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Museum für Fotografie: SEEN BY #19: Hyperstition | 06.05.-18.06.2023

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Die Sonderausstellung im Museum für Fotografie untersucht den experimentellen philosophischen Begriff Hyperstition und macht ihn zum Ausgangspunkt für neue künstlerische Arbeiten junger Künstler*innen zu spekulativen Themen in Fotografie und Video.

Abb. oben: Victoria Martínez, Glitch, Uninterrupted II, 2023, Siebdruck, Courtesy Victoria Martínez

Hyperstition beschreibt sinngemäß Ideen, deren Ausdruck solche Schwingungen freisetzt, dass sie sich ultimativ selbst verwirklichen, ähnlich einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Der Begriff wurde erstmals in den 1990ern durch die interdisziplinäre Forschungsgruppe Cybernetic Culture Research Unit (CCRU) in Großbritannien geprägt, deren Mitglieder ihre Erkenntnisse vor allem auf Blogs im Internet veröffentlichten. Hyperstition ist eine Wortneuschöpfung aus den englischen Worten ‚hyper‘ und ‚superstition‘ (Aberglaube). Im Unterschied zum Aberglauben – einer Fiktion, die fiktiv bleibt – ist Hyperstition eine Fiktion, die sich selbst zur Realität macht. Ein Beispiel für Hyperstition sind virtuelle wirtschaftliche Spekulationen, die im Kapitalismus eine realitätskonstituierende Kraft geworden sind.

DEEDS NEWS - Museum für Fotografie - SEEN BY - Bailey Keogh
Bailey Keogh, Bunny’s Big Adventure, 2023, Video, Courtesy Bailey Keogh

Wir leben in einem komplexen System von Rückkopplungszyklen: Stromnetze, Logistikketten, Finanzmärkte, neo-extraktivistische Expansion… Konfrontiert mit Governance-Modellen, die nicht in der Lage sind, den notwendigen systemischen Wandel einzuleiten, fällt jüngeren Generationen der Gedanke an die Zukunft vielfach schwer und ist lähmend. Diese Ausstellung ist inspiriert von der Idee, dass eine fiktive Vorstellung der Zukunft womöglich eine bessere Entschlüsselung der eigenen Gegenwart bietet als die Betrachtung der Vergangenheit.

11 Künstler*innen zeigen neun Werke, die teilweise für dieses Ausstellungsvorhaben entstanden sind. Sie beschäftigen sich u.a. mit neuen und alten Gedankenspielen aus Science-Fiction und Digitalität wie unserem Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz und zu Computer-Simulationen oder etwa dem Glitch als feministische digitale Utopie. Online und offline werden Orte auf verschiedenen Zeitebenen aufgesucht und wie Zeitkapseln nicht-linear miteinander verknüpft; durch Traum-Zeitreisen oder kollektive künstlerische Prozesse ersonnen. Licht spielt immer wieder eine Rolle sowohl beim Entstehen der fotografischen Werke als auch als medientheoretische Überlegung zum Verhältnis von Fotografie und Zeitlichkeit. Inhaltlich berühren sich die individuellen Werke über gemeinsame Interessen wie das Offenlegen von Beziehungskomplexen, die Visualisierung von Algorithmen, Auseinandersetzungen mit neuen Technologien, Internet, Mystik und Alchemie. Die gezeigten Arbeiten bewegen sich zwischen prophetischer Neugierde und archivarischem Interesse am Zeitgenössischen. Nach der Erkenntnis, dass Bilder und Dokumentarisches nicht mehr die Realität zeigen, sondern vielmehr etwas, das sein könnte, geht es uns um die bedeutungsvolle Beziehung zwischen Propositionen und Dingen.

„Und was wäre, wenn es keinen Anfang gäbe?“ 

Iain Hamilton Grant

Im Vorfeld der Ausstellung wurden gemeinsame Arbeitssitzungen abgehalten. Der kollektive Ausstellungsprozess begann mit einer systemischen Aufstellung, einer Methode aus dem Coaching- und Therapiebereich, die sich zur Visualisierung und Konfliktbearbeitung von Beziehungssystemen eignet. Neben klassischen Szenarien wie beispielsweise Familienkonstellationen können auch Aufstellungen zu größeren, abstrakten Systemen gemacht werden. Diese Erkenntnisaufstellungsarbeit kann in unterschiedliche Zeitebenen platziert werden wie Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft.

Der Ausstellung ging also eine hyperstitionelle Arbeitsmethode voraus: Das gruppentherapeutische Experiment diente als kollektive Übung und war zugleich ein Versuch, das Inhaltliche im äußeren Format widerzuspiegeln. So wurden die eigenen Kunstprojekte sowie das gesamte Ausstellungsvorhaben in der Aufstellung abgebildet, im Jetzt sowie an einem bestimmten Punkt in der Zukunft: am Tag der Eröffnung.

DEEDS NEWS - Museum für Fotografie - SEEN BY - Arwina Afsharnejad und Daria Kozlova
Arwina Afsharnejad und Daria Kozlova, Yellow Prince That Casted Long Shadows, 2023
(fortlaufend), Videoinstallation, Courtesy Arwina Afsharnejad und Daria Kozlova

Gespräche, die sich aus diesen Sitzungen entwickelten, drehten sich um die Kunstwerke, aber auch um zahlreiche Bedeutungsebenen um die Ausstellung herum. Die einzelnen Systeme, in die die Ausstellung gebettet ist, wurden kritisch beleuchtet: Wir befinden uns in Berlin in einem ehemaligen Landwehr-Kasino, gleich gegenüber dem Subkulturmilieu Bahnhof Zoo. Das Museum ist auch Heimat des fotografischen Werks von Helmut Newton, dessen Kunst ein internationales Publikum begeistert, gleichzeitig aber auch mit androzentrischen Weltperspektiven und patriarchalischen Strukturen identifiziert werden kann. Der Saal nebenan beleuchtet mit der Ausstellung Flashes of Memory. Fotografie im Holocaust das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Diese Reflexionen sind in die Arbeiten mit eingeflossen. Integraler Bestandteil der Ausstellung ist ein offener Ruheraum, der als kollektiv gestaltete temporäre Bibliothek wichtige Referenzen und Konzepte aufgreift. Er eröffnet Möglichkeiten des Dialogs und stellt ein Vokabular bereit, um sich in dieser Welt zu positionieren.

Ein Projekt von und mit Arwina Afsharnejad & Daria Kozlova, Felix Ansmann & Kani Lent, Moritz Haase, Sophia Hallmann, Marie Salcedo Horn, Bailey Keogh, Victoria Martínez, Anna-Maria Podlacha und Lilith Tyrell (KSE). Kuratiert von Marlena von Wedel.

Eine Sonderpräsentation der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin in Kooperation mit der Universität der Künste Berlin

WO?

Museum für Fotografie
Jebensstraße 2,
10623 Berlin

WANN?

Eröffnung: 

Freitag, 5. Mai 2023, 18 Uhr

Veranstaltungszeitraum:

Samstag, 6. Mai – Sonntag, 18. Juni 2023

Öffnungszeiten:

Di + Mi 11 – 19 Uhr, Do 11 – 20, Fr – So 11 – 19 Uhr

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