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Samstag, September 24, 2022

Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus im Museum Barberini | 12.02.-08.05.2022

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Das Museum Barberini in Potsdam zeigt seit 12. Februar 2022 die Ausstellung “Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus” mit Werken aus den Anfängen der Photographie. In Gegenüberstellung zu Werken des Impressionismus verdeutlicht die Ausstellung den künstlerischen Blick und Anspruch des damals neuen Mediums der Kunst. Sie untersucht mit über 150 Werken die Photographie um 1900 auf ihrem Weg zu einer autonomen Kunstform und beleuchtet ihr komplexes Verhältnis zur impressionistischen Malerei.

Abb. oben: Antonin Personnaz, Armand Guillaumin beim Malen von „Badende bei Crozant“, um 1907, Autochrome (als Faksimile präsentiert), 9 x 12 cm, Société française de photographie, Paris © Société française de photographie, Paris.

Im 19. Jahrhundert wählten zahlreiche Photographen die gleichen Motive wie die Maler des Impressionismus: Den Wald von Fontainebleau, die Steilküste von Étretat oder die moderne Metropole Paris. Auch sie studierten die wechselnden Lichtsituationen, die Jahreszeiten und Wetterverhältnisse. Von Anfang an verfolgte die Photographie durch Erprobung von Komposition und Perspektive sowie mit Hilfe unterschiedlicher Techniken einen künstlerischen Anspruch. Ihr Verhältnis zur Malerei war bis zum Ersten Weltkrieg sowohl von Konkurrenz als auch von Einflussnahme geprägt.

DEEDS NEWS - Museum Barberini - Pk3900_89 Foto OENB Kuehn
Heinrich Kühn, Miss Mary im blauen Kostüm, 1910, Autochrome, 24 x 18 cm
Sammlung Österreichische Nationalbibliothek, Wien © ÖNB/Kühn

Das neue Medium der Photographie war zugleich Teil der industriellen Revolution und Beginn der modernen Wissensgesellschaft. Auf den Weltausstellungen wurde es einem internationalen Publikum vorgestellt. Die photographischen Aufnahme- und Reproduktionstechniken bedienten sowohl den zeitspezifischen Blick als auch den enzyklopädischen Dokumentationswillen: Die Möglichkeit, mit Photographien Sammlungen beliebiger Themengebiete anzulegen, entsprach dem neuen Bedürfnis, Wissen zugänglich zu machen und zu archivieren. Wie die umgestalteten Stadtzentren von Paris, London, Wien oder München im Historismus der Architektur, so brachte auch das neue Medium Tradition und Moderne zusammen: Museen, Bibliotheken und Archive entstanden, Reisebeschreibungen, Vermessung und Kartierung prägten das Zeitalter. Parallel zur Soziologie entstand neben dem Gesellschaftsroman des literarischen Realismus die Sozialreportage in der Photographie. Die sich ausdifferenzierenden Naturwissenschaften beschrieben die Gegenwart.

Photographie – eine neue Kunst?

Was lag somit näher, als die Exaktheit der Photographie zu nutzen? Sollte sich gar das neue Medium zu mehr als einer Hilfswissenschaft der Malerei entwickeln? Zum ersten Pariser Salon, auf dem auch Photographien ausgestellt wurden, schrieb Charles Baudelaire 1859 eine vernichtende Kritik. In einem fiktiven Streitgespräch ließ er einen Photographen sagen: „Ich will die Dinge so wiedergeben, wie sie sind, oder besser: wie sie wären, wenn ich nicht da wäre.“ Dagegen setzte Baudelaire die Antwort eines Malers aus der von ihm favorisierten „Gruppe der Phantasiereichen“: „Ich möchte die Dinge durch meinen Geist erleuchten und ihren Widerschein auf die anderen Geister abstrahlen.“ Damit legte Baudelaire, Vordenker und Freund der Impressionisten, den Antagonismus zwischen Maschine und Geist auf lange Sicht fest. Noch Walter Benjamins Überlegungen zum Verlust der Aura des „Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ aus dem Jahr 1936 geht auf diese Unterscheidung zurück.

DEEDS NEWS - Museum Barberini - Deglane_Strand_mit_Booten_1907_2 Foto Societe francaise de photographie Paris
Louise Deglane, Strand mit Booten (Étretat), 1907–1936, Autochrome, 5,4 x 10,5 cm
Société française de photographie, Paris © Société française de photographie, Paris

Wechselspiel von Photographie und Impressionismus

Claude Monet wie Berthe Morisot, Camille Pissarro und Pierre-Auguste Renoir arbeiteten unter freiem Himmel, um die neue Beziehung von Mensch und Natur zu thematisieren. Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini: „Die Impressionisten widmeten ihre Malerei dem Augenblick. Ihre Malerei war pure Gegenwart, die individuelle Reaktionen auf im Wechsel begriffene Licht- und Wetterphänomene thematisierte. Das machte sie zu Verbündeten der Photographen.“ Dabei wählten die frühen Photographen die gleichen Motive wie die Impressionisten und studierten die wechselnden Lichtsituationen, Jahreszeiten und Wetterverhältnisse. „In der Ausstellung Eine neue Kunst im Museum Barberini kann man dieses Wechselspiel zwischen Photographie und Malerei nun erleben“, so Ortrud Westheider weiter.

