren Oberflächen zu Bildräumen werden. Malerei, Zeichnung und plastische Form greifen ineinander. Kröger-John selbst betont dabei die Bedeutung des Handwerks, der Konzentration und der Geduld im Entstehungsprozess.

Die internationale Wahrnehmung seiner Arbeit reicht inzwischen weit über Berlin hinaus. Seine Werke befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen; zu seinen jüngeren Kooperationen gehört ein Projekt mit Jean Paul Gaultier. 2026 wurde ihm zudem der Tapio Wirkkala Rut Bryk Design Award zugesprochen. Das 30-jährige Jubiläum seiner Galerie markiert damit drei Jahrzehnte kontinuierlicher eigener künstlerischer Arbeit.

Zwei Künstlergenerationen an einem Ort

Mit der Eröffnung des Joachim John Archiv und Museum erhält dieses Jubiläum eine besondere Erweiterung. Hinrich Kröger-John richtet in den Räumen seiner Galerie und in den darüberliegenden privaten Räumen einen dauerhaften Ort für das Werk seines Vaters ein. Archiv, Museum, Galerie und Werkstatt kommen damit unter einem Dach zusammen.

Die Verbindung zwischen beiden Künstlern erschöpft sich dabei nicht in der familiären Beziehung. Sie erzählt auch von unterschiedlichen Wegen innerhalb der Bildenden Kunst. Joachim John entwickelte sein Werk wesentlich aus Zeichnung und Grafik sowie aus der Auseinandersetzung mit Geschichte und Literatur. Hinrich Kröger-John fand seine eigene Sprache vor allem in Keramik und Porzellan, in plastischer Form und bemalter Oberfläche. Der gemeinsame Ort macht diese unterschiedlichen künstlerischen Biografien sichtbar, ohne sie gleichzusetzen.

Für Hinrich Kröger-John kommt mit dem Archiv eine weitere Aufgabe hinzu. Neben seiner eigenen Arbeit als Künstler und Galerist bewahrt und vermittelt er das Œuvre seines Vaters und öffnet es für ein Publikum. Dass dies zum 30-jährigen Bestehen seiner eigenen Galerie geschieht, verleiht dem Jubiläum eine besondere Perspektive: Ein über Jahrzehnte entwickelter eigener Kunstort wird zugleich zum Ort für das künstlerische Erbe der vorhergehenden Generation.

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Bleistiftzeichnung „Die Invasion“ von Joachim John, 1987

Das Joachim John Archiv und Museum in Berlin

Die Eröffnung bietet nun die Möglichkeit, unterschiedliche Facetten von Joachim Johns Schaffen an einem Ort zusammenzuführen. Die Ausstellung umfasst Arbeiten aus fast sechs Jahrzehnten und verbindet frühe Werke aus den 1960er Jahren mit Arbeiten aus seiner späteren Schaffensphase. Neben Zeichnungen zur Französischen Revolution und zum Fall der Berliner Mauer werden Arbeiten zu América Latina, Franz Kafka und Woyzeck sowie Gouachen und Pastelle präsentiert. Zur Berlin Art Week werden darüber hinaus erstmals Porzellane und Keramiken von Joachim John gemeinsam mit neuen Arbeiten von Hinrich Kröger-John gezeigt.

Das Archiv steht dabei nicht allein. Die Akademie der Künste in Berlin verfügt selbst über einen bedeutenden Bestand von Johns Zeichnungen und Grafiken und veröffentlichte bereits 2011 die Publikation Joachim John. Der Zeichner, die einen Überblick über sein Schaffen von den frühen 1960er Jahren bis in die damalige Gegenwart gibt.

Mit dem neuen Archiv und Museum kommt nun eine private, unmittelbar mit der Familie verbundene Perspektive hinzu. 30 Jahre nach Gründung seiner Galerie schafft Hinrich Kröger-John an seinem eigenen künstlerischen Ort Raum für das Werk seines Vaters. Damit wird ein Œuvre zugänglich, dessen Themen – Revolution, gesellschaftlicher Wandel, politische Macht, Literatur, Erinnerung und die Beziehung zwischen Individuum und Geschichte – weiterhin eine unmittelbare Aktualität besitzen.

WANN?

Eröffnung: Samstag, 12. September 2026, 17:00 bis 21:00 Uhr

WO?

Galerie Hinrich Kröger-John
Joachim John Archiv und Privatmuseum
Eisenacher Straße 114
10777 Berlin

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