Berlin Art Week 2026: Mischa Kuball – boiler house – Kesselhaus des KINDL Zentrum für zeitgenössische Kunst (Berlin) | 12.09.2026-30.05.2027

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Im Rahmen der Berlin Art Week 2026 eröffnet das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst am 12. September 2026 die ortsspezifische Installation boiler house des Düsseldorfer Konzeptkünstlers Mischa Kuball. Für das 20 Meter hohe Kesselhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei entwickelt Kuball ein System rotierender Spiegel, das den Raum durch Licht und Reflexion in Bewegung versetzt. Die Intervention greift die industrielle Geschichte der Architektur auf und führt sie in die Gegenwart. Je nach Geschwindigkeit der Rotation scheint sich der Raum zu dehnen oder in flüchtige Fragmente zu zerfallen. Durch die hohen Fensterbänder dringen die Reflexionen bis in den Außenraum und machen das Kesselhaus zur weithin sichtbaren Lichtfigur. Kuratiert von Kathrin Becker, ist boiler house vom 13. September 2026 bis zum 30. Mai 2027 im KINDL in Berlin-Neukölln zu sehen.

Abb. oben: Archiv Studio Mischa Kuball, 2026

Ein leerer Raum ist selten wirklich leer. Schon gar nicht, wenn er 20 Meter hoch ist, einmal Teil einer Brauerei war und seine industrielle Vergangenheit bis heute in den Wänden trägt. Im Kesselhaus des KINDL setzt Mischa Kuball diese besondere Architektur nun selbst in Bewegung. Für boiler house installiert der Düsseldorfer Konzeptkünstler ein System rotierender Spiegel. Sie werfen Licht durch den Raum, langsam und dann wieder schneller. Lassen seine Dimensionen für Augenblicke wachsen und im nächsten Moment in Reflexionen zerfallen. Kuball verknüpft dabei Gegenwart und Geschichte des Ausstellungsortes und setzt ein Medium ein, das sein Werk seit Jahrzehnten prägt: Licht.

Die ortsspezifische Arbeit entsteht für das KINDL, Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin Neukölln, und wird im Rahmen der Berlin Art Week 2026 eröffnet. Kuratiert von Kathrin Becker, ist boiler house vom 13. September 2026 bis zum 30. Mai 2027 zu sehen. Die Eröffnung findet am Samstag, 12. September, von 18 bis 22 Uhr statt.

Ein Kesselhaus ohne Kessel

Das Kesselhaus ist der älteste Gebäudeteil des ehemaligen Brauereiareals und zugleich sein spektakulärster Ausstellungsraum. Seine industrielle Funktion ist verschwunden. Kessel und Maschinen erklären nicht mehr, was hier einmal geschah. Geblieben ist das gewaltige Volumen des Raumes.

Archiv Studio Mischa Kuball, 2026

Genau hier setzt Kuballs ortsspezifische Intervention an. Seine Spiegel bilden eine neue optische Maschinerie. Sie nimmt den architekturgeschichtlichen Kontext des Kesselhauses auf und interpretiert ihn aus der Gegenwart. Dabei entsteht nicht etwa eine simple Rekonstruktion der früheren Nutzung. Vielmehr geht es darum, dass Bewegung und Reflexion die Wahrnehmung dessen, was längst vorhanden ist, verändern.

Die Spiegel rotieren mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Langsame Rotation dehnt den Raum, schnelle zerlegt ihn in flüchtige Splitter. Die Architektur bleibt unverändert und scheint doch ihre Stabilität zu verlieren. Ausschließlich durch die Bewegung der Reflexionen wird die Leere erfahrbar. Sie erscheint nicht mehr als statischer Zustand, sondern als ein dynamischer Vorgang.

Das Auge sucht Halt. Was es findet, ist Bewegung.

Eine Reflexionsarchitektur entsteht

Doch das Licht bleibt nicht nur im Inneren. Durch die Fensterbänder des Kesselhauses gelangen die Reflexionen nach draußen und erweitern die Installation in den Außenraum des KINDL. Was innen als fragile Reflexionsarchitektur erscheint, wird außen zur öffentlichen Lichtfigur. Die Fassade transformiert von der festen Grenze zur Membran zwischen der Kunstinstitution und der Nachbarschaft.