DEEDS NEWS - Museum Barberini - Personnaz_Lever_du_soleil_sur_la_neige_1907 Foto Societe francaise de photographie
Antonin Personnaz, Sonnenaufgang bei Schnee, um 1907-1914, Autochrome (als Faksimile präsentiert), 9 x 12 cm
Société française de photographie, Paris © Société française de photographie, Paris

Bereits 1881 verdeutlichte die Ausstellung Before Photography. Painting and the Invention of Photography im New Yorker Museum of Modern Art, dass die Photographie nicht aus dem Wissenschaftskontext hervorging, sondern aus der Landschaftsmalerei. Die Erforschung des perspektivischen und subjektiven Charakters des Mediums stand seither im Fokus und ermöglichte so grundlegende Ausstellungen wie Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie (Schirn, Frankfurt am Main, 2012) und The Impressionists and Photography (Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid 2019).

DEEDS NEWS - Museum Barberini - Henneberg_Nach_Sonnenunergang_1886 Foto Photoinstitut Bonartes Wien
Hugo Henneberg, Nach Sonnenuntergang, 1898 oder früher, Gummidruck, 36 x 51 cm
Photoinstitut Bonartes, Wien © Photoinstitut Bonartes, Wien 

Das Wechselspiel von Photographie und Impressionismus ist jedoch immer noch unzureichend erforscht. Hier setzt Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus an: „Von Beginn an hatte die Photographie künstlerische Ambitionen, die sie mittels Komposition und Perspektive, unterschiedlicher Techniken und Materialien sowie mit Unschärfe, Dramatisierung und Montage erprobte. Gleichwohl ist die Photographie im 19. Jahrhundert als ein Hybrid zwischen den Polen Wissenschaft, Technik, Industrie und Kunst zu verstehen. So waren an der Erfindung und Entwicklung der photographischen Verfahren neben Malern auch Wissenschaftler beteiligt. Zunächst als Hilfsmittel für die Malerei verstanden, entwickelten die frühen Photographen dann schnell ein eigenes künstlerisches Selbstbewusstsein und maßen sich an den führenden bildenden Künstlern ihrer Zeit. Die Malerei wiederum sah sich unterlegen in der exakten Wiedergabe der Realität und musste neue Strategien der Abgrenzung zur Photographie entwickeln“, so Gastkurator Ulrich Pohlmann über das Konzept der Ausstellung.

DEEDS NEWS - Museum Barberini - Lartigue_Anna_la_Pradvina_1911 Photo Christian Schmieder
Jacques Henri Lartigue, Arlette Prevost, Anna la Pradvina genannt, Avenue du Bois de Boulogne, 15.1.1911, 1911
Silbergelatinepapier, 21,1 x 29,2 cm
Sammlung Dietmar Siegert
© Ministère de la Culture (France), MAP-AAJHL; Sammlung Dietmar Siegert, Photo: Christian Schmieder

Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus im Museum Barberini beleuchtet
nun in 150 Arbeiten, darunter Photographien von Stéphanie Breton, Auguste Hippolyte Collard, Eugène Cuvelier, Louis-Alphonse Davanne, Robert Demachy, Peter Henry Emerson, Gustave Le Gray, Henri Le Secq, Heinrich Kühn, Charles Marville, Constant Puyo, Henry Peach Robinson, Alfred Stieglitz, Carl Teufel und Alphonse Taupin, die Entwicklung des neuen Mediums. Bedeutende Leihgaben steuern die Albertina, Wien, Collection Serge Kakou, Paris, Münchner Stadtmuseum, Musée d’Orsay, Paris, Museum Folkwang, Essen, Photoinstitut Bonartes in Wien, Societe Francaise de Photographie, Paris, Staatliche Museen zu Berlin, die Staatsgalerie Stuttgart und viele weitere Institutionen bei.

DEEDS NEWS - Museum Barberini - Emerson_Seerosenpflucken_1886 Foto bpk Staatsgalerie Stuttgart Peter Henry Emers
Peter Henry Emerson, Seerosenpflücken, 1886, Platindruck, 19,5 x 29 cm
Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, erworben 1989, Sammlung Rolf Mayer
© Photo: bpk / Staatsgalerie Stuttgart / Peter Henry Emerson

Kooperation zweier Häuser mit Schwerpunkt Impressionismus

Das 2017 eröffnete Museum Barberini zeigt mit Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus erstmals eine Ausstellung mit Photographien. Ausgangspunkt für dieses Thema ist die Sammlung impressionistischer und postimpressionistischer Gemälde des Museumsstifters Hasso Plattner, die seit September 2020 dauerhaft in Potsdam präsentiert wird und zahlreiche Anknüpfungspunkte bei Künstlerinnen und Künstlern wie Gustave Caillebotte, Claude Monet und Berthe Morisot bietet. Das Von der Heydt-Museum, das in Kooperation mit dem Museum Barberini die Schau vom 2. Oktober 2022 bis 8. Januar 2023 in Wuppertal zeigt, gehört zu jenen Häusern, die schon früh impressionistische Kunst sammelten und damit nicht nur in Deutschland, sondern in Europa Zeichen setzten.

Zu den Ausstellungen in Potsdam und Wuppertal erscheint bei Prestel, München, ein umfangreicher Katalog mit Beiträgen von Ulrich Pohlmann, Monika Faber, Dominique de Font-Réaulx, Matthias Krüger, Esther Ruelfs und Bernd Stiegler, die auf den Erkenntnissen des die Ausstellungen vorbereitenden Symposiums im Oktober 2021 in Potsdam fußen.
Nach Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus präsentiert das Museum Barberini 2022 in Kooperation mit der Albertina Modern, Wien, Die Form der Freiheit. Internationale Abstraktion nach 1945 (4. Juni – 25. September 2022) und in Kooperation mit der Peggy Guggenheim Collection, Venedig, Surrealismus und Magie. Verzauberte Moderne (22. Oktober 2022 – 29. Januar 2023)

WANN?

Mo–Fr 9–18 Uhr
Sa–So + Feiertage 10-15 Uhr

WO?

Humboldtstraße 5-6, 14467 Potsdam

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