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Mittwoch, November 30, 2022

Kunstbibliothek zeigt die Ausstellung In:complete. Zerstört – Zerteilt – Ergänzt | 30.09.2022-15.01.2023

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Fragmente, unvollständige oder unvollendete Objekte sind integraler Bestandteil jeder Museumssammlung. In einer Ausstellung am Kulturforum beleuchten die Volontär*innen der Staatlichen Museen zu Berlin, des Musikinstrumenten-Museums und der Staatsbibliothek zu Berlin die facettenreichen Geschichten dieser Objekte und den Reiz des Unvollständigen. Die Ausstellung vereint selten gezeigte Exponate unterschiedlicher Gattungen und Kulturen von der Prähistorie bis in die Gegenwart aus 22 Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Abb. oben: Theodor Kalide, Bacchantin auf dem Panther, 1844 (Marmor 1848), © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Fragmente prägen unsere Bild von der Vergangenheit. Dabei ist nicht jedes Fragment unmittelbar als solches erkennbar. Ihre Unvollständigkeit kann störend wirken und gleichzeitig unsere Neugier wecken. Und immer wieder lösen sie den Drang zum Vervollständigen aus. Die Sonderausstellung geht in fünf Kapiteln und anhand von rund 60 Exponaten Fragen nach, die von den sichtbaren wie unsichtbaren Brüchen und Fehlstellen der Objekte aufgeworfen werden: Wie kam es zur Fragmentierung? Inwiefern waren die Objekte einem Bedeutungs-, Wahrnehmungs- oder Funktionswandel unterzogen? Wann ist ein Werk überhaupt „vollendet“?

Im Ausstellungsteil „Gebrochene Geschichten“ geht es um Fragmentierung als Akt der Zerstörung. Kriege, Diebstahl oder Fundteilungen führten zur Zerteilung von Objekten. Manchmal nagte aber auch einfach der ‚Zahn der Zeit‘ an ihnen. Doch auch Künstler*innen fragmentierten ihre Werke, etwa aus ideologischen oder ästhetischen Beweggründen. So schnitt beispielsweise Adolph Menzel präzise die Augenpartie aus mehreren seiner Porträtbilder heraus.

DEEDS NEWS - courtesy of SMB und Andres Kilger - Adolph Menzel - Frauenbildnis Fragment
Adolph Menzel, Frauenbildnis. Fragment (Caroline oder Friederike Arnold), um 1846
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Das Kapitel „Im Wandel der Zeit“ thematisiert die absichtliche Zerteilung von Objekten vor dem Hintergrund der Wiederverwendung in einem neuen Kontext. Oftmals ging damit ein eklatanter Bedeutungswandel einher. Davon erzählen hochmittelalterliches Hacksilber und abgeschlagene Böden spätantiker Glasschalen, die als Grabmarkierung in den Katakomben Roms zweitverwendet wurden. Bei der Fragmentierung von einst im religiösen Kontext entstandener Objekte spielte oftmals die beabsichtigte Vermarktung als Kunstwerke eine entscheidende Rolle.

Aus unterschiedlichen Gründen blieben seit jeher Arbeiten im Herstellungsprozess „unfertig und unvollendet“: Die dadurch erkennbaren Bearbeitungsspuren liefern wie im Fall eines Marmorreliefs aus der Antiken- sammlung einzigartige Einblicke in historische wie künstlerische Schaffensprozesse. Derart unfertige Werke wurden mitunter dennoch verkauft. Frühe Druckzustände des Kupferstichs „Die Anbetung der Hirten“ von Hendrick Goltzius werfen die Frage auf, wann ein Werk überhaupt als „vollendet“ anzusehen ist.

