Ulay, Ulay & Abramović – Neue Nationalgalerie | 28.11.2026-02.05.2027

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Vor fünfzig Jahren, am 12. Dezember 1976, „stahl“ Ulay Carl Spitzwegs Der arme Dichter (1839) aus der Neuen Nationalgalerie und brachte das Gemälde in die Wohnung einer türkischen Arbeiterfamilie in Berlin-Kreuzberg. Ein halbes Jahrhundert später greift die Neue Nationalgalerie mit der Ausstellung „Ulay, Ulay & Abramović“ diese bahnbrechende Aktion wieder auf und bringt Ulay’s Werk an genau den Ort zurück, an dem eine seiner bedeutendsten Aktionen stattfand. Die Ausstellung startet am 28. November 2026.

Abb.oben: Ulay / Marina Abramović, Rest Energy, Performance for Video, 1980, 4 minutes, ROSC‘ 80, Dublin.

Ulay gilt als einer der bedeutendsten deutschen Konzeptkünstler, ist einem breiteren Publikum in Deutschland jedoch bis heute weitgehend unbekannt. Die Ausstellung möchte das ändern. Sie gibt Einblick in Ulays frühes künstlerisches Schaffen, darunter „S’he“ (1973–1974), eine Serie intimer Selbstporträts, die sich mit Identität und Transformation auseinandersetzt, sowie „FOTOTOT“ (1976), bei der unbelichtete bzw. nicht fixierte Fotografien unter Lichteinwirkung allmählich verschwinden. Die Arbeit ist Teil einer umfassenderen Reihe von Experimenten, in denen Ulay die vermeintliche Objektivität, Dauerhaftigkeit und den Beweischarakter des fotografischen Bildes hinterfragt und die Grenzen der Fotografie hin zur Performance und zu anderen Formen künstlerischer Aktionen erweitert. Darüber hinaus präsentiert die Ausstellung die einzigartige Zusammenarbeit zwischen Ulay und Marina Abramović über einen Zeitraum von zwölf Jahren, von 1976 bis 1988.

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Ulay, Irritation – There is a Criminal Touch to Art, 1976, film stills, Neue Nationalgalerie, Berlin.

Über Ulay
Ulay (Frank Uwe Laysiepen, 1943–2020) wuchs in Solingen auf und absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Maschinenbauingenieur, bevor er an den Kölner Werkschulen Fotografie studierte. 1968 zog er nach Amsterdam, wo er begann, mit Polaroid zu arbeiten. In seiner künstlerischen Praxis setzte er sich mit Identität, Geschlecht und Transformation auseinander. Seine performative Fotografie fand bald Anerkennung in der innovativen und internationalen Kunstszene Amsterdams; frühe Präsentationen fanden in der Galerie Seriaal und der ebenso legendären wie einflussreichen Institution De Appel statt. Von 1976 bis 1988 erlangte seine Zusammenarbeit mit Marina Abramović internationale Aufmerksamkeit. Dazu gehörten gemeinsame Auftritte auf der documenta 6, 7 und 8 sowie Ausstellungen in Europa und den USA. Nach der Trennung von Abramović im Jahr 1988 setzte Ulay seine eigenständige künstlerische Praxis fort. Seine Arbeiten wurden später in bedeutenden Einzelausstellungen und Retrospektiven gezeigt, darunter 2016 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und 2020–21 im Stedelijk Museum Amsterdam mit „ULAY WAS HERE“, der bislang größten Retrospektive seines Werks. Von 1998 bis 2004 war er Professor für Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. In den folgenden Jahrzehnten realisierte er weltweit partizipative Kunstprojekte mit gesellschaftlich marginalisierten Gruppen, unter anderem in den USA, Australien, Indien, Myanmar und Syrien. Ulay starb 2020 in Ljubljana.

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Ulay, Irritation – There is a Criminal Touch to Art, 1976, film stills, Neue Nationalgalerie, Berlin.

Über Marina Abramović
Marina Abramović (1946, Belgrad) gilt seit den frühen 1970er-Jahren als Wegbereiterin der Performance als eigenständiger Kunstform. Sie schuf einige der bedeutendsten frühen Performances, darunter „Rhythm 0“ (1974) und „Rhythm 5“ (1974). In diesen Arbeiten lotete sie die Grenzen von Körper und Geist aus und setzte sich durch Dauer, Stillstand und Schmerz mit Ausdauer, Verletzlichkeit und der Mitverantwortung des Publikums auseinander. 2012 gründete sie das Marina Abramović Institute (MAI), eine gemeinnützige Stiftung für Performancekunst und Langzeitperformances, die auf der von ihr entwickelten „Abramović Method“ basiert. Abramović gehörte zu den ersten Performancekünstler*innen, die institutionell in der Museumswelt etabliert wurden, und war über mehr als 25 Jahre hinweg mit bedeutenden Einzelausstellungen in Europa und den USA vertreten. Zu den Höhepunkten zählen ihre erste große Retrospektive in den USA sowie die über 700 Stunden dauernde Performance „The Artist Is Present“ im Museum of Modern Art (MoMA) in New York (2010), die Retrospektive „The Cleaner“ (2017–19) sowie 2023 die erste Einzelausstellung einer Frau in den Main Galleries der Royal Academy of Arts in London. Zu ihren Auszeichnungen zählen der Goldene Löwe der Biennale di Venezia (1997), der Prinzessin-von-Asturien-Preis für Kunst (2021), der Sonning-Preis (2023) und der Praemium Imperiale für Skulptur (2025).