Dieser Übergang ist für Kuballs Arbeit wesentlich. Seine Interventionen reichen häufig über die architektonischen Grenzen eines Ausstellungsortes hinaus. Licht folgt ohnehin seiner eigenen Logik. Es fällt durch Fenster und wandert über Oberflächen. Im Kesselhaus wird diese Eigenschaft zum Teil der Arbeit. Die Geschichte des Ortes bleibt dabei präsent, ohne illustriert zu werden. Wo früher Energie für die Produktion erzeugt wurde, entstehen heute Reflexionen und Bilder.

Archiv Studio Mischa Kuball, 2026

Kuball interessiert sich seit Langem dafür, was in Architektur gespeichert ist. Gebäude sind bei ihm so viel mehr als Hüllen für Kunst. Ihre ursprüngliche Nutzung und ihre gesellschaftliche Funktion werden Teil der Arbeit. Im KINDL trifft dieses Interesse auf einen Raum, dessen frühere Bestimmung unmittelbar vorstellbar und zugleich vollständig abwesend ist.

boiler house macht aus dieser Leere einen Vorgang. Je nachdem, wo man steht und wie schnell die Spiegel rotieren, verändert sich der Raum. Auch die Besucherinnen und Besucher geraten in die Reflexionen. Sie betrachten die Installation und werden zugleich Teil ihres Bildes. Die Leere gerät in Bewegung.

Licht als Werkzeug

Mischa Kuball, 1959 in Düsseldorf geboren, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Seit 1977 arbeitet er im öffentlichen und institutionellen Raum. Licht ist sein bekanntestes Medium, doch die verbreitete Einordnung als Lichtkünstler greift zu kurz. Kuball nutzt es, um architektonische Räume sowie soziale und politische Diskurse zu erforschen. Seine Interventionen reflektieren soziokulturelle Strukturen und greifen architekturgeschichtliche Zusammenhänge auf. Auf diese Weise verändert sich die Lesbarkeit eines Ortes. Diese Haltung lässt sich durch mehrere Jahrzehnte seines Werks verfolgen.

Bei refraction house machte Kuball 1994 die ehemalige Synagoge in Stommeln durch eine Lichtintervention weithin sichtbar. 1998 folgte für die 24. Biennale von São Paulo private light / public light, eines seiner Schlüsselprojekte. Kuball tauschte Lampen aus privaten Haushalten gegen standardisierte Leuchten aus und brachte die eingesammelten individuellen Lichtquellen in den öffentlichen Kontext der Biennale. Der Titel beschreibt bereits die Bewegung: Privates wird öffentlich – Vertrautes wechselt seinen Zusammenhang.

Für New Pott im Rahmen von RUHR.2010 besuchte Kuball hundert Haushalte von Menschen unterschiedlicher Herkunft im Ruhrgebiet. Erneut wurde die Grenze zwischen privatem Lebensraum und Öffentlichkeit zum Arbeitsfeld. Licht bedeutete hier auch Sichtbarkeit. Wer wird gesehen? Wer gehört zu einer Stadt und wer erzählt ihre Geschichte? Das Projekt wurde 2010 in den Kunstsammlungen der Ruhr Universität Bochum gezeigt.

Berlin und die Erfahrung der Leere

Für Berlin besitzt boiler house einen interessanten Vorläufer. Von 2017 bis 2019 zeigte das Jüdische Museum Berlin Kuballs groß angelegte Installation res·o·nant, die er für zwei der sogenannten Voids in Daniel Libeskinds Museumsbau entwickelte.

Licht- und Klanginstallation „res.o.nant“ von Mischa Kuball im Jüdischen Museum Berlin 2017 bis 2019 Foto: Alexander Basile, Cologne

Diese 24 Meter hohen Leerstellen sind selbst Bedeutungsträger. Kuball reagierte darauf mit rotierenden Projektoren und Spiegeln. Hinzu kam Klang. Die Grundrisse der Voids erschienen als bewegte Projektionen auf den Wänden und Decken. Architektur wurde über Bewegung erfahrbar. Im Laufe des Projekts beteiligten sich mehr als 120 Musikerinnen, Musiker und Sound Artists mit kurzen Kompositionen.