DEEDS NEWS - courtesy of SMB und Jens Ziehe - Paul Klee - Die Büchse der Pandora als Stilleben
Paul Klee, Die Büchse der Pandora als Stilleben, 1920, © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jens Ziehe

Einen Einblick in den Umgang mit Fragmenten in musealen Sammlungen gibt das Kapitel „Ergänzen und Restaurieren“. Galt in europäischen Sammlungen im 19. Jahrhundert meist Vollständigkeit als Maßgabe für eine sinnliche Erfahrung des Objekts, so wurden seit dem frühen 20. Jahrhundert viele historische Ergänzungen abgenommen, um den fragmentarischen Vorzustand wieder herauszustellen. Dass es sich bei dem „Porträt der Virginia da Vezzo“ aus der Gemäldegalerie um ein Leinwandpasticcio handelt, war lange Zeit nicht bekannt, da der Hintergrund übermalt war. Heute sind die Spuren der Anfügungen sichtbar und machen den besonderen Reiz des Werkes aus.

Das Kapitel „Faszination Fragment“ beleuchtet die seit Jahrhunderten anhaltende Begeisterung, die Bruchstücke oder unvollständige Objekte besonders auf Künstler*innen ausüben. In der europäischen Kunst galten Torsi seit der Renaissance als Sinnbilder für Vergänglichkeit und sind Gegenstand unzähliger Darstellungen. Bis heute zeigt sich diese Faszination in der Reproduktion und Veräußerung von Fragmenten, beispielsweise in Form von Gipsabgüssen. Nicht nur der Zustand von Werken kann fragmentarisch sein. Lücken zeigen sich auch in Provenienzen und im Wissen um Kontexte. Gleichzeitig trägt bereits das Sammeln und Ausstellen von Artefakten zu ihrer Dekontextualisierung bei und kann als Prozess der Fragmentierung begriffen werden. Das Thema erlaubt daher auch eine kritische Hinterfragung der Institution Museum als Ort der Bewahrung von Kulturgütern.

DEEDS NEWS - courtesy of SMB und Erik Hesmerg - Tanzmaske - Luba
Tanzmaske, Luba (?), Demokratische Republik Kongo, Ankauf 1891,
© Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Erik Hesmerg

„In:complete. Zerstört – Zerteilt – Ergänzt“ wird kuratiert von Steffen Backhaus (Institut für Museumsforschung), Thea Beger (Musikinstrumenten-Museum), Julian Bendel (Ethnologisches Museum), Katja Böhlau (Kunstbibliothek), Lisa Botti (Nationalgalerie), Christina Dembny (Kunstbibliothek), Lea Hagedorn (Kupferstichkabinett), Josephine Hein (Staatliche Museen zu Berlin), Laura Hinrichsen (Museum für Islamische Kunst), Lisa Hörstmann (Staatliche Museen zu Berlin), Laurenz Kern (Staatsbibliothek zu Berlin), Jenny Körber (Staatliche Museen zu Berlin), Franziska May (Zentralarchiv), Stefanie Meisgeier (Nationalgalerie), Rebekka Papst (Ägyptisches Museum und Papyrussammlung), Tobias Renner (Staatliche Museen zu Berlin), Julius Roch (Münzkabinett), Giulia Russo (Vorderasiatisches Museum), Theresia Schmitt (Gemäldegalerie), Emma Shu-hui Lin (Museum für Asiatische Kunst), Lena Steffens (Ethnologisches Museum), Matthias Thaden (Museum Europäischer Kulturen), Elena Then (Stiftung Preußischer Kulturbesitz) und Valentin Veldhues (Antikensammlung).

Die Ausstellung wird gefördert durch die Ernst von Siemens Kunststiftung. Es erscheint ein Katalog im Imhof-Verlag. Ein digitales Begleitprogramm stellt zudem im Licht aktueller Fragestellungen Querbeziehungen zwischen den Objekten her.

WANN?

Ausstellungsdaten: Freitag, 30. September 2022 – Sonntag, 15. Januar 2023

Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 18 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr

WO?

Kulturforum, Kunstbibliothek
Matthäikirchplatz 6
10785 Berlin-Tiergarten

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