Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung –  Deutsches Historisches Museum | ab 08.05.2026

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Ein Königsberger Brettspielkasten aus Bernstein von 1607, der Morgenrock der Königin Luise von 1806, das Plakat zur Ausstellung „40 Jahre DDR“ in Ost Berlin oder das IKEA-Doppelstockbett aus einer Unterkunft für Geflüchtete in Kassel von 2015 die Sammlung des Deutschen Historischen Museums umfasst etwa eine Million Objekte deutscher Geschichte. Vom 8. Mai 2026 bis 31. Oktober 2027 präsentiert das DHM eine Auswahl von rund 200 teilweise noch nie gezeigten Beständen, überraschenden Funden und Neuzugängen. Die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“ gibt im Pei-Bau Einblicke in die Praxis des Sammelns und befragt die vorgestellten Exponate nach ihrer Herkunft und Bedeutung.

Abb. oben.: Hundsgugel, Norditalien, um 1360, Eisen, Messing © Deutsches Historisches Museum

Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum: „Die Ausstellung versucht anhand exemplarischer Objekte zu zeigen, wie wir mit unserer Sammlung umgehen. Dazu gehört auch die Reflexion über die verschiedenen Schichten, aus denen diese Sammlung hervorgegangen ist. Welche Perspektiven standen zu unterschiedlichen Zeiten hinter der Sammlungstätigkeit, und auf welche Weise sind die gezeigten Objekte jeweils in unseren Besitz gelangt? Diese Fragen sind für uns als historisches Museum von zentraler Bedeutung.“

Wolfgang Cortjaens, Kurator und Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik: „Die Ausstellung versammelt Objekte unterschiedlicher Epochen – vom Mittelalter bis in die jüngste Gegenwart. Kostbares steht neben Alltäglichem, Schönes neben eher Unscheinbarem oder gar Banalem. Diese Form der Präsentation war eine bewusste kuratorische Entscheidung, denn gerade das Nebeneinander scheinbarer Gegensätze lädt dazu ein, genauer hinzusehen. Es ermöglicht eine stärkere Konzentration auf die Objekte selbst, auf die ihnen innewohnenden Geschichten und Bedeutungsebenen sowie auf ihre Funktion als Zeitzeugnisse.“

Im ersten Teil der Ausstellung widmet sich der Kurator und Sammlungsleiter für Angewandte Kunst und Grafik, Wolfgang Cortjaens, der Sammlung des DHM als solcher, die im Verlauf ihres 150-jährigen Bestehens selbst zu einem historischen Zeugnis geworden ist. Der Ausstellungsrundgang folgt fünf prägenden Epochen der wechselvollen Geschichte des Hauses zwischen 1883 und 2006: Ursprünglich als repräsentatives Waffenarsenal der preußischen Könige im frühen 18. Jahrhundert errichtet, beherbergte das Zeughaus ab 1883 die „Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee“. Im 20. Jahrhundert wurde das Gebäude zunächst vom nationalsozialistischen Regime als Heeresmuseum genutzt, nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend von den Alliierten verwaltet und ab 1952 zum zentralen sozialistischen Geschichtsmuseum der DDR – dem Museum für Deutsche Geschichte. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 übernahm das drei Jahre zuvor in West-Berlin gegründete Deutsche Historische Museum das Zeughaus samt seiner Sammlungen. Seit 2003 ergänzt die postmoderne Ausstellungshalle des chinesisch-amerikanischen Architekten I. M. Pei den barocken Gebäudekomplex.

Brettspielkassette für Mühle, Schach und Tric-Trac, ehemals im Besitz der Anna von Dänemark, datiert ‚5. Aprilis.1607‘, Bernstein, Elfenbein, Metallfolie, Ebenholz, Silber, © Deutsches Historisches Museum

In diesem Teil der Ausstellung werden Objekte und Konvolute präsentiert, die stellvertretend für die jeweiligen Sammlungsschwerpunkte und Geschichtsbilder ihrer Zeit stehen: ein Uniformrock der preußischen Infanterie, eine japanische Samurai Rüstung, die als Geschenk der Kaiserlichen Militärischen Reservisten Vereinigung an Adolf Hitlergelangte, eine sozialistische Tischzier als Staatsgeschenk aus Nordvietnam an die DDR oder der Erstdruck der deutschsprachigen Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika. Exponate besaßen stets auch eine politische Dimension; die Praxis des Sammelns war niemals beliebig.