Die Verbindung zu boiler house liegt nahe, obwohl beide Arbeiten aus sehr unterschiedlichen Kontexten hervorgehen. Wieder trifft Kuball auf einen Raum, dessen Leere Bedeutung trägt. Erneut arbeitet er mit Rotation und Reflexion. Die Architektur verändert sich in der Wahrnehmung, während ihre Substanz unangetastet bleibt.

Archiv Studio Mischa Kuball, 2026

Im Jüdischen Museum sind die Voids konstitutiver Bestandteil einer Architektur des Erinnerns. Im KINDL entstand die Leere durch den Verlust der industriellen Funktion. Beide Räume tragen ihre Geschichte in der Abwesenheit dessen, was einmal da war. Kuball füllt diese Leere nicht. Ihm gelingt es vielmehr, sie zu aktivieren.

Vom Innenraum in die Stadt

boiler house reicht über den Innenraum hinaus. Das Licht verlässt das Kesselhaus. Wenn die Reflexionen durch die Fenster nach Neukölln gelangen, verändert sich ihre Funktion. Was innen Teil der künstlerischen Intervention ist, taucht draußen im Alltag auf. Passantinnen und Passanten können von der Arbeit erreicht werden, ohne das KINDL betreten zu haben.

An dieser Schwelle zwischen Institution und Öffentlichkeit bewegt sich Kuballs Werk seit Jahrzehnten. Seine Kunst entsteht häufig in der Beziehung unterschiedlicher gesellschaftlicher Räume. Der institutionelle Ort öffnet sich zur Stadt. Privater Raum kann öffentlich werden. Historische Architektur begegnet ihrer heutigen Nutzung.

Kuball fasst diesen erweiterten Ansatz unter dem Begriff Public Preposition. Entscheidend ist das Verhältnis, das Kunst im öffentlichen Raum herstellt. Die Präposition verweist dabei auf Beziehungen: zu einem Ort, zwischen Menschen oder innerhalb bestehender gesellschaftlicher Strukturen.

Auch aktuelle Projekte führen diesen Gedanken weiter. 2026 entstehen neben boiler house unter anderem on construction / public preposition in Dortmund sowie NEWTON GOETHE GALILEO in Rom. In Düsseldorf zeigt Kuball archiv//archiv.

Programm zur EröffnungWenn Licht auf Klang trifft

Zur Eröffnung von boiler house am 12. September 2026 wird die Installation durch Sound und Performance aktiviert. Zwei Interventionen treten an diesem Abend in die Reflexionsarchitektur ein. Um 20 Uhr spielt Severin Black ein Live Set mit Klarinette und elektronischer Musik. Um 21 Uhr folgt Abi Asisa mit Cello und Elektronik. Beide Performances sind bei freiem Eintritt zu erleben. Die Eröffnungsveranstaltung wird von Carhartt WIP unterstützt.

Archiv Studio Mischa Kuball, 2026

Damit erhält die Bewegung des Lichts für einige Stunden eine akustische Entsprechung. Das ehemalige Kesselhaus wird wieder zu einem aktiven Raum. Seine industrielle Vergangenheit bleibt eingeschrieben, während Kuballs Intervention eine neue Wahrnehmung des Ortes ermöglicht.

Mischa Kuball | Kurzbiografie

Mischa Kuball, geboren 1959 in Düsseldorf, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Seit 1977 entwickelt er Arbeiten für öffentliche und institutionelle Räume. Mit Licht als zentralem Medium untersucht er Architektur sowie soziale und politische Diskurse. Seine Interventionen reflektieren soziokulturelle Strukturen und beziehen die Geschichte ihrer jeweiligen Orte ein.