Im Zentrum der Ausstellung steht Ulays Aktion von 1976 und deren filmische Dokumentation „Irritation – There is a Criminal Touch to Art“. Die Arbeit stellte das Museum als Ort kultureller Autorität infrage und richtete den Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten jenseits des Museums. Indem Ulay Spitzwegs ikonisches Werk „Der arme Poet“ in die Wohnung einer türkischen Arbeiterfamilie brachte, stellte er im West-Berlin der 1970er-Jahre Vorstellungen von kultureller Repräsentation, Zugehörigkeit und Ausschluss infrage. Fünf Jahrzehnte später bringt die Neue Nationalgalerie die Arbeit in einen Dialog mit einer Version von „Der arme Poet“, die aus dem Grohmann Museum in Milwaukee als Leihgabe gezeigt wird. Gemeinsam eröffnen die Werke neue Perspektiven auf künstlerische Interventionen, institutionelle Rahmenbedingungen sowie unterschiedlich erfahrene Lebensumstände und Umgebungen.

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Ulay, Irritation – There is a Criminal Touch to Art, 1976, film stills, Neue Nationalgalerie, Berlin.

Neben weiteren Arbeiten aus Ulays eigenständiger künstlerischer Praxis fokussiert sich der zweite Teil der Ausstellung auf die Zusammenarbeit zwischen Ulay und Marina Abramović. 1975 lernten sie sich in Amsterdam kennen und entwickelten bald eine enge persönliche und künstlerische Partnerschaft. Zwischen 1976 und 1988 realisierten die beiden Künstler*innen wegweisende Performances, in denen sie ihre Körper als Medium einsetzten, um Fragen von Identität und institutionellen Grenzen zu untersuchen. Ihre Zusammenarbeit begann mit „Relation in Space“ (1976), das im Rahmen der 38. Biennale di Venezia aufgeführt wurde und in dem sie körperliche Begegnung, Wiederholung und gegenseitige Präsenz erforschten. Ihren Höhepunkt fand sie in „The Lovers“ (1988), ihrer 90-tägigen Reise entlang der Chinesischen Mauer.

Die Ausstellung vereint Videos, Fotografien, Skulpturen und Zeichnungen sowie Skizzen und Briefe sowie „Imponderabilia“ (1977), eine wegweisende Live-Performance von Ulay und Marina Abramović. Darin stehen die beiden Künstler*innen nackt einander zugewandt in einem schmalen Eingang und laden die Besuchenden ein, zwischen ihren Körpern hindurchzugehen. Die Performance wird täglich von 15 bis 16.30 Uhr in der Ausstellung aufgeführt. Gemeinsam geben die Arbeiten nicht nur Einblick in die Performances selbst, sondern auch in die dahinterliegenden Prozesse, Diskussionen und Überlegungen. Sie zeigen, wie Ulay und Marina Abramović ihre künstlerische Praxis in den Alltag integrierten und dabei Zusammenarbeit und Selbstrepräsentation neu definierten. Zugleich stellten sie etablierte Vorstellungen von Autor*innenschaft und Individualität sowie die Grenzen zwischen Kunst und Leben infrage. Ihre Arbeiten untersuchten Verletzlichkeit, Ausdauer, Vertrauen und gegenseitige Abhängigkeit und gelten als Meilensteine der Performancekunst.

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Ulay, Irritation – There is a Criminal Touch to Art, 1976, film stills, Neue Nationalgalerie, Berlin

Die Ausstellung findet im unteren Geschoss des Mies van der Rohe-Baus statt. Sie beginnt mit zwei Räumen, die Ulays eigenständiger künstlerischer Praxis gewidmet sind, bevor sie zu den gemeinsam von Ulay und Marina Abramović entwickelten Arbeiten übergeht. Die Gegenüberstellung der gemeinsamen Arbeiten mit Ulays eigenständiger künstlerischer Praxis zeigt die Bedeutung seines Werks für die Geschichte der Konzept- und Performancekunst und eröffnet zugleich einen neuen Blick auf seine Rolle in Deutschland und international.

Die Ausstellung wird von der Neuen Nationalgalerie anlässlich des 50. Jahrestages von Ulays Performance „Irritation – There is a Criminal Touch to Art“ organisiert. Sie zeigt eine Auswahl von Ulays Einzelwerken im Kontext dieser wichtigen Phase seiner künstlerischen Praxis. Darüber hinaus präsentiert sie ausgewählte Materialien und Kunstwerke aus „ART VITAL – 12 Years of Ulay / Marina Abramović“, ursprünglich konzipiert von Alenka Gregorič und Felicitas Thun-Hohenstein und erstmals in der Cukrarna Gallery / MGML (30. November 2025–10. Mai 2026) gezeigt, in Zusammenarbeit mit Lena Pislak – ULAY Foundation und Sydney Fishman – Marina Abramović Archives.

„Ulay, Ulay & Abramović“ wird von Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, gemeinsam mit Ricarda Bergmann, Neue Nationalgalerie, sowie Alenka Gregorič, künstlerische Leiterin der Cukrarna Gallery, kuratiert. Kuratorische Assistenz: Nikola Richolt.

WANN?

Ausstellungsdaten: Samstag, 28. November 2026 – Sonntag, 02. Mai 2027

Öffnungszeiten: Di – Mi 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Fr – So 10 – 18 Uhr

WO?

Neue Nationalgalerie
Potsdamer Straße 50
10785 Berlin

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