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Samstag, Januar 29, 2022

Mies van der Rohe Haus zeigt Gregor Hildebrandt mit Ausstellung “Im Sturz durch Raum und Zeit” | bis 27.03.2022

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Erstmalig in der Geschichte des Mies van der Rohe Hauses bespielt eine Ausstellung die ganze Weite des Außenraums. In der Ausstellung “Im Sturz durch Raum und Zeit”, die vom 10. Oktober 2021 bis 27. März 2022 zu sehen ist, wird auch der Obersee zur Reflexionsfläche. Gregor Hildebrandt hat für das Haus eine grandiose Arbeit realisiert – vielfältig und poetisch zugleich. Auf dem Obersee wird ein schwarzes Segel gehisst. Hildebrandts Installation, ein aus Magnetbändern gewobenes schwarzes Segel, ist nur für kurze Zeit zu Beginn der Ausstellung live zu sehen. Eine über zwei Meter hohe Bauern-Schachfigur aus Bronze markiert den Gartenraum. Die beiden gegenüberliegenden Ausstellungsräume des L-förmigen Mies van der Rohe Hauses werden als Positiv-Negativ-Raum aufgefasst und so auch über das Architektonische hinaus mittels der Kunst in Beziehung zueinander gesetzt.

Abb. oben: Bauern-Skulptur (Höhe 2,29 m) von Gregor Hildebrandt im Garten des Mies van der Rohe Hauses, Foto: Roman März 

Gregor Hildebrandt, geboren 1974 in Bad Homburg, ist Professor für Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste München. Sein Studio betreibt Hildebrandt in Berlin, wo er auch lebt.

Gregor Hildebrandt – Es muss immer Musik da sein

Es war Baroness Fanny Louise von Sulzer-Wart, die ihren Psychoanalytiker bei einer Sitzung im Jahr 1892 darum bat, ihre Gedankengänge nicht zu unterbrechen. Er sollte sie vielmehr frei sprechen lassen. So kam ihr Therapeut (es handelte sich um Sigmund Freud) auf die Idee, das freie, hauptsächlich vom Unbewussten bestimmte Assoziieren fortan als Behandlungsmethode einzusetzen.

Eine freie Assoziation auf „Raum-Zeit-Odyssee”, das aktuelle Jahresthema des Mies van der Rohe Hauses, führte Gregor Hildebrandt zum Titel seiner Ausstellung an diesem Ort. Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann”, dem die Zeile entstammt, ist dabei gar kein präferierter Song Hildebrandts. Doch eröffnet das Lied gleich mehrere Bezüge zu seinem Werk. Wie als weiterer Beweis, dass das Unbewusste manchmal klüger ist als die Menschen selbst.

DEEDS NEWS - Mies van der Rohe Haus - Ex-Arbeitszimmer - Gregor Hildebrandt - Foto Roman Maerz
Werke von Gregor Hildebrandt im früheren Arbeitszimmer, Foto: Roman März

Auf „Im Sturz durch Raum und Zeit” folgt im Song die Zeile „Richtung Unendlichkeit”. Zunächst einmal stellt Hildebrandt, wie vielleicht alle Künstler*innen, diesen ewigen Geltungs- oder doch wenigstens Existenzanspruch an seine Werke. Und er überführt die vielleicht flüchtigste aller Kunstformen, Musik, in Arbeiten von Dauer und mit oft verführerisch-haptischer Qualität. Doch dazu gleich mehr.

Erst einmal erinnert die dritte Songzeile „Fliegen Motten in das Licht” an eine von Hildebrandts frühesten Arbeiten. Um seinem Professor zu beweisen, dass seine Bilder durchaus Qualität haben, ließ der junge Künstler im Jahr 1997 Kleidermotten auf einige mit weißer Ölfarbe bemalte Leinwände fliegen, auf dass sie dort kleben blieben, und nannte die Arbeit „Wie die Motten ans Licht” – seinerseits ein Marlene Dietrich-Zitat, mit dem sie ihre Wirkung auf Männer besang.