Die Sammlungsausstellung betrachtet Geschichte aus einem besonderen Blickwinkel: Geschichte wird meist als Abfolge von Ereignissen und Veränderungen im Laufe der Zeit verstanden. Sie erzählt jedoch ebenso vom Wandel im Raum. Deshalb rücken im zweiten Teil der Ausstellung Orte, Schauplätze und Regionen in den Mittelpunkt. Ausgewählte Objektgeschichten berichten von umkämpften Herrschaftsräumen, globalem Handel, Kolonisierung und der Erschließung neuer Räume ebenso wie von verschwundenen Orten, Grenzen, Flucht und Exil. Der Rundgang folgt dabei keiner strengen Chronologie, sondern setzt unterschiedliche Epochen bewusst in Beziehung zueinander.

Zu den präsentierten Exponaten zählen herausragende Kunstkammerobjekte wie ein „Gästebuch aus Glas“ der mit 30 Namen, Jahreszahlen und Devisen gravierte Willkomm-Becher der Grafen Oettingen, ein einzigartiges Zeugnis der religiösen Konflikte im Zuge der Reformation. Eine auf Pergament gedruckte zweibändige Lutherbibel von 1535 verweist auf die Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten und zugleich auf territoriale Machtansprüche. Ein kostbarer Brettspielkasten für Mühle, Schach und Tric Trac, gefertigt im Jahr 1607 für die englische Königin Anna von Dänemark, veranschaulicht die dynastischen und wirtschaftlichen Verflechtungen im Ostseeraum. Ein äußerst seltenes Straußenei mit figürlichen Gravuren erzählt vom Ringen um die Vormachtstellung im globalen Handel des 17. Jahrhunderts, das eng mit dem Kolonialismus der Frühen Neuzeit verbunden war.

Graviertes Straußenei mit Motiven aus Jan Huygen van Linschotens Itinerario, Niederlande, ca. 1600/1620, Straußenei, geritzt, graviert, geschwärzt, © Deutsches Historisches Museum

Schwere Arbeitsgeräte und die Ausrüstung eines Bergmanns der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop, die 2018 als letztes aktives Steinkohlebergwerk Deutschlands geschlossen wurde, stehen exemplarisch für den Wandel eines Industriezweigs ebenso wie einer ganzen Region. Das Medium Fotografie ist durch eine Sammlung seltener Vintage-Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert vertreten, auf denen Wandergesellen und Wandergesellinnen die Rituale der Walz als subversiven Gegenentwurf zur bürgerlichen Anpassung inszenierten.

Die Ausstellung endet mit zwei Objektgeschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch beide von Fluchtbewegungen und „Objektmigrationen“ erzählen: zum einen ein vollständiges Biedermeier-Interieur, das seit der Flucht seines Vorbesitzers während des Zweiten Weltkriegs eine wechselvolle Odyssee durchlief und schließlich im Jahr 2023 nur wenige hundert Meter von seinem ursprünglichen Standort entfernt nach Berlin zurückkehrte; zum anderen ein zu einem Etagenbett umgebautes IKEA-Bettgestell aus einer 2015 eingerichteten Unterkunft für Geflüchtete in Kassel, versehen mit Kinderzeichnungen, die von der lebensgefährlichen Flucht über das Meer erzählen.

Die Ausstellung ist inklusiv und weitgehend barrierefrei gestaltet. Mithilfe eines kartografischen Leitsystems lassen sich Herkunft und Wanderbewegungen ausgewählter Objekte und Konvolute anschaulich nachvollziehen. In Interviews kommen Zeitzeugen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Abteilung Sammlungen zu Wort. Mediale Vertiefungsstationen, inklusive Angebote sowie eine Hörführung auf Deutsch und Englisch ergänzen den Rundgang. Ein Begleitprogramm vertieft und erweitert die Themen der Ausstellung während ihrer gesamten Laufzeit. Im Juni 2026 erscheint im Deutscher Kunstverlag der Tagungsband „Spielerische Allianzen. Bernsteinpolitik und höfische Kultur in der Frühen Neuzeit“, der sich einem der ausgestellten Objekte dem Brettspielkasten für Mühle, Schach und Tric Trac – widmet.

WANN?

Ausstellungsdaten: Freitag, 8. Mai bis Sonntag, 31. Oktober 2027

WO?

Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin

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