DEEDS NEWS - Mischa Kuball - 2017 - Foto Daniel Biskup
Mischa Kuball, Foto: Daniel Biskup

Seit 2007 ist Kuball Professor für Public Art an der Kunsthochschule für Medien Köln. Von 2006 bis 2008 lehrte er Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung/ZKM Karlsruhe. Seit 2015 ist er Mitglied der Nordrhein Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. 2016 erhielt er den Deutschen Lichtkunstpreis.

Ausgewählte Ausstellungen und Interventionen

1990 | Megazeichen
Eine frühe großformatige Intervention Kuballs im öffentlichen Raum, in der sein Interesse an Licht und Zeichen bereits deutlich wird.

1994 | refraction house, Synagoge Stommeln
Lichtintervention in der ehemaligen Synagoge in Pulheim Stommeln.

1998 | private light / public light, 24. Biennale von São Paulo
Partizipatives Projekt zum Verhältnis von privatem und öffentlichem Raum. Die Arbeit zählt zu Kuballs Schlüsselwerken.

1999 | Power of Codes, Tokyo National Museum, Tokio
Internationales Projekt im Tokyo National Museum.

2000 | Horizontal Parallel Structure, Riehen/Basel
Architekturbezogene Intervention zur Wahrnehmung räumlicher Strukturen.

2005 | pacemaker, Stadtwerke Düsseldorf
Arbeit im urbanen und infrastrukturellen Kontext Düsseldorfs.

2009 | Artist in Residence, Chinati Foundation, Marfa, Texas
Arbeitsaufenthalt bei der von Donald Judd gegründeten Chinati Foundation.

2010 | New Pott, Ruhrgebiet / Kunstsammlungen der Ruhr Universität Bochum
Hundert Begegnungen in privaten Haushalten bilden ein Porträt der durch Migration geprägten Region.

2010 | public alphabet, Museum DKM, Duisburg
Projekt über Zeichen und Kommunikation im öffentlichen Raum.

2011 ff. | platon’s mirror
Fortlaufende Werkgruppe über Projektion und das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit.

2012 | MetaLicht, Wuppertal
Groß angelegte Lichtarbeit im architektonischen Raum der Universität Wuppertal.

2017 bis 2019 | res·o·nant, Jüdisches Museum Berlin
Begehbare Licht und Klanginstallation in zwei Voids des Libeskind Baus. Das Projekt wurde über seine Laufzeit durch zahlreiche künstlerische Interventionen erweitert.

2018 | des Archives (présence d’absence), Kunsthalle Düsseldorf
Auseinandersetzung mit dem Archiv und dem Verhältnis von Anwesenheit und Abwesenheit.

2020 | nolde/kritik/kuball
Künstlerische Auseinandersetzung mit Emil Nolde, seiner politischen Vergangenheit und deren Rezeption.

2021 | (un)finished, St. Matthäus Kirche, Berlin
Berliner Soloausstellung im sakralen Raum.

2022/23 | nolde/kritik/documenta, documenta archiv, Kassel
Fortsetzung von Kuballs kritischer Beschäftigung mit Nolde und kunsthistorischer Rezeption.

2023 | light_poesis
Fortführung seiner langjährigen Untersuchung des Lichts als räumliches und konzeptuelles Material.

2023 ff. | missing link_
Fortlaufendes Projekt über räumliche Beziehungen und Verbindungen.

2025 | r a d i a l system, Berlin
Eine jüngere Berliner Arbeit Kuballs.

2026 | on construction / public preposition, Dortmund; NEWTON GOETHE GALILEO, Rom; archiv//archiv, Düsseldorf; boiler house, Berlin
Aktuelle Projekte, in denen Kuball seine Beschäftigung mit Architektur und öffentlichem Raum fortführt.

WAS?

Mischa Kuball – boiler house

WANN?

Eröffnung: Samstag, 12. September 2026, 18:00–22:00 Uhr
mit live-musikalischen Interventionen
20 Uhr: Severin Black, Live Set mit Klarinette und elektronischer Musik
21 Uhr: Abi Asisa, Cello und Elektronik

Ausstellung: Sonntag, 13. September 2026 – Sonntag, 30. Mai 2027

WO?

KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst
Am Sudhaus 3
12053 Berlin-Neukölln

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