DEEDS NEWS - Mies van der Rohe Haus - Ex-Wohnzimmer - Gregor Hildebrandt - Foto Felix Schnieder-Henninger
Werke von Gregor Hildebrandt im früheren Wohnzimmer, Foto: FSH

Musik, immer wieder Musik. Nicht nur benennt Gregor Hildebrandt seine Bilder, Skulpturen und Installationen häufig nach Musiker*innen, Bands, Songs und Textzeilen. Es ist wie gesagt die Musik, aus der er Kunst macht. Also weniger aus oder mit tatsächlichen Klängen, sondern aus seiner Leidenschaft für Musik und seinem Interesse für das, wofür sie stehen kann – Jugend, Freundschaft, Gemeinschaft, sich für immer einbrennende Erfahrungen – sowie ganz konkret aus analogen Speichermedien wie der Schallplatte und dem Kassettentonband. Die Musik liefert ihm in mehrerlei Hinsicht sein Material.

Zum Beispiel die Rip-Offs. So heißt eine Werkreihe, für die Hildebrandt auf zwei gleich großen, weiß grundierten Leinwänden mithilfe von Streifen schwarzen Kassettentonbands systematisch zwei Bilder anfertigt, den positiven und den negativen Teil desselben Motivs. Die Bilder sind schwarzweiß wie die Tasten eines Klaviers oder wie das Muster eines Schachbretts – ein weiteres lnteressensgebiet Hildebrandts, in der Ausstellung repräsentiert durch die 2,29 Meter hohe Bauern-Skulptur aus Bronze.

Das jeweils verwendete Tonband bespielt Hildebrandt dabei vorher stets – wie könnte es anders sein – mit Musik. Im Fall der drei Bildpaare, die in dieser Ausstellung zu sehen sind, handelt es sich um drei Songs, die nur eines verbindet: In ihnen wird an bestimmten Stellen kein Text gesungen, sondern vokalisiert: ,,Ah, oh” beziehungsweise ,Hm, hm”. Freie Assoziation.

DEEDS NEWS - Mies van der Rohe Haus - Garten - Gregor Hildebrandt - Foto Felix Schnieder-Henninger
Gemälde von Gregor Hildebrandt im Garten des Mies van der Rohe Hauses, Foto: FSH 

Am Anfang der zweiten Strophe wird aus „Im Sturz durch Raum und Zeit” durch das spiegelbildliche Vertauschen zweier Worte: ,,Im Sturz durch Zeit und Raum”. Hildebrandt ordnet die jeweils zusammengehörenden Arbeiten so im Raum an, dass sich die Positiv- und die Negativ-Version ineinander spiegeln. Mehr noch sind alle drei Bildpaare so angeordnet, dass sich dort, wo sich die Scheitelpunkte der Linien treffen, die sich im rechten Winkel von den Leinwänden denken lassen, ein Dolby-Surround­ Sound entstünde – im Garten nämlich. Hildebrandt denkt, genau wie Mies van der Rohe beim Entwerfen, das Haus außerhalb seiner Wände weiter. Allein, der Sound entsteht lediglich in den Köpfen der Betrachter*innen; auf den Tapes ist er ja nicht mehr zugänglich. Dieses Vorgehen steht beispielhaft dafür, wie Hildebrandt eine Ausstellung vor allem von ihrem Raum und dessen Gefüge her denkt, und an dieser Stelle eben nicht mehr intuitiv-assoziativ arbeitet, sondern basierend auf exaktem und planvollem Vorgehen. Musik wird hier zu bildender Kunst und wird durch Assoziation wieder zu Musik.

DEEDS NEWS - Courtesy MIes van der Rohe Haus - Gregor Hildebrandt - Foto Danny Shechtman
Dokumentation der Reise von Zypern nach Tel Aviv im Vorfeld der Ausstellung “Die Schwarze Sorge um das Segel” bei Sommer Contemporary Art, Tel Aviv, 2017, Foto: Danny Shechtman.

Diese vielfältigen Transformationsbewegungen sind auch dem Floß eingeschrieben, das auf dem Obersee vor dem Haus vor Anker liegt. Das Segel ließ Hildebrandt aus Kassettentonband weben, das mit einer thematisch passenden Playlist bespielt war, und segelte damit 2017 von Zypern aus nach Israel. Der verklungene Klang wird zum gewebten Bild, das Bild wird zum Segel, das Segel bringt den Künstler übers Meer und wird schließlich hier, auf dem Wasser, zum Teil einer Installation.

Sail away.

Text: Anne Waak

WAS?

Gregor Hildebrandt – Im Sturz durch Raum und Zeit

WO?

Mies van der Rohe Haus
Oberseestraße 60
13053 Berlin-Hohenschönhausen

ÖPNV: Tram M5 bis Station Oberseestraße

WANN?

Dienstag-Sonntag 11-17 Uhr, einschließlich Feiertage

KOSTET?

Eintritt frei

www.miesvanderrohehaus.de

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